Oberhausen feiert Rudolf Holtappel, Chronist des Ruhrgebiets

Küchenchef und Handlanger: Rudolf Holtappel fotografierte „Werksverpflegung bei Henkel“,1979, zu sehen in Oberhausen. Foto: Rudolf Holtappel, Nachlass LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Oberhausen – Und wie schmeckt’s? Beim Blick in den riesigen Kessel sind wir heutzutage skeptisch, was der Küchenchef der Kantine angerührt hat. Aber damals ging es um Masse. Und es ging dem Fotografen Rudolf Holtappel vor allem um den Moment im Alltag: Ein unterwürfiger Blick und ein ergebenes Warten, beides erzählt die Geschichte zwischen Handlanger und Boss im Küchenbetrieb. Das Foto „Werksverpflegung bei Henkel“ (1979) ist ab Sonntag in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu sehen.

Die Ausstellung „Rudolf Holtappel – Die Zukunft hat schon begonnen“ stellt in rund 200 Fotografien einen Chronisten des Ruhrgebiets vor. Holtappel (1923–2013) wird eine retrospektive Schau gewidmet, die neben Stadtraum-, Industrie- und Menschenbildern auch weitere Arbeitsbereiche präsentiert – von 1950 bis 2013. In der Werkskantine von Henkel greift Holtappel Zwischenmenschliches auf. Die lebensnahen Bilder amüsieren und bringen etwas Wärme ins Chemieunternehmen. Von 1974 bis 2002 war Holtappel, gebürtig aus Münster, Auftragsfotograf in Düsseldorf-Holthausen. Für seine Fotografien gab es Preise von der Deutschen Wirtschaft.

Kuratorin Miriam Hüning hat auch unbekannte Bilder aus dem Nachlass ausgewählt, der 360 000 Einzelmotive auf Negativ- und Positiv-Material umfasst. Die Stadt Oberhausen hatte das Konvolut 2017 erworben. Vor allem das Kapitel Henkel sticht heraus, weil Holtappel für den Konzern auch Stillleben fotografierte. Es handelt sich um Produktfotos zu den Marken Persil, Pattex und dem Metylan-Tapetenkleister. Neben nüchternen Schwarzweißbildern zu Kartonagen, sind Mitarbeiterinnen am Fließband zu sehen, die für Langnese und Iglo im Produktionsprozess (1975) stecken. Für die Pritt-Stift-Werbung hatte Holtappel ein Transparent vom Klebestift abgelichtet, das an einem Schornstein des Konzerns befestigt war. Der 30. Geburtstag des Klebers wurde auf diese Weise 1999 gefeiert – auch in Werkszeitschriften publiziert.

Museen wie die Situation Kunst in Bochum und das Ruhrmuseum in Essen wurden Anfang der 90er Jahre auf Holtappels Werk aufmerksam. Das Ruhrmuseum erwarb 30 000 Holtappel-Fotos für sein Ruhrgebiets-Archiv.

Die 13 Stadtbildbände, die Rudolf Holtappel realisierte, hatten ihn im Revier bekannt gemacht. Duisburg, Gelsenkirchen und Oberhausen waren die größten Kommunen, die er ins Bild rückte. Und als Warenhausfotograf war der Meister des Fotografenhandwerk (seit 1950) auch überregional bekannt. 2011 fand in Wiesbaden die Ausstellung „Menschen im Warenhaus“ statt. Holtappel spürte Damen in Konfektionsabteilungen auf, die sich Hüte aufprobierten („Karstadt, Hutkauf“, 1964). Er liebte es, Menschen zu porträtieren, die selbstvergessen über Klamotten nachdachten – Shoppingkultur im Ruhrgebiet, aber auch andernorts. Zum Beispiel in den USA, wo Holtappel einen Chefreiseleiter von Karstadt begleitete. Die langgezogene Limousine vor einer Macy’s Filiale in Stamford, Connecticut, ist ein Architekturbild, das auf Format und Fluchtlinien setzt. Macy’s war die größte Warenhauskette der USA. In New York fotografierte Holtappel das World Trade Center (1979–1983) als Ikone gigantischer Baukultur, wie viele vor ihm.

Als freischaffender Bildjournalist fotografierte Holtappel für den WDR, das ZDF und die WAZ. Am meisten feierte Holtappel, der in Münster seine Fotoausbildung (1937–1939) machte und seit 1960 in Oberhausen lebte, das Ruhrgebiet. Für ihn war die Industrieregion ein prosperierender Lebensraum, der Arbeit gab („Zeche Alstadten, Oberhausen“, 1960). Mit seiner Industrie-Ästhetik verklärte er aber auch andere Seite der Industrie, lieber schuf er Bildikonen („Zeche Jacobi“, 1960). Für Holtappel kamen hier vor allem Menschen zusammen, wie die Kinder im Bild „Siedlung Eisenheim, Oberhausen, 1979“. Der asso-Verlag legte Kalender („Blagen“) auf und gab Postkarten heraus. Am Theater Oberhausen begleitete Holtappel die Intendanten Günther Büch (1961–1970), der Peter-Handke-Stücke auf die Bühne brachte, und Klaus Weise (1992–2003).

Gegensätze animierten Holtappel auf den Auslöser seiner Kleinbildkamera zu drücken. Auf der Marktstraße in Oberhausen sah er 1971 eine „Gastarbeiterin“ mit Kopftuch und die „Lady“ mit Hotpans. Als der Fotograf den knapp bedeckten Po der stadtbekannten Hutträgerin in einen Kalender aufnehmen wollte, soll sie gesagt haben: „Dat kannste nich’ da rein tun, wenn dat meine Omma sieht.“ Das Bild kam in den Kalender. Es zählt zum Bildarchiv des Reviers.

Die Ausstellung

Ein großartiger Chronist des Reviers.

Rudolf Holtappel – Die Zukunft hat schon begonnen im Schloss Oberhausen. Ab Sonntag, bis 6. September. di-so 11 – 18 Uhr; Tel. 0208/412 49 28; Katalog 29,80 Euro; www.ludwiggalerie.de

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