Noel Gallagher debütiert mit Solo-Album nach Oasis-Trennung

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Noel Gallagher ▪

Von Frank Osiewacz - Noel Gallagher wirkt vollkommen entspannt. Als habe es den ganzen Stress mit Oasis und Bruder Liam gar nicht gegeben. Zwei Jahre verschwand der 44-Jährige nach der Trennung von Oasis im August 2009 von der Bildfläche. Über ein halbes Jahr nach Beady Eye, der Band seines Bruders Liam, legt er mit „Noel Gallagher’s High Flying Birds“ (Sour Mash) sein Solo-Debüt vor.

Manche meinen, er sei ein Genie. Und Noel entgegnet: „Ja, ich weiß.“ Als Oasis Anfang der 1990er Jahre auf der Pop-Bühne auftauchten, waren sie Stimme einer Generation, verkörperten ein Lebensgefühl und standen für Aufbruch. Doch die Musik wurde schnell zur Marginalie hinter Posen und Bruderkämpfen. Ihren frühen Höhepunkt hatte die Band mit „(What’s the Story) Morning Glory?“ (1995). Über 50 Millionen Alben haben Oasis insgesamt weltweit verkauft. Noel, der als der besonnenere der Brüder gilt, hängt immer noch an Oasis. „Nein, das hier ist keine Befreiung für mich. Ich wünschte von ganzem Herzen, dass es eine Oasis-Platte geworden wäre, weil wir dann in Stadien spielen könnten. Aber leider haben wir uns getrennt und so ist es Noel Gallagher‘s High Flying Birds Album“, sagt er. Und das obwohl er gerade ein Album abgeliefert hat, das die Band vermutlich so nie zustande gebracht hätte.

Gallagher hat für sich etwas wiedergefunden, das lange blockiert war: Er ist nach wie vor der geniale Songschreiber, ein Mastermind wie ihn britische Popmusik selten gesehen hat. Er sagt: „Ich liebe die Platte und es sind einige der besten Songs drauf, die ich jemals geschrieben habe.“ Tatsächlich erzeugt er damit wieder eine Art Aufbruchstimmung – nur für Menschen in fortgeschrittenem Alter.

Die zehn Songs sind wie eine kleine Reise. „Es gibt eine Richtung“, sagt Gallagher. „,Wir müssen hier weg und etwas anderes finden.‘ Es gibt viel Hoffnung; ich denke, dass das den Hauptteil ausmacht.“ Das hypnotische und gleichsam schwelgerische „Everybody‘s on the Run“ steht als Eröffnung stellvertretend für den Aufbruch. Der Miniatur-Soundtrack ist geradezu mitreißend bombastisch und legt den Grundstein für das Folgende. Darin erzählt Gallagher von Liebe („If I Had a Gun“), begibt sich mit der Single „The Death of You and Me“ auf exotisches Terrain mit kurzen Bläser-Ausflügen in Richtung Varieté. Der 44-Jährige entführt in Traumwelten „(I Wanna Live in a Dream in My) Record Machine“, geleitet den Hörer mit stampfenden Dancebeats („What a Life“) auf die Tanzfläche und endet mit einem alten, unveröffentlichten Oasis-Song in einer ausgedehnten Rock-Hymne („Stop the Clocks“).

Unterwegs begegnet man vielen Vertrauten: zum Beispiel den Kinks (Gallaghers „Soldier Boys“ ist das moderne „Dead End Street“) und auch seinem Freund Paul Weller. Das Alleinsein hat Gallagher anscheinend gut getan: „In einer Band zu sein, ist wie eine Ehe. Man dekoriert zusammen das Haus, es gibt ein Kinderzimmer, ein Jungszimmer und all den anderen Kram. Wenn man ein Solo-Künstler ist, dann ist es dein Haus. Man kann machen, was man will!“, sagt er.

Mit den High Flying Birds, die Gallagher nicht als Band, sondern als losen Zusammenhalt sieht, wird er zwangsläufig zum Frontmann. „Ich wollte nie ein Frontmann sein, sondern ich träumte davon, Gitarrist zu werden“, gesteht er. „Ich habe nie davon geträumt, der verfluchte Paul McCartney zu sein. Hoffentlich kommt niemand, der eine Show sehen will. Es gibt nämlich nichts zu sehen. Aber ich hoffe, dass die Songs alleine genug sind, damit die Leute sich setzen und zuhören.“ Das neue Album bietet jedenfalls alle Möglichkeiten dazu.

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