Das Museum Folkwang in Essen zeigt das Werk von Keith Haring

Monumental und feinsinnig: Keith Harings Gemälde Untitled (1983), zu sehen in Essen. Foto: © Keith Haring Foundation

Essen – Keith Haring konnte komplexe Dinge ganz einfach aussehen lassen. Die zwei lebensgroßen menschlichen Figuren auf der Vinylplane bilden ein Kreuz. Der eine scheint auf dem anderen aufgespießt zu sein. Zeigt der Künstler eine Vereinigung oder eine Folter? Linien wie in einem Comic zeigen Schwingungen und Lichtstrahlen an.

Die Figuren hat Haring mit klaren weißen Strichen auf den schwarz-roten Grund gesetzt. Aus der Ferne sieht das plakativ und klar aus. Von nahem aber entdeckt man, dass dieser Grund selbst vibriert. Haring hat auf das Rot ein dichtes Netz aus schwarzen Zeichen geformt, so als wäre die Plane in einer unbekannten Schrift vollgetextet. Der US-Künstler kombiniert die Bildsprache von Kreuzigungsdarstellungen mit den Energieformeln des Expressionismus. Er versetzt der Fläche eine Aufladung, die sogar noch den Pointillismus spüren lässt. Das Bild geht ins Auge wie ein Plakat. Und dann entfaltet es Nachwirkungen.

Zu sehen ist die Arbeit ohne Titel aus dem Jahr 1983 im Museum Folkwang in Essen. Das Haus dokumentiert mit mehr als 200 Arbeiten die ganze Bandbreite des Künstlers, dessen strahlende Babys, tanzende Männchen, bellende Hunde und Ufos jeder schon einmal gesehen hat. Die Schau, erarbeitet mit der Tate Liverpool und dem Bozar in Brüssel, zeigt aber nicht nur den populären Zeichner, dessen Motive auf Kaffeetassen, T-Shirts und in der Reklame zu finden sind. Man lernt auch den Polit-Aktivisten und visionären Gestalter kennen.

Keith Haring (1958–1990) kam 1978 als Provinzler nach New York. Er entstammt einer protestantisch geprägten Familie in Pennsylvania. Er wird sozialisiert mit den aufstrebenden Massenmedien der 1960er Jahre, mit Fernsehen und Comics, und mit den Umbrüchen der Epoche, mit politischen Morden an Präsident Kennedy und Martin Luther King, mit der Mondlandung, mit dem Vietnamkrieg. Das Leben ist schwierig für ihn, er wagt nicht, sich als Schwuler in der konservativen Umgebung zu outen. Ein Studium als Werbegrafiker bricht er ab.

New York bedeutete für ihn eine Offenbarung. Zumal in den 1980ern, einerseits eine Epoche politischer Reaktion unter dem republikanischen US-Präsidenten Reagan. Andererseits aber entwickelte sich New York zu einer Hochburg des Hedonismus, einer Post-Punk-Feierkultur, in die Haring eintauchte. Er zeichnete mit Kreide auf die schwarze Folie, mit der in der U-Bahn abgelaufene Werbung abgedeckt wurde. Er arbeitet mit Sprayern zusammen. In Essen ist die zerbeulte Motorhaube eines Taxis ausgestellt, die er mit dem Sprayer Angel Ortiz bearbeitet hat. Er kuratierte Aktionen und Ausstellungen im Club 57 im East Village. Er erlebte die Stadt als „Gay Disneyland“.

Zunächst wurde Haring bekannt als Straßenkünstler. Sein „Radiant Baby“ (strahlendes Baby) wurde zum Markenzeichen. Sein Ruhm wuchs. Seine Arbeiten wurden in Galerien vermarktet. 1982 wurde er zur documenta 7 in Kassel eingeladen, 1987 schuf er eine Arbeit für die Skulptur Projekte in Münster. Entwürfe des „Red Dog for Lanois“ sind ausgestellt. Haring wurde populär und nutzte das offensiv. Er gestaltete Mode mit Vivienne Westwood und Malcolm McLaren – ein schwarz-rotes Ensemble in der Schau zeugt davon. Haring bemalte die Sängerin Grace Jones. Er eröffnete den Pop Shop, in dem Merchandise-Artikel wie T-Shirts, Sticker und Poster angeboten wurden.

Zugleich verstand sich Haring aber als Aktivist, der politisch wirken wollte. Er reagierte auf den ersten großen Unfall in einem Atomkraftwerk 1979 in Three Mile Island. Er schuf Bilder gegen das nukleare Wettrüsten und gegen die Apartheid in Südafrika. Er schuf Motive gegen Drogenmissbrauch, zum Beispiel „Crack is Wack“ (Crack ist das Letzte, Wandbild 1986). Mit collagierten satirischen Schlagzeilen, die er fotokopierte und auf Wände klebte, provozierte er: „Reagan Slain by Hero Cop“ (Reagan von heldenhaftem Polizisten erschlagen). Vor allem aber engagierte er sich für die LGBTQ-Community. Die 1980er Jahre waren auch die Epoche einer Pandemie, und auch wenn Aids heute mit Medikamenten gut therapiert werden kann, so ist das HI-Virus immer noch nicht besiegt. 1988 erfuhr Haring, der seine Sexualität offensiv ausgelebt hatte, dass er selbst erkrankt war. Schon vorher hatte er sich für Aufklärung und Safer Sex eingesetzt. Ein fröhlicher Comic-Penis schwenkt ein Kondom für „Safe Sex!“ (1987). Seine Grafik „Ignorance = Fear“ (1989) zeigt drei Menschen in den Posen der berühmten drei Affen: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Das eingängige Blatt ist ein ikonisches Motiv der Aids-Aufklärung. In einer eindringlichen Serie von Gouachen (24. April 1988) stellt er das Virus als eine Art Teufelsspermium dar, das vernichtend in den Schoß einer Frau sticht oder einem Penis entschlüpft.

In Essen kann man aber nicht nur den populären Schöpfer von Wandcomics bewundern. Die Schau fächert auch auf, wie Haring zu seiner prägnanten Bildsprache fand. Und sie zeigt zugleich, dass Haring vielseitiger war als bekannt. Sein Werk folgt nicht nur den Spuren Walt Disneys, obwohl immer wieder mal eine Mickey Mouse durch die Zeichnungen geistert. Mindestens so einflussreich waren gewiss, schon wegen der offensiv ausgestellten Sexualität, die Underground-Comics eines Robert Crumb.

Aber auf einer Literaturliste von 1979 findet man eben auch ganz andere Bezugsgrößen wie Joseph Beuys, Marcel Duchamp, Agnes Martin. In einer Tuschzeichnung von 1979 füllt Haring die Fläche mit kalligraphischen Linien. Diese abstrakte Arbeit steht Jackson Pollock näher als Andy Warhol. Den Pop-Art-Papst traf Haring in New York. Warhol wurde ein Förderer.

Haring malte schnell, was man in Filmen in der Schau sehen kann. Man sieht auf den Großformaten auch noch die Tropflinien seiner Pinselzüge.

Andere frühe Zeichnungen verweisen auf die Art Brut, auf Dubuffet und Alechinsky. Natürlich hat Haring meisterlich sein prägnantes Bildvokabular entwickelt, all die Figuren mit Wiedererkennungswert, die er immer neu variierte. Aber er schöpfte eben aus vielen Quellen, kombinierte High mit Low. Da sieht man großflächige Wimmelkompositionen wie „Matrix“ (1983), einen mehr als 15 Meter breiten gezeichneten Fries, der an die Ausmalungen altägyptischer Pyramiden erinnert. Auf einer Zeichnung (1983) stellt er aztekische Gottheiten dar. Und großflächige Gemälde auf Planen (ohne Titel, 23. September 1986) erinnern in ihrer Fülle an Szenen an Altäre von Bosch.

Das Museum Folkwang zeigt auch seine Neuerwerbung „Apocalypse“ (1988), eine Serie von Siebdrucken, die Haring zu einem Text von William S. Burroughs schuf. Hier sind die klaren Konturen aufgegeben, die Linien stimmen oft nicht mit den farbigen Feldern überein. Die luftige Farbigkeit lässt zuweilen an Matisse denken.

Die Schau sollte schon im Mai eröffnet werden. Wegen der Corona-Pandemie wurde sie verschoben. Maximal 190 Besucher dürfen auf einmal in die Räume. Das Museum hat die Möglichkeit einer Online-Buchung eingerichtet. Damit vermeidet man Wartezeiten.

Bis 29.11., di – so 10 – 18, di, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0201/ 88 45 000, www. museum-folkwang.de,

Katalog, Verlag Hatje Cantz, Berlin, 19,95 Euro

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