Das Museum Folkwang zeigt Bilder von Nancy Spero

Antikriegskommentar: Nancy Speros Gouache „P.E.A.C.E., Helicopter, Mother + Children“ (1968). Foto: © The Nancy Spero and Leon Golub Foundation for the Arts / VG Bild-Kunst

Essen – Wut schuf diese Bilder: Man sieht einen Mann mit erigiertem Penis. Der Oberkörper verschwindet in einer Schliere aus Rot, aus der Schlangen fallen wie Regentropfen, und jede speit einen kleinen roten Feuerfaden. „Male Bomb“, männliche Bombe, nannte Nancy Spero ihre Zeichnung von 1966, schnell hingeworfen auf Papier mit Tusche und Wasserfarbe.

Die Künstlerin verfolgte diesen Themenkreis geradezu manisch. Immer wieder diese Köpfe, denen eine rote Spur aus dem Mund quillt, halb ein Erbrechen von Blut, halb ein Feuerspucken wie bei einem Drachen. Und Hubschrauber, die Menschen abwerfen oder Napalm und denen sie manchmal höhnisch ein „Peace“ in die wirbelnden Rotoren schrieb. Und Hakenkreuze mit den Flammenwerferköpfen am Ende. Ein Schaffensrausch, gesteuert von kalter Vernunft, von der Abscheu vor dem Vietnamkrieg. 150 Blätter schuf Spero. Wenige Künstler jener Zeit stellten sich politisch so eindeutig auf. Und sie überblendet auf erhellende Weise die Aggression des Krieges mit männlicher Sexualität, mit Machismus.

Zu sehen sind diese Bilder im Museum Folkwang in Essen. Das Haus widmet Nancy Spero (1926–2009) die erste große Werkschau in Deutschland. Vielleicht rückt sie die US-Künstlerin endlich so ins Bewusstsein, wie sie es verdient. Denn einerseits war sie zweimal auf der documenta in Kassel vertreten, hatte sie Retrospektiven in Kanada und Spanien und vor neun Jahren im Centre Pompidou in Paris. Aber die Anerkennung kam erst spät, jahrzehntelang litt sie darunter, dass ihre Arbeiten in einem männerdominierten Kunstbetrieb kaum zur Kenntnis genommen wurden. So wurde ihre fulminante „War Series“ gegen Vietnam seinerzeit nicht in den USA ausgestellt. Nur in Paris war sie zu sehen. Noch 2007 kam sie auf diesen Zyklus zurück, schuf eine raumgreifende Installation für die Biennale in Venedig, einen „Maibaum“ mit abgeschlagenen Köpfen. Eine imposante Version davon ist in Essen ausgestellt.

In Deutschland ist sie zu entdecken: Eine Künstlerin politisch reflektiert, pazifistisch, feministisch und mit einem sehr eigenwilligen Zugriff auf die künstlerischen Mittel. Die Schau, von Tobias Burg für Essen konzipiert, wird anschließend noch in drei Museen in Schweden, Dänemark (Louisiana Museum) und Norwegen gezeigt. Rund 75 Werke trug Burg zusammen. Ihre Themen hätten an Relevanz nichts eingebüßt, betont Burg.

Die Außenseiterrolle prägt Speros Leben. Die Tochter eines Unternehmers heiratete 1951 den Maler Leon Golub, den sie während ihres Studiums an der School of the Art Institute of Chicago kennen gelernt hatte. Beide malten figurativ, in der Tradition des Expressionismus, während in den USA die Abstraktion angesagt war. Als sie ihre „War Series“ schuf, entschied sich Spero, nicht mehr auf Leinwand zu malen, sondern nur noch auf Papier zu arbeiten. Papierarbeiten aber waren nicht nur empfindlich, sondern auch weniger gefragt auf dem Kunstmarkt. Und schließlich machte Spero auch ihr Geschlecht zum Thema: In den 1970er Jahren schuf sie einen Zyklus über gefolterte Frauen. Und kurz darauf entschied sie sich, nur noch Frauen in ihren Bildern darzustellen. Ein Schlüsselmoment war die Gründung der Artists in Residence Gallery in New York 1972, an der sie beteiligt war. Hier wurden (und werden bis heute) nur Arbeiten von Künstlerinnen gezeigt, und hier hatte endlich auch Spero ein Forum für ihre Bilder.

Die Essener Retrospektive setzt in den 1950er Jahren ein, mit expressiven Gemälden, oft von Liebespaaren, die sich als Schemen von einem düsteren Grund kaum abheben. Es folgen Räume, in denen die Zyklen mit Papierarbeiten ausgebreitet sind. Neben den „War Series“ sind das die „Artaud Paintings“ (1969/70). Um 1969 fand Spero ihre Frustration und ihre Selbstwahrnehmung als Außenseiterin gespiegelt in den Schriften des französischen Theatermachers Antonin Artaud, und sie verarbeitete Textfragmente von ihm in Collagen. Es folgt die monumentale Arbeit „Torture of Women“ (1976), 14 Papierbahnen von insgesamt 38 Meter Länge, in denen sie Zitate aus dem Amnesty-Bericht über Folter mit Bildelementen kombiniert.

In ihrem Spätwerk schließlich wurde Spero zu einer Art visueller DJane, deren Kunst darin besteht, vorhandene Bilder, heute würde man vielleicht von Memes sprechen, in neue Kontexte zu stellen. Sie trug einen Motivvorrat an Frauendarstellungen zusammen, eine Tänzerin mit zwei Dildos von einer griechischen Vase, eine keltische Fruchtbarkeitsgöttin, aber auch ein anatomisches Modell für Medizinstudenten und Bilder aus der Werbung. Am Ende hatte sie rund 450 Figuren, die sie auf großen Papierbahnen zu ekstatischen, sinnlichen Tanzgruppen arrangierte. Jetzt klagte sie nicht mehr Unrecht an Frauen an, sie zeigte Frauen als selbstbestimmte, selbstbewusste, starke Wesen, als „Göttinnen und Tänzerinnen“. Sie formulierte bereits 1985 ihr Credo: „Ich betrachte meine Kunst als Akte der Rebellion.“

Bis 25.8., di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0201/ 88 45 000, www.museum-folkwang.de, Katalog, Steidl Verlag, Göttingen, 20 Euro

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