Neue CD: Michael Wollny: Mondenkind

Michael Wollny Mondenkind Foto: Actmusic

Michael Wollny: Mondenkind (Act). Michael Wollnys Soloalbum „Mondenkind“ läuft exakt 46 Minuten und 38 Sekunden lang. Genau so lange dauerte es bei der ersten Mondlandung der Apollo-11-Mission, wenn Michael Collins, der an Bord verbliebene Astronaut, auf der Rückseite des Mondes ohne Funkkontakt dahintrieb.

Eine etwas aufgesetzte Pointe. Aber dass diese im April, mitten im Corona-Lockdown, von Wollny allein im Studio eingespielte Musik von Einsamkeit handelt, von Isolation, von nächtlicher Melancholie, das ist in dem Szenario dann doch wieder gut eingefangen. 15 Stücke spielt der wohl angesagteste deutsche Jazzpianist, überwiegend Eigenkompositionen, mal 49 Sekunden kurz, mal fünfeinhalb Minuten lang. Wer sich an die wilden Ausbrüche mit Wollnys Trio em erinnert, wird verblüfft feststellen, dass der Pianist hier den Romantiker gibt. Aus Tori Amos‘ Song „Father Lucifer“ macht er ein Lied ohne Worte, ganz schlicht und auf die Melodie konzentriert. Das Titelstück entwickelt er aus einem durchlaufenden Diskant-Schlag und baut darum eine verträumte Klangmeditation. Wenn er in „Enter Three Witches“ die Hexen heraufbeschwört, dann lässt wiederum die Erzählmusik Mussorgskys grüßen. Die Innigkeit, mit der er die frühe, spätromantische Fassung von Alban Bergs „Schließe mir die Augen beide“ interpretiert, ist ergreifend. Die Klang-Trickkiste packt er bei seiner Hommage an den französischen Filmpionier aus, der 1902 einen Animationsfilm über einen Mondflug drehte. Wollny greift bei „Un animal imaginée par Méliès“ in die Saiten, spielt ein präpariertes Instrument und erschafft eine Hörfilm-Miniatur. Nur ganz selten verlässt er die Nachtstimmung, in der „Sonatine“ von Paul Hindemiths Bruder Rudolf lässt er erst Tonwolken flirren, um dann kurz einen Boogie-ähnlichen Groove aufzubauen. Verführerischer kann Einsamkeit kaum klingen.

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