Das Museum Ludwig prüft seine Werke der russischen Avantgarde auf Echtheit

Auf den Kopf gestellt, stumpfe Farben, die Figur ausgelassen: Das Museum Ludwig betrachtet die „Landschaft“ nicht mehr als Werk von Olga Rosanowa. Fotos: Museum

Köln – Diese „Landschaft“ scheint in einem Wirbel aus Splittern auseinanderzufallen. Angeblich hat die russische Künstlerin Olga Rosanowa dieses Bild um 1913 gemalt. Die Stilmittel des Kubofuturismus sind hier geradezu archetypisch verwendet, und der Untertitel „Zerlegung der Formen“ unterstreicht das auch. Ein Gemälde wie aus dem Musterbuch der Kunstgeschichte. In gewisser Weise stimmt das. Neben dieser hängt eine weitere, größere Tafel, die der „Landschaft“ sehr ähnelt. Allerdings leuchten die Farben kräftiger, und im Zentrum ist ein Gesicht erkennbar.

Aber nur das zweite Bild, der „Mann auf der Straße (Analyse von Volumen)“ stammt wirklich von der russischen Avantgardekünstlerin. Wenn man genau hinschaut, erkennt man, dass die „Landschaft“ eine Kopie ist. Allerdings hat der unbekannte Nachmaler das Motiv auf den Kopf gestellt und den Kopf des Mannes weggelassen. Der Nachhall der Wirklichkeit, den die Künstlerin in ihrer Dekonstruktion erhalten wollte, ist verweht. Die „Landschaft“ ist eine ziemlich sinnfreie Angelegenheit, angefertigt, um Modernität vorzutäuschen.

Zu sehen sind beide Werke im Kölner Museum Ludwig. In der Ausstellung „Russische Avantgarde im Museum Ludwig – Original und Fälschung“ unterzieht das Haus seine Bestände einer schmerzhaften Prüfung. Die russische Avantgarde gehört zu den Schwerpunkten des Museums neben den Werken von Picasso und der Pop Art. Das Museum hatte 1976 Werke von El Lissitzky angekauft. Dadurch entwickelte der Sammler Peter Ludwig ein interesse an den Werken von Malewitsch, Rodtschenko, Ljubow Popowa und anderen. Er erwarb in den Folgejahren fast 600 Werke, die am Ende von seiner Witwe dem Museum geschenkt wurden. Schon seit Längerem bestanden bei einigen Arbeiten Zweifel an der Echtheit.

Das Thema ist belastet. Wenn ein Bild kein echter Malewitsch mehr ist, sondern eine anonyme Nachahmung, dann bedeutet das einen erheblichen Verlust, an Prestige, an Publikumsinteresse, aber auch an Geld. Und doch hat das Museum Ludwig seine Bestände genau daraufhin untersucht. Wie stark die Tabus auf dem Thema sind, zeigen die Bemühungen der Züricher Galerie Gmurzynska um Einflussnahme. Am liebsten hätte man die Schau wohl verhindert, darauf deuten Äußerungen hin, das Museum habe mit der Schau einen falschen Schwerpunkt gesetzt. Die Galerie wollte vorab über die Forschungen informiert werden und hatte deshalb geklagt, allerdings wurde die Forderung in zweiter Instanz vom Oberverwaltungsgericht Münster abgewiesen. Wenn man weiß, dass Ludwig 81 von 100 Gemälden bei Gmurzynska gekauft hat, dann wird deutlich, wie sehr das Unternehmen um seinen Ruf fürchtet. Allerdings fanden sich bei den untersuchten Bildern eben auch Arbeiten, deren Echtheit bei den Untersuchungen bestätigt wurde, wie Alexander Rodtschenkos Meisterwerk „Schwarz auf Schwarz“ und Nadeschda Udalzowas „Weiblicher Akt“.

Die Ausstellung ist ein wenig wie ein Crashkurs in Kunstwissenschaft. Minutiös werden die Felder aufgelistet, auf denen ein Bild Verdacht weckt. Da ist der Bereich der Provenienz. Kasimir Malewitschs grandioses Bild „Supremus No. 38“ (1916) findet sich auf Fotografien von Ausstellungen der 1920er und 1930er Jahre. Das Werk gehörte der Staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau. 1972 aber schenkte der US-Sammler Armand Hammer dem Puschkin-Museum ein Gemälde von Goya. Als Gegengabe erhielt er auf Anweisung der Kunstministerin den Malewitsch. Die Avantgarde war in der Sowjetunion nicht wertgeschätzt. Hammer brachte das Bild später auf den westlichen Kunstmarkt. Angesichts einer so lückenlosen Dokumentation gibt es keinen begründbaren Zweifel an der Echtheit.

Da ist die Stilkritik, die manchmal keine belastbaren Fakten liefert, aber eben doch zuweilen Überzeugungskraft hat. Die früher Ljubow Popowa zugeschriebene „Malerische Architektonik“, das erstmals in den 1970er Jahren dokumentiert wird. Zu diesem Werk gibt es ein nachweislich echtes Gegenstück von 1918, das das Museum Ludwig aus dem Museo Thyssen-Bornemisza leihen konnte. Man sieht, wie die Künstlerin in den eckigen abstrakten Strukturen einen Bereich schuf, in den das kräftige Orange des Bildzentrums mit Weißbeimischungen aufgelöst wird, so dass ein Bereich entsteht, in dem die Farbe sozusagen entmaterialisiert. Beim Kölner Bild erscheint an dieser Stelle eine konturierte Bogenlinie. Die Mühe beim Farbauftrag war deutlich geringer.

Schließlich gibt es technische Analysemethoden. Bei Kliment Redkos „Suprematismus“ wiesen die Forscher die Farbe Titanweiß nach, die zu dem Zeitpunkt, als das angebliche Original gemalt wurde, noch nicht auf dem Markt war. Die Leinwand enthält die Kunstfaser Polyamid, für die das Gleiche gilt. Auch in diesem Fall ist in Köln das Vorbild zu sehen, Redkos „Suprematismus“ von 1921 aus dem MOMus in Thessaloniki. Der Unterschied ist offensichtlich. Beim Original experimentierte Redko mit Farben, um minimale Kontraste zwischen Schwarz und Grau zu erreichen. Solche Nuancen sind in Fotografien und Katalogen kaum abzubilden. So war es auch in einem Katalog zu einer Ausstellung 1977 in Düsseldorf, der die Kontraste erheblich verstärkte. Das nunmehr abgeschriebene Bild ähnelt in seinen kräftigen, ins Bräunliche spielenden Kontrasten dieser Reproduktion, die offensichtlich dem unbekannten Fälscher als Vorlage diente.

Hier erkennt man eine weitere Stärke der Kölner Schau: Sie unterstützt an keiner Stelle den Mythos vom modernen Kunstfälscher. Man erkennt, wo und wie die Kopisten hinter den Originalen zurückbleiben, wo sie ästhetische Pointen nicht erkennen, wo sie maltechnisch pfuschen, wo sie vereinfachen. Indem sie solche Stümpereien unter den Namen der wahren Künstler in Umlauf bringen, beschädigen sie den Wert des gesamten authentischen Oeuvres. Die Beltracchis dieser Welt sind keine Helden, die Auswüchse des Kunstmarkts entlarven. Sie sind schlicht Kriminelle, die von Unwissen oder Ahnungslosigkeit ihrer Opfer materiell profitieren wollen. Dass manchmal die Käufer zu gutgläubig waren, entlastet die Fälscher nicht.

Auch juristisch ist das Thema Kunstfälschung kompliziert. Ab wann ist ein Bild gefälscht? Muss das Motiv identisch sein oder genügt ein nachgeahmter Stil? Muss eine gefälschte Signatur darauf sein? Peter Ludwig kaufte Werke, die zuvor Itzhak Zarug gehört hatten. 2018 wurde Zarug wegen Betrugs verurteilt. Aber das Gericht konnte ihm nur bei einem Bruchteil von 1500 beschlagnahmten Bildern wasserdicht nachweisen, dass es sich um Fälschungen handelte.

Bis 3.1.2021, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221/ 221 261 65, www.museum-ludwig.de

Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln, 29,80 Euro

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