Im Münster-„Tatort“ müssen Boerne und Thiel einen Fall wieder aufrollen

Ermittlungen nachts auf dem Friedhof: Szene aus dem Münster-„Tatort“ mit ChrisTine Urspruch als Silke Haller und Jan Josef Liefers als Prof. Karl-Friedrich Boerne. Foto: © WDR/Martin Valentin Menke

Der Entführer trägt rot. Und einen langen, weißen Bart. Soviel darf man verraten beim „Tatort“ aus Münster. Das titelgebende „Väterchen Frost“ wuselt in immer neuen Inkarnationen durch die winterliche Westfalenmetropole, so dass Kommissar Thiel einmal feststellt: „Ich hab’ das Gefühl, ich seh überall nur noch Weihnachtsmänner.“

Genau so ein Mann mit Mantel, Mütze und falschem Bart sackt Nadeshda Krusenstern ein, als sie ihrem Chef Thiel gerade selbstgebackene Plätzchen vorbeibringen möchte. Der Entführer will den Kommissar und den Pathologen Professor Boerne dazu bringen, einen Fall neu aufzurollen, der schon vor Gericht verhandelt wird. Kirill Gromow, ein homosexueller Russe, soll seinen Freund erwürgt habe. Und Boerne hat zweifelsfrei nachgewiesen, dass das Opfer mit Kirills Händen erwürgt wurde. Eindeutiger kann eine Schuldfrage nicht geklärt sein, sollte man meinen.

Dieser Sonntagskrimi ist perfekt auf den Sendetermin abgestimmt. Der Prozess wird wegen einer Grippewelle vertagt. Eigentlich steht eine Auszeit von der Verbrecherjagd für alle an, und Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) kommandiert ihre Truppe zum Glühweintrinken ab. Der Film schwelgt in Impressionen vom Weihnachtsmarkt. Thiel (Axel Prahl) freut sich auf das Wiedersehen mit seinem Sohn, der aus Neuseeland zu Besuch kommen will. Und Boerne (Jan Josef Liefers) plant eine Sause in den Schnee mit Studienfreunden. „Sie haben Freunde?“, stichelt Thiel. Doch die Entführung durchkreuzt das Festtagsprogramm.

Der „Tatort“ aus Münster bleibt der sichere Quotengarant. Die grandios nostalgische Folge „Lakritz“ schalteten 12,6 Millionen Zuschauer ein. Auch diesmal, bei der 36. Folge, werden wieder die Massen zusehen. Die Stimmung ist bei dieser Folge, inszeniert von Torsten C. Fischer und geschrieben von Stefan Cantz und Jan Hinter, freilich eine ganz andere. Lustvoll wird hier die Weihnachtsseligkeit gebrochen. Das fängt schon damit an, dass der taxifahrende „Vadder“ Thiel (Claus-Dieter Clausnitzer) Terroralarm ausruft, „Konsumterroralarm“, während er den Boten für den Entführer macht.

Die Bilder von Kameramann Carl-Friedrich Koschnick sind düster, nicht nur wenn er Thiels Albträume mit blutrünstigen Weihnachtsmännern bebildert. Bei ihm klimpern sogar die Glassterne am Verkaufsstand bedrohlich. Die Handlung ist gleichsam winterlich umschattet, mit gelegentlichem Gegenlicht von Bildschirmen, Leuchten, Kerzen.

Auf die aufgekratzten Dialoge verzichten Thiel und Boerne auch diesmal nicht. So fragt der snobistische Professor, der im Winter seine russische Phase hat und ständig den Klassiker „Otschi Tschornje“ (Schwarze Augen) von Fjodor Schaljapin hört, wer denn dieser „Last Christmas“ sei. Thiel blödelt retour: „Vielleicht der Bruder von Merry Christmas.“ Ein Running Gag ist die teure Uhr, die Boerne geschenkt bekommen wird von jemandem, der ihn mag: „Zu Weihnachten bin ich mir das schon wert!“ Und prompt funktioniert der Zeitmesser nicht.

Natürlich ist nicht der Entführer der Bösewicht. Er will in scheinbar aussichtsloser Lage nur der Wahrheit zum Sieg verhelfen. Und so bekommt Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) endlich einmal mehr Spielanteile, wenn sie dem maskierten Russen im Freilichtmuseum zwischen Jagdtrophäen und alten Mehlsäcken bei viel Wodka näherkommt. Auch sie hat ja russische Wurzeln. Und ihre besorgte Familie fragt schon seit längerem, warum sie noch nicht verheiratet sei. Schnell sprühen da Funken wie in einer romantischen Komödie.

Was sich in der Mordnacht wirklich zutrug, das müssen Thiel und Boerne unter dem Druck mühsam rekonstruieren. Wenn es keine Beziehungstat war, wer steckt dann dahinter? Die Russenmafia? Eine Rockerbande? Und welche Rolle spielt der mysteriöse Schattenmann, der an allen Schauplätzen auftaucht? David Bennent ist hier als wunderbar undurchsichtiger Finsterling zu sehen. Er sieht schon gefährlich aus, wenn er einfach nur im Nebenraum in einem Espresso rührt und lauscht, während Thiel eine Zeugin befragt. Oder wenn er einen weiteren Nussknacker ins Regal stellt. Der Mann hat eine geisterhafte Präsenz. Ein toller Auftritt für den Schauspieler, der in Volker Schlöndorffs oscar-prämierter Verfilmung der „Blechtrommel“ den kleinwüchsigen Oskar Matzerath verkörperte.

Dieser „Tatort“ profitiert durchaus vom Spannungskino der 1960er Jahre, von engen Schauplätzen, an denen atmosphärisch stimmige Studiobauten für den milden Grusel sorgen. Wie hier bei der nächtlichen Graböffnung in Schummer und Nebel, bei der Thiel und Boernes Assistentin Haller (ChrisTine Urspruch) die Schaufel schwingen.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

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