Neuer Geierabend in Dortmund: „Zechen und Wunder“

Ungleiches Paar: Macron (Andreas „Obel“ Obering) und Merkel (Franziska Mense-Moritz) beim Geierabend. Foto: Bussenius/Reinicke

Dortmund – Sie lassen den Kopf nicht hängen. Letzte Zeche geschlossen?! Kein Problem, der Steiger schwenkt um und bietet „Manufactum-Kohle“ als neue Marke aus dem Ruhrgebiet. „Handgeschlagen“, sagt Martin Kaysh und setzt sein vielsagendes Grinsen auf. Das Erfolgskonzept für Produktvermarktung aus Waltrop („Es gibt sie noch, die guten Dinge“) kennt doch jeder. Und jeder weiß, was der Steiger meint, meint der Steiger. Und so läuft das immer beim Geierabend auf der Zeche Zollern in Dortmund.

Der Ruhrgebietskarneval steigt in die Session der Närrinnen und Narrhalesen ein und wirkt doch so anders als das Geschunkel am Rhein.

Der Geierabend ist ebenfalls eine Erfolgsgeschichte aus dem Revier – seit 1992. Und hier wird erst mal kein Streb geflutet und kein Schacht verfüllt. Unter dem Titel „Zechen und Wunder“ arbeitet ein neues Regieteam an den Ewigkeitsaufgaben Frohsinn, Unterhaltung und (Bier)Durst. Heinz-Peter Lengkeit, Till Beckmann und Claudia Lau (Choreografie) halten das 13-köpfige Team inklusive Tinitus-Band auf Kurs. Nahtloser Übergang heißt das in der Branche und ist positiv gemeint.

Das Premierenpublikum freut sich über liebgewonnene Figuren wie „Eine Frau sieht blau“ von Franziska Mense-Moritz („Wo ich bin, ist Raucherecke“) und über neue Gesichter wie Andreas „Obel“ Obering, der den Programmpunkt Kölner Karneval abhakt („Kacke an der Hacke“). Seine Gesichtsnasen-Brille ist super retro.

Statt Büttenrede kommt Schlendersack auf die Bühne. Der Sauerländer – Martin F. Risse zeigt auch so eine Figur – bringt immer Geschichten mit, die unmöglich wahr, aber sicher nur hier möglich sind. Mit einem Klapprad ohne Gangschaltung wird die Konkurrenz aus Niederrumploch düpiert. Vorausgegangen ist das Duell der Landfrauen („Frauen werfen Sachen weg“), bei dem Mistforken und Vorschlaghammer das Weite suchen. Herrlich absurd, wie selbstgefällig eine Lebensauffassung aus Schnöttentrop immer wieder triumphiert: „Wir hatten die Ruhe weg.“ Diesmal endete die Geschichte aber nicht im Güllestübchen.

Vermissen werden einige Fans die Awo-Oppas. Aber Hans-Martin Eickmann hat sich zurückgezogen. Und Steiger Martin Kaysh lobt einmal mehr den Pannekopp-Orden aus: 28 Kilogramm Stahlschrott an der Kette. In Dortmund kann wieder gewählt werden, wem das Unding zu gesprochen wird: Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), der im Wahlkampf die „A40 ohne Stau“ versprach und das nur halten kann, wenn ein Fahrverbot für Diesel kommt. Oder das Unternehmen DB-Netz, das nach 20 Jahren Planung eine S-Bahn durch die Stadt Herten schickt, allerdings einen Bahnhof nicht vor 2022 bauen wird.

Die Stadt Schwerte hat es da erst mal besser, weil sie Partnerstadt geworden ist. Und wie dann aus einem peinlichen Flötensolo mit zwei Quertreibern eine 1A-Rocknummer wird, ist typisch Geierabend oder „Thunderstruck“ von AC/DC.

Viel Musik gibt es auffe Zeche. Andreas Obering macht den Charles Aznavour („Du lässt dich gehen“) in der Nummer „Merkel und Marcon“. Der Comedian aus Hamm stimmt den Brexit an: „Wir waren eine Union, jetzt herrscht Frustration“. Auch seine Wutrede eines Ostdeutschen setzt neue Töne. Ob der „Ossi“ eine Geierabend-Figur werden kann?

Es sind auch die Kalauer, die immer wieder sitzen. Schön verrückt wird in indischen Saris getanzt, weil der Stahlkonzern Tata bei ThyssenKrupp eingestiegen ist. Eine neue Kultur! „Und wie heißen sie? Karl Kutta.“ Alles klar.

Richtig großartig ist das „Nachspiel“, wenn die hohlen Interviews aus dem Profi-Fußball auf klassische Musik treffen. „Die Hörner kamen im langsamen Satz über links“, sagt Musiker Hans-Peter Krüger, und Moderator Martin F. Risse erinnert an die 83. Minute: „Frei vor dem dreigestrichenen Fis!“ Letztlich gilt die Ausrede, „ob Geige oder Pauke, Hauptsache Blasinstrument“.

Sandra Schmitz lehnt noch als „Baum des Jahres“ den Preis in ihrem flauschig-steifen Eichen-Modell (Kostüme: Anna Ignatieva) ab und spricht an der Seite von Mense-Moritz („Ein Schal für zwei“) „besäufniserregend“ über Fußball.

Aber „Die zwei vonne Südtribüne“ kommen nicht mehr. Die Frage „Was ist die Mehrzahl von Bier? – Kasten!“ erinnert an Hans-Martin Eickmann, der bei diesem Thema fehlt. „Nehmen wir noch einen? Ja, sicher.“

TERMINE

37 Vorstellungen bis 5. 3.; Tel. 0231/14 25 25;

www.geierabend.de

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