Die neue Schauspielintendantin Julia Wissert erkundet Dortmund

Im Gewimmel der Passanten vor dem Dortmunder Hauptbahnhof: Szene aus dem Abend „2170 – was wird die Stadt gewesen sein, in der wir leben werden?“ mit Adi Hrustemovic. Foto: Birgit Hupfeld

Dortmund – Von der Katharinentreppe blickt man auf den strahlend erleuchteten Dortmunder Hauptbahnhof. Das Tor zur Stadt. Passanten eilen vorbei und stocken. Die Videotafel am Fußballmuseum zeigt unvertraute Bilder. Scheinwerfer leuchten ein Spielfeld aus, aus Megaphonen krächzen Stimmen. Und mittendrin ruft Adi Hrustemovic der Stadt entgegen: „Guten Abend, Dortmund!“

Es ist nicht so leicht, in der Reviermetropole anzukommen. Manche Passanten blicken nicht von ihren Smartphones auf. Vom Wall her dröhnt schon mal ein Sportwagen. Eine junge Frau setzt sich zwischen die Gruppe der eigentlichen Zuschauer, gibt sich mit Gucken aber nicht zufrieden, sondern kommentiert den Einsatz des Schauspielers. Hrustemovic ruft mit dem Text von Akin E. Sipal eine „neue Republik der Dichterinnen und Denker“ aus. Die junge Frau steckt sich eine Zigarette an und nörgelt: „Ich penn gleich ein.“ Der Schauspieler erzählt stoisch weiter von den Überlieferungen, vom Buch, von der Steppe, von Enten, die sich als Steppenadler aus der Asche erheben. Vieles verrauscht im Verkehrslärm.

Wie hätte der Einstand von Julia Wissert als Intendantin des Dortmunder Schauspiels ohne die Pandemie ausgesehen? Ihre erste Inszenierung mit dem grammatisch ambitionierten Titel „2170 – Was wird die Stadt gewesen sein, in der wir leben werden?“ ist ein Streifzug durch Dortmund. Das Ensemble erkundet mit Auftragstexten von vier Autorinnen und einem Autor das noch unvertraute Terrain. Das sollte anfangs auf der Bühne des Schauspiels gezeigt werden. Aus der Corona-Not der fast leeren Häuser macht Wissert in ihrer Inszenierung eine Tugend: Nun werden die Besucher in Gruppen direkt an die Inspirationsorte geführt. Nach einem Empfang im Schauspiel fahren Busse die Zuschauer zum Bahnhof und in die Nordstadt. Es ist eine eindringliche Begegnung mit der Wirklichkeit des Reviers, wenn auch nicht immer so, wie es geplant war.

Wenn man an der Rückseite des Bahnhofs steht, zwischen Baustelle, Agentur für Arbeit, der NS-Gedenkstätte Steinwache und dem Großkino, dann hört man einen Text wie „Become Iron“ von Ivana Sajko anders als im Plüschsitz. Allerdings auch unkonzentrierter, obwohl man Kopfhörer hat. Die Geschichte um eine Familie, die ihre Heimat aufgibt und in eine vermeintlich bessere Zukunft aufbricht, zeigen Valentina Schüler und Anton Andreew als Choreografie, zeitweise verstärkt durch eine Schar von Statisten. Aber man kann nie sicher sein, ob nicht die beiden Jungs in dunklen Jacken nicht zur Inszenierung gehören oder ob einfach nur zufällig ihr Weg quer durch das Scheinwerferkarree führt.

Die Tour führt an Orte, an denen die Nerven der Stadt blank liegen. Zum Beispiel an das „Horrorhochhaus“ an der Kielstraße 26. Ein Monstrum der späten Aufbruchsphase der Bundesrepublik, im Laufe der Zeit Spekulationsobjekt, dann Ruine, die 2021 endlich abgerissen werden soll. Davor sprechen Sarah Yawa Quarshie, Nika Miskovic, Bettina Engelhardt und Alexander Darkow Karosh Tahas Text und eingeschobene Statements von Stadtplanern, während sie vor Graffiti-Mauern hin und her gehen und gelegentlich mit Taschenlampen in verrammelte Fenster leuchten.

Wisserts Vorgänger Kay Voges hat das Schauspiel mit Produktionen profiliert, in denen er stark auf Medien setzte, auf Computerbilder und Live-Videos. Jetzt stehen die Zuschauer in der analogen Wirklichkeit, was durchaus einen starken Reiz hat. Die Aura eines Betonklotzes bedrückt den Betrachter schon, wenn er nur davor steht. Allerdings krankt die Produktion an ihrem essayistischen Charakter: Die Texte transportieren Informationen und Emotionen. Aber was die Schauspieler dabei tun, ist Bebilderung. Es bauen sich keine dramatischen Spannungsbögen auf, es gibt keine Interaktionen.

Das gilt bedingt auch für die finale Szene im Zentrum vor der Oper, auf dem Platz der alten Synagoge. Sivan Ben Yishais Text legt dabei die Vergangenheit des Ortes und die Gegenwart als Zeitschichten übereinander. Die traumatische Beschreibung eines brutalen nächtlichen Überfalls wird parallel gesetzt mit der Verwüstung des jüdischen Gotteshauses durch die Nazis am 3. Oktober 1938. Und von da schlagen sie den selbstreferentiellen Bogen zum Theater: Der Ort des Gotteshauses, der Ort des Gewaltakts ist nun das Zuhause des neuen Ensembles.

Die ambitionierte Produktion wird mit der Stadt nicht so recht fertig, in gewisser Weise scheitert sie. Aber es gibt immer wieder eindringliche Bilder, einen suchenden Ansatz, der neugierig macht.

29., 30.9., 1., 2., 3.10.,

Tel. 0231/ 50 27 222

www.theaterdo.de

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