Das Museum unter Tage zeigt Arbeiten von Erich Reusch

Eine kräftige Farbigkeit prägt die Skulpturen und Wandobjekte von Erich Reusch, die in diesem Ensemble zu einer Rauminstallation kombiniert wurden. Foto: Stiftel

Bochum – Solide Blöcke in Grundfarben, in den Raum gestellt wie Bauklötze. Drei davon sind mit einer Art roten Fahne verbunden. An den Wänden ein wildes Ensemble aus bemalten Plexiglas-Splittern, mal angeschnittene Ovale, in die Löcher gestanzt wurden, mal ein 140 Zentimeter hohes, schlankes Objekt, über das sich ein türkiser Farbschwall ergossen hat. Das sieht ganz und gar nicht nach einem Alterswerk aus. Aber Erich Reusch war schon über 80 Jahre alt, als er die Arbeiten in diesem Raum schuf. Von ihm stammt auch das Konzept dieses so explosiven, grellen Gesamtkunstwerks, das den Schlussakkord der Ausstellung im Bochumer Museum unter Tage bildet.

Der 1925 in Wittenberg geborene Künstler hatte noch an den Vorbereitungen zur Ausstellung „Erich Reusch: grenzenlos“ mitgewirkt. Im Dezember 2019 ist er dann gestorben. So wurde das Unternehmen, das als Geburtstagsgruß geplant war, zum Gedenken. Im Park des Museums in Bochum-Weitmar ist Reusch präsent mit einer skulpturalen Installation aus Stahlsäulen und auf dem Boden liegenden Stahlwinkeln.

Reusch war in vielerlei Hinsicht ein Avantgardist. Berühmt wurde der documenta-Teilnehmer von 1977 mit seinen „elektrostatischen Objekten“ aus den 1970er Jahren. Dabei füllte er Kästen aus Plexiglas mit Rußpartikeln. Durch die elektrostatische Aufladung bedeckten Rußpartikel nach und nach alle Scheiben. Damit machte Reusch den umschlossenen Raum wahrnehmbar. Das Volumen der Kästen wurde sichtbar, zugleich behielten sie eine deutliche Transparenz. Zugleich waren diese Kunstwerke interaktiv: Durch Reibung konnte der Betrachter die Elektrostatik der Scheiben und damit die Ablagerung des Rußes beeinflussen. Schon vor der Corona-Krise war allerdings solcher Kontakt mit der Kunst nicht mehr geduldet.

Das Museum hatte mit der Pandemie Glück im Unglück: Die Eröffnung der Schau war am letzten Wochenende geplant. Sie fiel natürlich aus. Aber immerhin kann das Haus jetzt die Besucher wieder empfangen, natürlich unter Berücksichtigung der Hygiene- und Abstandsregeln und nur jeweils zwölf Besucher auf einmal. Mehr als 50 Arbeiten vermitteln das ausgesprochen vielseitige, stets innovative Werk Reuschs, der vielfach Ideen vorwegnahm. So entwarf er 1957 ein Mahnmal für Auschwitz als flachen Bodenobjekten, knapp ein Jahrzehnt vor dem US-Minimalisten Carl Andre. Realisiert wurde Reuschs Ehrenmal im Berliner Bendlerblock für die Widerstandsgruppe des 20. Juli (1978/79). Da legte er zwei bronzene Schwellen in den Hof des Gebäudes, die ebenfalls den Raum gestalten, aber ohne jede monumentale, pathetische Geste. Solche Arbeiten können in der Ausstellung nur über Fotos vermittelt werden.

Ebenso eine frappierende frühe Idee: 1951 arbeitete Reusch, noch Student der Bildhauerei, an figürlichen Gipsplastiken. Einen Torso stellte er auf den Kopf, um, wie er es formulierte, „mehr Aggressivität in den Raum zu bringen“. Er verfolgte die Idee nicht weiter, empfand die Figürlichkeit als überholtes Konzept, das nicht zu retten sei. Der Maler Georg Baselitz machte aus den auf den Kopf gestellten Motiven von 1969 an ein Markenzeichen.

Reusch, Weltkriegsteilnehmer, arbeitete nach dem Krieg zunächst als Architekt. Beide Fächer hatte er studiert. Die elektrostatischen Kästen und andere Arbeiten zeugen von einem grenzüberschreitenden Denken zwischen den Fächern. Auch der farbstarke Schlussraum mit den Säulen und Wandobjekten ist als Ensemble gedacht.

Schon ein 1956 geschaffenes Relief o.T. spielt mit der Spannung zwischen Flächigkeit und Räumlichkeit: Das Plexiglasquadrat mit seinen Löchern wirkt wie ein Wandbild. Aber aus ihm ragen gelbe und grüne Stäbe wie Stacheln in den Raum. Zwar knüpfte er bei den russischen Konstruktivisten an. Aber seine Idee, Linien in den Raum zu materialisieren, wurde zehn Jahre später vom informellen Maler Gerhard Hoehme (freilich in anderer Weise) wieder aufgegriffen.

Die Bochumer Schau zeigt die Vielseitigkeit Reuschs von seinen eher konstruktivistischen, reduzierten Anfängen bis zum malerischen Spätwerk. Reusch erlitt im Krieg eine Verletzung, die ein Nervenzittern der Hand zur Folge hatte. Als er in den 1990er Jahren einen Schlaganfall erlitt, verschwand das Zittern. Reusch wandte sich der Malerei zu, und schuf Bilder wie „o.T.“ (2016). Darin setzt er souverän verschiedene Techniken des Farbauftrags um, vom kräftigen Pinselschlag bis zum Farbfluss, bei dem rosa Streifen wie Tränenspuren über die untere Bildhälfte laufen. Ein ebenfalls 2016 geschaffenes Bild sieht aus wie eine weiße Bühne in einem tiefdunklen Farbraum, andere Arbeiten mit zarten, skripturalen Linien erinnern an Cy Twombly. Es gibt eine Menge zu entdecken in dieser intensiven, anregenden Schau.

mi – fr 14 – 18, sa, so 12 – 18 Uhr, Tel. 0234/ 298 89 01, www.situation-kunst.de

Katalog 28 Euro

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