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„Vögel“ von Wajdi Mouawad am WLT in Castrop-Rauxel

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Von: Achim Lettmann

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Im Krankenhaus sind Leah (Gabriele Brüning, von links), David (Mario Thomanek) und Wahida (Simone Schuster)
Im Krankenhaus sind Leah (Gabriele Brüning, von links), David (Mario Thomanek) und Wahida (Simone Schuster). Szene aus dem Stück „Vögel“. © Volker Beushausen

„Vögel“ ist das meistgespielte Stück an deutschen Bühnen. Der Autor Mouawad begegnet dem Hass im Nahost-Konflikt mit einer neuen Bewertung von Identität.

Castrop-Rauxel – Vom Amphibienvogel erzählt Hassan al Wassan. Es ist eine Geschichte, die Mut machen soll im Widerstreit der Religionen. Der Vogel, der im Meer etwas Neues erleben will, überwindet die Warnungen seiner Artgenossen und stürzt sich ins Wasser, wo ihm bald Kiemen wachsen und er ein farbenfrohes Leben im fremden Element beginnt. In seinem Stück „Vögel“ stimmt der Theaterautor Wajdi Mouawad immer wieder Metaphern an, wenn Juden, Christen und Araber unversöhnlich sind. „Vögel“ fragt: Was tun, wenn der Hass alles Menschliche zerstört? Nur gibt es im Drama „Vögel“ – im Gegensatz zu Culture-Clash-Komödien – wenig Verständnis für die andere Kultur. Wieviel Hoffnung ist auf der Bühne noch glaubwürdig, wenn die Ethnien im Nahen Osten noch immer keinen Weg finden, friedlich nebeneinander zu leben?

In Castrop-Rauxel spielt das Westfälische Landestheater (WLT) „Vögel“, um gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass ein Zeichen zu setzen. Wajdi Mouawad, im Libanon geboren, wuchs in Frankreich auf, bevor er mit seinen Eltern nach Kanada ausreiste. Paris verweigerte der Familie den Aufenthalt. Mittlerweile leitet Mouawad das Théâtre national de la Colline in Paris, wo er „Vögel“ 2017 uraufführte. Mouawad hat das Stück der Stunde geschrieben – es ist das meistgespielte auf deutschsprachigen Bühnen.

Der Gen-Forscher Eitan, der sich in New York in Wahida verliebt, zweifelt an der Bedeutung von Identität. Jeder Mensch bestehe aus 46 Chromosomen und „Auschwitz greift nicht die Gene an“, sagt Eitan später, als ihm seine Mutter schon „Vatermord“ vorgeworfen hat und dieser Vater nichts von Eitans Liebe wissen will, einer Araberin. Alle treffen sich in Israel, weil Eitan bei einem Terrorangriff verletzt wurde. Wahida begleitete ihren Freund auf der Reise. Nun lernt sie Eitans Familie kennen, den Hass, aber auch ihre Heimat Ramallah und sich selbst.

In der Stadthalle hebt das Schauspiel vor einer weiß-kalten Fliesenwand an (Bühne: Elke König). Tobias Schwieger dreht den jungen Mann auf, der sich in die schicke Geisteswissenschaftlerin verliebt. Offen, provokant und voller Selbstzweifel reflektiert Schwieger den „Big Bang“. Neben seiner Hormon-Ekstase hätte der Szene etwas Gefühl gut getan. Simone Schuster dreht sich als Wahida kokett auf kessen Stiefelchen und genießt ihre Wirkung. Sie liest eine Handschrift aus der Renaissance, als ein Gelehrter, gebürtig aus Granada, im muslimischen Fes wie im christlichen Rom ein Kenner beider Kulturen wurde.

In „Vögel“ sind die Konfliktlagen dicht und sehr konstruiert. Eitans Großmutter lebt in Jerusalem. Sie hatte ihren Mann Etgar und Sohn David nach Berlin geschickt, als der Krieg 1982 in Israel das Leben gefährdete. Guido Thurk spielt Etgar, einen Holocaust-Überlebenden, der als Ruhepol im Streit zwischen David und seinem Sohn Eitan steht. David will verhindern, dass Juden weniger werden. Die Shoah hat dem Juden harte Regeln diktiert („nicht im Schmelztiegel des Feindes verschwinden“). Seine Frau aus Ostberlin, die als Kommunistin erst spät erkannte, dass sie als Jüdin zur Welt gekommen war, ereifert sich für ihren Mann gegen Eitan und seine arabische Freundin. Regisseur Gert Becker lässt die Parteien los. Es wird gebrüllt, geschimpft („scheiße, scheiße“), beleidigt, als gäbe es kein Morgen. Selbst Oma Leah ist überfordert und wünscht Wahida einen anständigen Fick, dass sie mal „fette Schwänze blasen“ soll. Sie weiß ja, dass es schwer ist, einen Juden zu lieben. Auch Davids Hassrede über Palästinenser ist schockierend. Das Spieltempo der Verwerfungen, die Detonationen und die Kriegsnachrichten aus dem Off testen Belastungsgrenzen beim Publikum.

Regisseur Becker setzt in Castrop-Rauxel auf schrille Dialoge. Es geht laut, hart und vernichtend zu. Der Inszenierung fehlen die Mitteltöne. Wohltuend ist, dass Etgar ruhig und gefasst erzählt, dass David ein Palästinenserkind ist, das er selbst im Sechs-Tage-Krieg gerettet hatte. David ist kein Jude. „Ich bin mein eigener Feind“, sagt er. Ein Schlaganfall folgt.

„Vögel“ ist ein wechselvolles Notfall-Szenario am WLT. Wahida erkennt ihre wahren Wurzeln („Ganz Ramallah riecht nach meiner Mutter“) und trennt sich von Eitan. Es sind Selbsterkenntnisse, die das Drama noch verdichten.

Am Ende tritt der Universalgelehrte auf und spricht vom „Amphibienvogel“. Mit Poesie wird für Menschlichkeit geworben. Mit den Mitteln des Theaters, die diesmal herausfordernd sind.

2.3. Lüdenscheid, Kulturhaus, 6.4. Hamm, Kurhaus; www.westfaelisches-

landestheater.de

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