„Einblicke“ in eine Kunstsammlung

Museum Küppersmühle zeigt Bilder der National-Bank

Cornelius Völkers Bild „Hände“ ist im Museum Küppersmühle in Duisburg ausgestellt.
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„Hände“ nennt Cornelius Völker seine pastose Farbmalerei von 2003.

90 Bilder aus der Sammlung der National-Bank werden im Museum Küppersmühle in Duisburg ausgestellt. Lüpertz, Grosse, Cragg, Tadeusz und mehr.

Duisburg – Farbe schlägt sich im Werk von Katharina Grosse wuchtig nieder. Mit der Spritzpistole geht die Künstlerin so impulsiv vor, dass sie auch keinen Respekt vor Ausstellungsräumen und ganzen Häusern hat. Das Dreidimensionale wird von ihrem Farbnebel überwältigt, verfremdet und als plastische neue Form definiert. Eine Methode, die sie in der Kunst weltweit bekannt gemacht hat.

Diese trotzige Dimension der Farbkraft ist auch auf Grosses Leinwänden spürbar. Im Duisburger Museum Küppersmühle für moderne Kunst ist ein Werk von 2017 zu sehen. „O.T.“ nennt die Künstlerin, die in Düsseldorf und Münster studiert hat, ihre bizarren Farbschichten. Es gibt keine regelmäßige Struktur im Bild. Tropfende Farbe, durchscheinende Töne und helle Freiflächen vermitteln einen energiereiches Wechselspiel. Das Bild definiert sich nicht über eine tradierte Fläche (an der Wand). Grosse fixiert vielmehr den Augenblick von etwas Dynamischem, das sich nicht rahmen lässt: ihre Farbauffassung zwischen Graffiti und Malerei.

Katharina Grosses „O.T.“ ist am Anfang einer Ausstellung in Duisburg zu besichtigen, die eine Sammlung vorstellt. „Einblicke – Kunst aus der National-Bank“ bietet rund 90 Exponate von 28 Künstlerinnen und Künstlern. Anlässlich des 100. Geburtstags der Privatbank mit Sitz in Essen präsentiert die Küppersmühle künstlerische Positionen der vergangenen 15 Jahre. Der Vorstand des Geldinstituts, den die Kunsthistoriker Siegfried Gohr und Andreas von Lüttichau beraten, entscheidet über Ankäufe. Seit 30 Jahren wird die Sammlung aufgebaut. Darüber hinaus werden Kunsthäuser wie das Essener Museum Folkwang, das K20 in Düsseldorf, das Landesmuseum in Münster, das Museum Küppersmühle und weitere Institute unterstützt. Zwar finden sich Werke von internationalen Stars wie dem Bildhauer Yves Klein (Frankreich) und dem informellen Maler Karl Otto Götz (Deutschland) im Bestand des Bankhauses, aber seit 15 Jahren werden die Werke von Lehrern und Schülern der Akademien in Düsseldorf und Münster bevorzugt gesammelt. Ein Pluspunkt für die Kunst in NRW, wo die National-Bank ihre Zweigstellen führt.

Die Schau belegt die enge Verbindung zu den Künstlern. Thomas A. Lange, Vorsitzender des Bank-Vorstands, kennt nach eigener Aussage viele persönlich. Neben Grosses „O.T.“ gingen Zeichnungen von Leunora Salihu als letzter Ankauf in die Sammlung ein.

Die Bildhauerin, geboren im Kosovo, war bereits 2012 bei einer Förderpreisvergabe aufgefallen, den die National-Bank auslobte. Als Schülerin des Bildhauers Tony Cragg, der in Düsseldorf lehrte und Rektor der Akademie (2009 – 2013) war, passt sie zum Sammlungsprofil. In Duisburg sind 14 feinlinige Zeichnungen von schwebenden Raumvolumina zu sehen – eine Versuchsreihe („o. T.“, 2014). Und es gibt eine Skulptur, die leicht und durchlässig wirkt, weil die kompakte Form von „Säule“ (2013) mit Hilfe von Gitterstrukturen und Materialien wie Keramik und Acrystal disparat wird.

Von dem in Wuppertal lebenden Cragg sind zwei Plastiken ausgestellt. Während „First Person“ (2014) Bewegungsenergie in Materie (Holz) verwandelt, strebt die Säule „Large Standing Figure“ (2008) über einen Sockel wellenförmige in die Höhe. Die verschiedenen Profile erinnern an Gesichtskonturen des Menschen und haben etwas unheimlich Humanoides. Cragg schafft eigentümliche futuristische Formen.

Dagegen setzt Abraham David Christian mit seiner Plastik ein abstraktes Zeichen für Ewigkeit. Seine „Skulptur“ (2014/15) ist ein einteiliges, in sich kreisendes Gebilde. Die Form aus Bronze ohne Anfang und Ende erinnert an die rhythmische Gliederung des Bambus.

Neben plastischen Werken besteht das Konvolut der National-Bank vor allem aus Arbeiten auf Papier, aber auch aus Acryl- und Ölbildern. Wie groß die Sammlung ist, und wie viele Künstler vertreten sind, will die Bank nicht öffentlich machen. Qualität ist aber garantiert. Thomas A. Lange sagt, dass beim Ankauf auf das Wertsteigerungspotenzial der Werke geachtet werde. Arrivierte Positionen, also namhafte Künstler, sind im Vorteil.

Das heißt aber nicht, dass die Ausstellung Erwartbares zeigt. Von Stephan Balkenhol, der die Holzplastik erneuerte und kantige Menschenfiguren auftreten lässt, ist ein „Kopfrelief“ (2004) zu sehen. Die Oberfläche zeigt rissige Arbeitsspuren vom Holzbeitel, und mithilfe eines zarten Farbauftrags wird ein Gesicht erkennbar. Auch die großformatige Malerei vom Wandbildmeister Norbert Tadeusz, „Seerosen-Feldfing X“ (2006), schert aus dem Motivrepertoire des gebürtigen Dortmunders aus. Die großflächige Wasserlandschaft ist ein geheimnisvoller vegetativer Ort der Farben. Eigentlich verunsichern Tadeusz’ monumentale Bildräume als Arenen der Entgrenzung. Ohne Fixpunkt schweben Menschenkörper, ohne Hoffnung wird zerteiltes Schlachtvieh ausgestellt. Nicht in Duisburg.

Auch von Günther Uecker fehlen die Nagelbilder mit ihrer minimalistischen Reliefwirkung. Stattdessen gibt es zwei Prägedrucke auf Bütten. In „Both“ (2019) drücken die Nagelköpfe in ihrer Vielzahl durchs Papier eine Menge runder Punkte ab. In „Steam“ (2020) hinterlässt die Prägung von zahlreichen ganzen Nägeln in ihrer Seitenansicht einen schwebenden wie fließenden Eindruck im Papier. Neben der farbigen Serie „Geschriebene Bilder“ (2014) von Uecker sind Zeichnungen von Joseph Beuys Beleg dafür, dass Kunst auf Papier eine besondere Position in der Sammlung einnimmt. Beuys’ 17 Blätter sind in einem Kabinett gehängt. Eine Radierung wie „Tote Hirsche“ (1982) erinnert an die wenigen Striche, mit denen Nomaden der Urzeit ihrem Verhältnis zum Tier Ausdruck verliehen. Unter seinen Lithografien von 1974 findet sich ein Blatt, auf dem Beuys mit ein paar Linien die Identität eines Insekts definiert. Das Wesentliche ist getroffen.

Sehr stark wird das Malerische in der Ausstellung „Einblicke“ betont. Cornelius Völker (Jahrgang 1965) bewegt den Farbpinsel noch traditionell, im Gegensatz zur Sprühpistole von Katharina Grosse (Jahrgang 1961). Wie kunstvoll er mit seinen Pinselstrichen Gelb und Braun in zielgerichteten Schwüngen zu einem Dutt auftürmt, ist erstaunlich. Sein altmeisterliches Verständnis von Farbe fokussiert mit der Serie „Dutt“ (2014) auf eine Frisur und auf die Maltechnik. Völkers großformatiges Gemälde „Hände“ (2003) zeigt eben diese zur Faust geschlossen. Zwischen ihnen spannt sich ein Rock aus mehrschichtigen waagerechten Pinselstrichen. Pastos liegt die Farbe auf der Leinwand. Eine Liebeserklärung auch an die Weiblichkeit. Außerdem gibt es Bilder von David Czupryn, Ulrich Erben, Pia Fries, Tatjana Valsang, Dieter Krieg und Bernd Koberling.

Eine weitere Besonderheit der Sammlung sind ihre Werkzyklen. In einem Raum sind Vorarbeiten zum großen „Uranos“ von Markus Lüpertz zu sehen. Die Skulptur steht am Theaterplatz in Essen vor der National-Bank. Als Vorstudien gelten 37 Gouachen und Radierungen sowie die plastischen Entwürfe (Bozzetti) zum „Uranos“. Diese Studien seien für das Verständnis der Skulptur unverzichtbar, sagt Bank-Vorstand Thomas A. Lange, der alle diese Arbeiten letztlich als ein Werk versteht. Sogar als Auftragswerk. Obwohl die Bank keinen Einfluss auf Künstler nehmen wolle, habe man hier eine Ausnahme gemacht, so Lange. Lüpertz sollte 2016 den historischen Einschnitt verbildlichen, den das Ende des Kohlebergbaus für die Region bedeutete. Lüpertz setzt seine expressive Skulptur dem Bergmann gleich, der aus der Erde zurückkommt und mit seiner Arbeit Wirtschaft und Leben möglich machte. Uranos ist in der griechischen Mythologie einer der ältesten Götter der Elemente – er steht für den Himmel.

Bis 22. 8.; mi 14 – 18 Uhr, do – so 11 – 18 Uhr; Tel. 0203/3029 48 11; www.museum-

kueppersmuehle.de.

Der Eintritt ist frei.

Katalog, Wienand Verlag, Köln 35 Euro

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