Museum Folkwang zeigt „Bühnenwelten“

Metallschmuck, Kurzhaarschnitt und schräge Kopfbedeckung: Marianne Brandt fotografierte sich 1929 selbst. Die Fotografie „Selbstportrait mit Schmuck zum Metallischen Fest“ (Reprint 1993) ist im Museum Folkwang in Essen zu sehen. Foto: VG Bild-Kunst, Bonn

Essen – Sie war die erfolgreichste Künstlerin am Bauhaus. Marianne Brandt entwarf schon als Schülerin Lampen und Alltagsgegenstände, wie ihre Teekanne aus Metall. Diese Ideen waren profitabel. Sie übernahm die Metallklasse 1928 und avancierte als eine der wenigen Frauen zur Meisterin. Licht und Metall brachte sie auf immer wieder erstaunliche Weise in Form. Brandt (1893–1983) verabschiedete sich vom Bauhaus 1929 auch mit ihrem „Selbstportrait mit Schmuck zum Metallischen Fest“, einer Fotografie, die ihr Selbstbewusstsein als Künstlerin demonstriert.

Das Bild entstand zum Metallischen Fest, das ihr zu Ehren und zum Abschied veranstaltet wurde. Das Museum Folkwang in Essen zeigt ab Sonntag einige Fotografien von Marianne Brandt. Das Haus setzt damit seine Bauhaus-Reihe fort. Nach „Lyonel Feininger“ geht es nun um die „Bühnenwelten“. Insgesamt werden 40 Exponate aus der eigenen Sammlung präsentiert.

Über die legendäre Fest- und Partykultur am Bauhaus lässt sich auch auf die „Bühne“ als Ort für künstlerisches Schaffen verweisen. Hier sollten Raum, Form und Farbe ab 1919 neu begriffen werden. Wie in der „Architektur“ bestand der Anspruch, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Beide „Konzentrationspunkte“ führten verschiedene Künste zusammen. Lothar Schreyer war ab 1921 der erste Leiter der Bühnenwerkstatt in Weimar. Der Jurist hatte 1915 eine Theatertheorie entwickelt. Zuvor hatte er in Hamburg die „Kampf“-Bühne geleitet. Schreyer führte Premieren vor rund 200 Zuschauern auf. Es war ein hermetischer Zirkel, kein offenes Haus.

Mit Schreyer knüpft das Museum Folkwang an seine Verbindungen zum Bauhaus. 1930 machte die Wanderausstellung „Bauhaus“ in Essen Station. Und die Schau „Das Problemtheater“ war ebenfalls in Essen zu sehen. Die Stadt mühte sich seinerzeit, mehr Kunst in die Reviermetropole zu holen. 1928 trat Manda van Kreibig in der Folkwang Schule mit dem „Stäbetanz“ auf, der am Bauhaus entwickelt wurde.

Von Lothar Schreyer ist ein Beispiel für seine schriftlichen Anweisungen zu sehen, die in sehr grafischer Weise die Theaterakteure zum „Spielgang“ leiteten. Ein roter Punkt stand für „Mutter“, zwei rote Punkte für „Geliebte“. Unter den Textzeile sind Laut- und Tempohinweise notiert. Auch Bewegungsmuster werden mit den Symbolen ablesbar. Es ging nicht um menschliche Charaktere, sondern um ein Typenspiel, das durch Masken und Zubehör sehr formalisiert und außergewöhnlich erscheint. Grafiken, wie „Figurine zum Bühnenstück Mann“, belegen Schreyers expressive Bühnenkultur.

Als Oskar Schlemmer 1923 übernahm und die Bühnenwerkstatt bis 1929 führt, blieben Masken ein wichtiges Element. Er entwickelte „Ganzkörpermasken“, die die Schauspieler auch einschränkten und zu gewissen Bewegungen zwangen.

Schlemmer hatte vom Museum Folkwang 1928 den Auftrag erhalten, den Brunnenraum im Haus mit einem Bilderzyklus auszustatten. Der „Folkwang-Zyklus“ (von 1928) ist in der NS-Zeit verloren gegangen. Von Schlemmers Abstraktionen zu „Spiel und Sport“ bleibt ein Aquarell in Essen, das nur noch auf eine Skizze zum Auftrag zurück geht. So kann die Ausstellung „Bühnenwelten“ nur mit Fotografien und Grafiken auf die Bühnenkunst an sich verweisen.

Vor allem die Fotografien sind aber großartige Zeitdokumente. Ab 1923 experimentierte László Moholy-Nagy als Meister der Foto-Klasse. Sein Selbstporträt (1926) ist neben Marianne Brandts Perspektivfotografien (1928/29) zu sehen. Sie verfremdete ihr Selbstporträt und ihr Atelier durch Kugelreflexion zu räumlichen Volumina.

Theodore Lux Feininger, Sohn von Lyonel Feininger, porträtierte die „Tänzerin Karla Grosch“ (um 1928), wie sie strahlend und energievoll lacht. Sein Foto „Der Sprung über das Bauhaus“ (um 1928) ist eine Bildikone. Zwei Männer springen, und aus der Froschperspektive belichtet, scheint das Gebäude hinter ihnen in Dessau überwunden zu sein. Ein Ball davor lässt eine Fußballassoziation zu.

Authentisch wirken auch die Aufnahmen von Xanti Schawinsky, der Greta Palucca bei einer Probe im Magdeburger Stadttheater zeigt. Körperarbeit und Ausdruckstanz werden hier spürbar. Die Tänzerin Palucca war ein Star. Weitere Fotografien gibt es von Grete Stern, Gyula Pap und Josef Albers.

Mit der Bauhaus-Leitung von Hanns Meyer büßte die Bühnenwerkstatt ihre Position ein. Eine junge Gruppe machte fortan politisches Theater und persiflierte die erfolgreichen Meister, die wie Klee und Kandinsky viel Geld mit Gemälden verdienten. Neues Vorbild der „Bühne“ war das sowjetische Theater als Instrument des Klassenkampfes.

Ab Sonntag, bis 8. September; di/mi 10 – 18 Uhr, do/fr 10 – 20 Uhr, sa/so 10 – 18 Uhr; am 1. Mai geöffnet; Tel. 0201/ 8845 444; www. museum-folkwang.de;

Vier Bauhausstücke werden in der Filmbox des Museums vorgeführt.

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