Norbert Tadeusz im Kunstpalast Düsseldorf

„Rote Jacke“ (1975) zeigt das Kleidungsstück auf einem Pantom Chair, rechts davon eine hockende nackte Frau. Foto: tadeusz/lemmerz

Düsseldorf – Sechs Figuren sind in dem großformatigen Gemälde „Gelbes Atelier“ (1985) von Norbert Tadeusz verteilt. Die irritierende Szenerie präsentiert das Gros an widerstreitenden und wiederkehrenden Themen des Künstlers, der 1940 in Dortmund geboren wurde. Sein Werk ist bildnerisch expressiv und psychisch aufwühlend.

Tadeusz, der von 1961 bis 1966 an der Kunstakademie Düsseldorf studierte, wird im größten städtischen Kunstmuseum der Landeshauptstadt eine retrospektiv angelegte Ausstellung gewidmet. Mit „Norbert Tadeusz“ kommt Direktor Felix Krämer einem Auftrag seines Hauses nach, einen Künstler, der sich in Düsseldorf entwickelt hat, wieder ins Licht zu rücken. Denn um Tadeusz sei es still geworden, sagte Krämer, „in den 80/90er Jahren war er präsenter.“ Es gibt 40 Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und „Devotionalien“ zu sehen.

Norbert Tadeusz (1940–2011) lag mit seinen figurativen Bildern meist fern der angesagten Kunstströmungen. Die extrem gewundenen Frauenkörper, die Fleischbilder wie aus der Schlachterei oder die heftigen Bewegungsstudien von Pferden beim traditionellen Palio-Rennen in Siena zählten nicht zu einer Kunst, die die Figur (und den Menschen) aus dem Blick verloren hatte. Bereits in den 60er Jahren, als sich Tadeusz von der Skulptur abgewandt hatte und erste obsessive Frauendarstellungen auf die Leinwand brachte, fiel die despektierliche Frage: Warum nackte Frauen? Minimalismus, Konzept- und Videokunst waren angesagt.

Und Tadeusz? Der malte weiter und schuf seine bedrohlichen Szenen und erstaunlichen Figuren, ob verbogen auf Designerstühlen oder hängend im luftleeren Irgendwo. Weshalb ihn der Mensch und die Frau nicht los ließen, das schlüsselt der Kurator Kay Heymer sinnfällig auf. Bereits frühe Bilder aus den Studienjahren belegen, dass sich Tadeusz mit eiszeitlicher Kunst befasst hat und altsteinzeitliche Fruchtbarkeitsfiguren kannte. Seine archaisch anmutenden Formfindungen im Gemälde „Mütter – Ur Chinesisch“ (1961) knüpft an die europäische Vorgeschichtskunst an. Tadeusz’ dichte wie zeichenhafte Malerei lässt sich hier mit ersten chinesischen Schriftzeichen vergleichen. Und immer war diese frühe Kunst mit Muttergottheiten auch von Angst bestimmt. Das Bildprogramm aus der Jungsteinzeit zum Beispiel schüchterte ein und faszinierte in gleichem Maße, so der Leiter für Moderne Kunst im Kunstpalast.

Heymer sieht bei Tadeusz eine dipolare Bildauffassung. Neben dem mütterlichen Prinzip der Natur drängte das Zerstörerische der männlichen Ratio in Tadeusz’ Werk. Der Künstler selbst war kein selbstbewusster Malerfürst, sondern Zweifeln ausgesetzt. Sein Gemälde „Weder-noch“ (1982) zeigt ihn nackt und zusammengerollt an einem Turnring hängend über einer Leiter. Absturzgefährdet.

Auch in der Moderne hatte Tadeusz Vorbilder. Von der Farbfeldmalerei Ellsworth Kellys inspiriert sind im Bild „Gelbes Atelier“ immer auch Farbflächen bestimmend. Eduard Hopper war ihm wichtig, weil der US-Amerikaner Stimmungen in Räumen ausdrücken konnte. „Rote Jacke“ (1975) ist eine rätselhafte Rauminszenierung. Hier dominiert ein persönliches Kleidungsstück auf einem Designermöbel, während die nackte Frau gleich daneben in der gelbbraunen Grundfarbe des Bildes versinkt. Und Claude Monets „Seerosen“ inspirierten Tadeusz, den Teich eines Sammlers in Feldafing (bei München) zu malen. Aus dem Bilderzyklus ist „Feldafing X“ (2005) in Düsseldorf zu sehen. Statt ein Idyll zu schaffen, wie es dem französischen Impressionisten gelang, stellt Tadeusz heraus, dass der Seerosenteich menschengemacht ist. Die umliegende Architektur spiegelt sich im Bild und die Seerosen schweben beinah nervös im undefinierten Malraum. Der Künstler selbst zeigt sich ganz links mit der Fotokamera. Wie ein Bildjäger, ein Paparazzo in eigener Sache.

Tadeusz arbeitet mit der visuellen Rivalität zwischen Malerei und Fotografie. Auch für sein vorletztes „Palio“-Gemälde (2001) vom Pferderennen greift er zu Fotos, die er in Italien geschossen hat. Wilde Galoppaden, stürzende Tiere, Reiter, die aus dem Sattel fliegen, und zwei unbeteiligte nackte Frauen. Ein Video in Düsseldorf zeigt den Maler, wie er mit dem breiten Kohlestück die Bewegtbilder auf die Leinwand vorskizziert – in der anderen Hand eine Fotografie mit extremen Momenten aus Siena.

Tadeusz’ selbstsicherer Zeichenstil ist in großformatigen Blättern zu sehen. „Strumpfhose“ (1977) zeigt eine Frau bäuchlings und mit nackten Pobacken im Doppelbett. Im Gegensatz zum porträthaften Bild „Akt auf dem Stuhl“ (1979) reduziert „Strumpfhose“ die Frau auf ein Schauobjekt. Im Zuge der „Metoo“-Debatte sind solche erotisch einseitigen Szenen nichts für den gesellschaftlichen Mainstream.

Aber der Kunstpalast plädiert für einen Figurenmaler, der aus einer Verletzlichkeit heraus gearbeitet hat. Allein 1200 Malereien finden sich im Nachlass des ungemein arbeitssamen Tadeusz.

Bis 2. 2. 2020; di-so 11–18 Uhr; do bis 21 Uhr;

Tel. 0211/ 566 42 100; www.kunstpalast.de

Katalog, Kettler-Verlag, Dortmund, 24,90 Euro;

nächste Station: Landesmuseum für Kunst und Kultur Münster, 8.5. bis 2.8.2020

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