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Rudolf Holtappel und Walter Kurowski im Schloss Oberhausen ausgestellt

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Von: Achim Lettmann

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Rudolf Holtappel fotografierte die „Siedlung Eisenheim, Oberhausen“ (1970).
Idyll in der Arbeitersiedlung. Rudolf Holtappel fotografierte die „Siedlung Eisenheim, Oberhausen“ (1970). Zu sehen in der Schau „Ruhrgebietschronist trifft Kulturlegende“ in Oberhausen. © holtappel, nachlass ludwigGalerie schloss oberhausen

Zwei Nachlässe von Persönlichkeiten des Ruhrgebiets werden in der Ludwiggalerie des Schloss Oberhausen vorgestellt: Fotograf Holtappel und Zeichner Kurowski

Oberhausen – Die Bilder von Rudolf Holtappel gehören zum fotografischen Gedächtnis des Ruhrgebiets. Wie auf einer Bühne präsentiert der Fotograf die Menschen im Revier, bei der Arbeit, in den Städten, am Kanal und in der Freizeit. Wie den Jungen, der einen kleinen Hund anlockt, während eine Frau vor dem Backsteinhaus ihre Illustrierte liest. In „Siedlung Eisenheim, Oberhausen“ (1970) scheint die Zeit stillzustehen, so beschaulich, einfach und gelassen gibt die Schwarzweißfotografie das Leben im Stadtraum wieder. Eisenheim, die älteste Arbeitersiedlung des Ruhrgebiets, zählte in den 1970er Jahren nicht zu den begehrten Wohngebieten Oberhausens. Aber Holtappel (1923–2013) findet als Menschenfreund die Stimmungen, die andere hier nicht erwarten. Er konnte auf seine Weise Partei ergreifen. Walter Kurowski ging ganz anders vor. Der Karikaturist, Plakatgestalter, Grafiker, Maler und Musiker trug seine Initiativen zum Leben im Ruhrgebiet, zur Stellung der Arbeiter in der Montanindustrie und zur Wertschätzung von Lehrlingen im Betrieb forsch und unübersehbar vor. „Bitte, äh, nach Ihnen!“ zeigt in einer „Kuro“-Karikatur, wie ein Gas-Unternehmer, den ausgebeuteten Konsumenten vom Öl-Magnaten übernehmen will. Kurowski (1939–2017) stellt die Energiekonzerne als skrupellose Teamplayer vor, die nur auf Profit aus sind. Der Zeichner aber bezieht Partei für den Menschen im Revier. Dies verbindet Holtappel und Kurowski.

Aber nicht nur. Die Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen zeigt ab Sonntag die umfangreiche Ausstellung „Ruhrgebietschronist trifft Kulturlegende. Rudolf Holtappel und Walter Kurowski. Eine foto_grafische Begegnung“. Neben 250 Fotografien Holtappels sind 150 Exponate Kurowskis ausgestellt. Er war über Jahrzehnte ein stadtbekannter Künstler in Oberhausen. Mit seinen politischen Karikaturen erlangte „Kuro“ in den 1970/80er Jahren bundesweit Aufmerksamkeit, wurde neben Arno Ploog, Chlodwig Poth (beide vom Satiremagazin „Pardon“), Karikaturist Rainer Hachfeld, dem Zeichner Stefan Siegert und dem satirischen Grafiker Ernst Volland genannt. Kurowski, in Essen-Kettwig geboren, brachte eine Lehre als Graveur an die Folkwangschule für Gestaltung, wo er mit 16 Jahren bereits freie Grafik studierte. 1960 schloss er als Preisträger sein Studium ab. Fortan war er freischaffend tätig, seit 1964 in Oberhausen.

Die Stadt hatte 2017 den Nachlass Kurowskis angekauft. Mittlerweile sind 3500 Werke der „Kulturlegende“ inventarisiert und digitalisiert. Im gleichen Jahr kam auch Holtappels Nachlass nach Oberhausen. Der Fotograf, in Münster geboren, wurde nach seiner Fotografenlehre auf der Staatslehranstalt für Lichbildwesen in München (1942–1943) ausgebildet. Nach seiner Meisterprüfung in Düsseldorf (1950) begann er 1953 als freier Fotograf und Bildjournalist für das ZDF, den WDR, die WAZ, den Carl Lange Verlag, das Theater Oberhausen und zahlreiche Industrie- und Wirtschaftsunternehmen zu arbeiten. 1960 zog er von Duisburg nach Oberhausen. 1989 berief ihn in die Deutsche Gesellschaft für Photographie. Sein Bildkonvolut von 360 000 Fotografien soll gesichtet, inventarisiert und digitalisiert werden. Die Ausstellung in Oberhausen zeigt mit der umsichtigen Präsentation beider Positionen, wie das kulturelle Andenken der Persönlichkeiten für die Stadt gesichert wird. Mithilfe einer finanziellen Förderung durch den Landschaftsverband Rheinland war die wissenschaftliche Nachlassarbeit von Miriam Hüning zu Holtappel und Kerrin Postert zu Kurowski möglich. Nun werden beide Positionen als Werkschauen ansichtig. Sie berühren sich bei den Themen Arbeitswelt und Orte des Ruhrgebiets.

In der Eingangsetage der Ludwiggalerie lädt das Kuratorinnenteam mit Museumsdirektorin Christine Vogt zum direkten Vergleich ein. Während Holtappels Foto „Sonntag am Rhein-Herne-Kanal mit Gasometer“ (1961) einige Ruderer zeigt, lugt in Kurowskis Gemälde „Spaziergang im Frühling“ (2015, Mischtechnik) das Industriedenkmal aus einem hellgrünen Hain hervor. Zwei Menschen gehen – ganz klein am Bildrand – Arm in Arm spazieren. Zwei Idyllen im Ruhrgebiet, die neben der Freizeitkultur auch etwas Kitsch der postindustriellen Zeit zulassen. Fotograf und Zeichner kannten sich persönlich.

Kurowskis Stärke belegen vor allem seine Karikaturen und Plakate. Zum Thema Schwangerschaftsabbruch verzieht Ernst Benda, Präsident des Bundesverfassungsgericht, auf dem Plakat „§ 218“ von 1975 sein Gesicht. Eine bauchige Frauenfigur verzerrt die Richtergesichter. Kurowski stellt sich gezielt gegen Autoritäten und unternahm sogar persönliche Attacken mit publizistischen Mitteln. Die Ausstellung zeigt Zeitungs-Karikaturen, Arbeiten für die Internationalen Kurzfilmtage, Zeichnungen für Parteipublikationen wie die „Juso-Lehrlingsfibel“ und seine Ankündigungen zum „Jazz-Karussell“, einer Musikreihe in Oberhausen, bei der er selbst als Musiker auftrat.

Von Rudolf Holtappel lassen sich seine Auftragswerke studieren, für Karstadt (1964–1995), Henkel (1974–2002) und das Theater Oberhausen unter Intendant Günther Büch (1961–1970), der seinerzeit Peter Handke förderte, und unter Klaus Weise (1992–2003). Vor allem die Warenhausfotos sind herrliche Schnappschüsse, wie sich Menschen der Produktwelt ergeben, abwägen, neugierig sind und versuchen, dem modischen Anspruch für sich etwas abzugewinnen.

Ab Sonntag, 23.1., bis 8.5.; 11 – 18 Uhr,

Tel. 0208/412 49 28; www.ludwiggalerie.de

Zwei Kataloge aus dem Bestand, jeweils 29,80 Euro

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