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Nicole Eisenmans Bilder in Bielefeld

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Von: Achim Lettmann

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Nicole Eisenmans großformatiges Gemälde „Progress: Real and Imagined“ ist in Bielefeld zu sehen.
Mit geschlossenen Augen zeichnen: Nicole Eisenmans großformatiges Gemälde „Progress: Real and Imagined“ ist in Bielefeld zu sehen. © Lettmann

Nicole Eisenmans Bilder werden in der Bielefelder Kunsthalle mit modernen Klassikern präsentiert. Ihre Brunnen-Skulptur in Münster bewegte viele Bürger.

Bielefeld – Mit ihren Bildern reagiert Nicole Eisenman auf das, was sie bewegt: Politik, Gesellschaft, Kunstgeschichte, Menschen und Identitätssuche – auch als Künstlerin. Unter den großformatigen Gemälden, die derzeit in der Bielefelder Kunsthalle zu sehen sind, zeigt „Progress: Real and Imagined“ (2006, Mixed Media) eine Art Selbstbild der US-Künstlerin und einen Verweis auf ihre Arbeitsweise.

80 Bilder, vor allem Zeichnungen, werden von der 56-Jährigen ausgestellt. Neben vielseitigen Werken sind 60 Bilder namhafter Künstler des 20. Jahrhunderts gehängt. Es gibt Parallelen zwischen Eisenman, van Gogh, Picasso, Modersohn-Becker und den Expressionisten. „Köpfe, Küsse, Kämpfe. Nicole Eisenman und die Modernen“ ist die große Ausstellung getitelt.

Die modernen Bilder kommen aus den Sammlungen der kooperierenden Kulturinstitute. Bielefeld arbeitet mit dem Aargauer Kunsthaus (Schweiz), der Fondation Vincent van Gogh in Arles (Frankreich) und dem Kunstmuseum Den Haag zusammen. Schaukonzept der vier Häuser ist, die klassische Moderne über Eisenmans Positionen neu zu befragen.

Die US-Künstlerin begreift das Atelier als Erweiterung ihrer Person an sich. Im Gemälde „Progress: Real and Imagined“ (dt. Fortgang: wirklich und gedacht) zeichnet ein junger Mensch mit geschlossenen Augen. Einzelne Blätter schweben im Raum, kleine Leinwandstücke sind bemalt, ein Tisch nimmt pastose Farben, Pinsel und Malutensilien auf. Dieses Atelier befindet sich auf einem Hausboot mit Erker und Seemann. Der Blick aufs Meer bietet surreale Details. Ein Ertrinkender hält den Rettungsring über Wasser. Wer rettet hier wen oder was?

Daneben ist eine großformatige Utopie ausgestellt, die Frauen zeigt, wie sie in einer Ursprungslandschaft ihre neue Welt erschaffen. Das Bild trägt den gleichen Titel: „Progress: Real and imagined“. Nicole Eisenman gehört zur aktivistischen und queeren Kunstszene New Yorks. Mit Sarkasmus und bitterem Humor begegnet sie der Welt. Das sei ihre Methode, sich vor Pessimismus zu schützen, sagte sie in einem Interview. Grundsätzlich wolle sie optimistisch sein.

Vier detailreiche Zeichnungen veranschaulichen ihr Selbstschutzkonzept. In der überladenen Comic-Szenerie „Ketchup VS Mustard“ (2005, Tusche, Aquarell) beißen ulkige Wesen in Hotdogs, tropft Ketchup aus Brüsten, erbricht sich ein haariger Penis und erhebt sich eine Sprechblase zum Bild im Bild mit abstrusen Figuren statt Worten. Hier folgen Chaos und Gewalt den Bildtraditionen der Populärkultur.

Ganz unaufgeregt kommt dagegen das Gemälde „T.B.T. (Headed Down River)“ von 2018 daher. Zwei Männer, der eine bandagiert, der andere wie leblos, steuern mit ihrem Boot auf einen Abgrund zu. Das Flusswasser ist grüngelb, der Himmel rot und ein Baum steht kahl in dieser Dystopie. Es ist eine ernüchternde Reaktion auf die Klimakatastrophe. Eisenman ist gegenwärtig, eindeutig.

Das figurative Werk versammelt visuelle Stile und Ausführungsweisen. In dem Gemälde „Watchers“ (2016) versimpelt sie ihre Figuren zu flächigen Couch-Potatoes mit Fernbedienung. Der Hund vor dem Sofa ist differenzierter abgebildet – ein Kommentar zum Dauerglotzen. Die Zeichnung „Night of the cheer with a spray of Bullets“ (eine Freudennacht mit ein paar Kugeln) von 2005 arrangiert ein Repertoire aus Kneipenszenen. Ausgeliefert wirkt dabei die nackte Sängerin. In dieser Zurschaustellung wird das triste Vergnügen entlarvt. Mit vier Einschusslöchern in einer zweiten Bildebene verhöhnt Eisenman, die für sie obsolete Freizeitbeschäftigung in einem heterosexuellen Milieu.

Die Künstlerin, die 1965 in Verdun (Frankreich) geboren wurde, wuchs in Scarsdale, New York, auf und studierte an einer Designschule in Providence im Bundesstaat Rhode Island. In Oslo, Baden-Baden und Austin (Texas) fanden Einzelausstellungen statt. 2019 folgten Einladungen auf die Venedig Biennale und die Whitney Biennale (New York). Bei den Skuptur Projekten 2017 in Münster erregte der Brunnen „Sketch for a Fountain“ der lesbischen und jüdischen Künstlerin Aufsehen. Die Gruppe übergroßer geschlechtsloser Figuren war beschmiert und beschädigt worden. Eine Bürgerinitiative hatte für das für Diversität werbende Kunstwerk 850 000 Euro Spendengelder gesammelt, es wieder erneuert und aufgestellt.

In Bielefeld geht es nicht um das bildhauerische Werk sondern vor allem um die Zeichnungen. Flirrend leicht gelingt auf Papier „Empty Beach Raining“ (2017, Tinte und Bleistift). Es ist ein Ausblick aufs Meer, der mit dicken Tropfen die Wetterbewegung spürbar macht. Van Gogh formte 1890 nach dem Luftschwung des Windes Himmel und Erde in seinem Gemälde „Mohnfeld“ mit kräftigen Farben. Auch das ist in Bielefeld zu sehen.

Die Selbstfindung am Strand könnte ein Schwerpunkt Eisenmans werden, so viele Arbeiten gibt es aus diesem Motivkreis. Eine Zeichnung zeigt ein Paar – er spielt Gitarre –, eine Frau mit Hut beim Schreiben, eine Liegende mit grellem Basecap und eine Nachdenkliche. Die Künstlerin versucht in den Arbeiten (2015 bis 2017) auch die flüchtige Stimmung am Meer einzufangen. Daneben ist Otto Muellers Gemälde „Die großen Badenden“ (um 1910) zu sehen. Es zeigt junge Menschen und ihr Körpererlebnis als Augenblick der Selbstfindung, die Eisenmans Liegende („Ohne Titel“, 2021) bereits genießt. Das flächige Porträt im Picasso-Stil zeigt eine Frau, die masturbiert und ein Getränk hält. Eisenman ermächtigt sich und instrumentalisiert den Stil eines Genies und Machos.

Immer wieder greift die US-Amerikanerin Ambivalenzen auf. Die Zeichnung „Le Kiss deux“ (2015) formt aus zwei Küssenden eine Einheit. Aber dass das gemeinsame Erlebnis ganz unterschiedlich erfahren wird, spitzt dieses Bild amüsant zu: Sie reißt die Augen auf, er genießt still. Gegenüber hängen Menschenbilder von Schlemmer, Jawlensky, Nolde, Picasso, Valloton, Rouault, Appel und Zille. Auch weil sich Eisenman auf Kunstgeschichte beruft.

Es ist eine Ausstellung mit überraschenden Momenten. In den Selbstporträts zeigt sich Eisenman einmal trinkend in einer Bar, wie ein Filmstar im Format von Humphrey Bogart. „Self Portrait With Spirit“ (2007) ist kleinformatig und im Stil eines Filmplakats gezeichnet.

Wie lässt sich die eigene Identität in der Massengesellschaft behaupten? Eine Herausforderung, die in der digitalen Welt und globalen Wirtschaft noch signifikanter ist, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals drang die Moderne schrittweise in alle Lebensbereiche. Und alsbald führte das Kino dem Publikum neue Helden vor. Nicole Eisenman macht mit ihrer Kunst solche Entwicklungen bewusst. Sie folgt der modernen Kunst, stärkt das individuelle Empfinden auch als Alternative zum bipolaren Sozialverständnis: Mann – Frau.

Bis 9. 1.; di – so 11 – 18 Uhr, mi bis 21 Uhr, sa 10 – 18 Uhr, Feiertage 11 – 18 Uhr;

Tel. 0521/32 999 500; Katalog erscheint im Dezember; www.kunsthalle-

bielefeld.de

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