Neue CD: John Coltrane: Both Directions At Once

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John Coltrane: Both Directions At Once

John Coltrane: Both Directions At Once (Impulse/Universal). Als wäre eine zehnte Sinfonie von Beethoven aufgetaucht, so bewerten Schwärmer den Fund dieses 1963 eingespielten Albums von John Coltrane.

Nun ist der 1967 an Krebs gestorbene Saxophonist sicher eine der prägenden Figuren der Jazzgeschichte. „Both Directions At Once“ entstand mit seinem klassischen Quartett, dem Pianisten McCoy Tyner, dem Bassisten Jimmy Garrison und Schlagzeuger Elvin Jones. Coltrane hatte gerade das Label gewechselt, war kommerziell erfolgreich – seine Version von „My Favourite Things“ erreichte sogar die Charts. Dennoch sind diese im Nachlass seiner ersten Frau Naima entdeckten Aufnahmen kein „Heiliger Gral“, weil sie in einer Übergangsphase entstanden vor dem Meilenstein „A Love Supreme“, 1964 in derselben Besetzung eingespielt. Es gibt einige Abstriche beim Klang, weil die Tonbänder durch das Lagern gelitten haben. Immerhin ist dies keine Ausbeutung des Nachlasses. Die sieben Titel auf „Both Directions At Once“ waren zur Veröffentlichung bestimmt, ein von Bob Thiele produziertes Album, das zu spät kam, weil Coltranes frühere Plattenfirmen ältere Aufnahmen herausbrachten und er ein Überangebot vermeiden wollte. Mit 55 Jahren Verspätung hört der Jazzfan Coltrane auf der Höhe seiner Kunst. Und er kommt in den Genuss zweier bislang unbekannter Kompositionen, die unbetitelt blieben. Auf der zweiten mit der Produktionsnummer 11386 spielt Coltrane ein ekstatisches Sopransax-Solo, das manches von der spirituell aufgeladenen Musik von „A Love Supreme“ vorwegnimmt. Auffallend oft setzt der Pianist aus. Das Thema von Nat King Coles Hit „Nature Boy“ paraphrasiert Coltrane am Tenorsax über einem sehr zurückgenommenen Groove von Bass und Drums. Beim „Slow Blues“ zieht er alle spieltechnischen Register des Instruments ohne alle harmonische Grundierung, bis nach fünfeinhalb Minuten Tyner mit einem Piano-Solo das Stück beinahe in Funkgefilde wendet. Auch „Impressions“ erklingt in einer Trio-Variante.

Das Kontrastprogramm bietet Coltranes Deutung von „Vilia“, aus Lehárs Operette „Die lustige Witwe“, Mainstream-Bop zum Fingerschnipsen und Mitsummen. Lässt man alle Übertreibungen mal beiseite, ist es natürlich großartig, von diesem Musiker etwas wirklich Neues zu hören. - Ralf Stiftel

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