„Monster“: Im Dortmund-„Tatort“ müssen die Ermittler ein Mädchen finden

Auf den Dächern über Dortmund beginnt der Kampf zwischen Kommissar Faber (Jörg Hartmann, rechts), und Markus Graf (Florian Bartholomäi) in einer Szene aus dem Tatort „Monster“. Foto: © WDR/Thomas Kost

Der Mann knetet den Teig mit Hingabe. „Ich liebe den Geruch von frischem Brot“, sagt er zu einem unsichtbaren Zuhörer. Die Kamera umspielt sein Tun, zeigt, wie die Rührmaschine den Teig bewegt. Nichts als gutes Handwerk. Unbemerkt haben sich die Kommissare Dalay und Pawlak angeschlichen. Pawlak wirft den Mann auf die Arbeitsfläche, legt ihm Handschellen an, und erst da sieht man, dass der Bäcker unter der langen Profischürze nackt ist.

Und in einem schäbigen Verschlag findet Nora Dalay einen verstörten, nackten Jungen. Der joviale Genießer ist nebenher eben auch ein Kinderschänder. Ein „Monster“, dem man es nicht ansieht. In ein finsteres Milieu führt der neue „Tatort“ aus Dortmund, in die Kreise von Pädophilen, die ihre perversen Triebe eben auch dazu ausnutzen, um mit ihren Opfern Handel zu treiben.

Am Anfang steht wie fast immer im Sonntagskrimi der Mord. Diesmal hat eine junge Frau einen Mann blutig getötet. Sie will niemanden an sich heranlassen außer Kommissar Faber. Bald stellt sich heraus, was sie antreibt. Denn ein alter Bekannter Fabers meldet sich zurück. Markus Graf, der Frau und Tochter des Ermittlers ermordet hat und der aus der Haft entflohen war. Die junge Mörderin ist seine Verbündete, seine Verbindung zur Polizei. Graf will immer noch Rache für seinen Vater, den Faber einst festnahm und der sich in der Haft umbrachte. Der Psychopath erweist sich erneut als Meister der Manipulation. Diesmal ist er besonders infam: Er hat die sechsjährige Tochter von Kommissar Pawlak entführt und dem Pädophilenring zugespielt. Im Internet läuft in Echtzeit eine Auktion um Mia. Graf fordert, dass Faber sich zur Strafe ebenfalls umbringt. Dann würde Mia freigelassen.

Autor Jürgen Werner, der schon zehn Dortmund-„Tatorte“ geschrieben hat, und Regisseur Torsten C. Fischer führen hier den Handlungsstrang fort, der seit dem Start des Teams um Faber immer wieder aufgegriffen wurde. Dabei blenden sie immer wieder Szenen aus früheren Begegnungen Fabers mit Graf ein. Und sie führen den Kommissar mehrfach aufs Dach. Auf dem Hansahaus, mit Panoramablick über die Revierstadt, treffen sich die beiden. Hier erfährt Faber, dass er endlich „den Sittich machen“ soll, wie er selbst es ausdrückt. Graf hat trickreich seine Flucht geplant. Sprünge vom Dach sind allerdings nicht unbedingt die Kernkompetenz des Kommissars. So humpelt er seinem alten Gegner auf der Treppe hinterher. Trotz der vielen Außenaufnahmen mit Dortmundblick, trotz der suggestiven Kamerafahrten durch gutbürgerliche Häuser, die aber wegen der in ihnen wohnenden Monster zu düsteren Schreckensfahrten mutieren, sind die stärksten Szenen die Begegnungen zwischen Faber und der Mörderin, Kammerspiel in abgedunkelten Verhörräumen. Immer wieder lässt Kameramann Theo Bierkens die Zuschauer durch Löcher, Nischen, Fenster blicken, macht sie zu Voyeuren. Ums Beobachten und Spionieren geht es ja auch den Pädophilen.

Jörg Hartmann spielt den Faber wieder als Getriebenen, nimmt diesmal den Ruhrpotthumor zurück. Und er fühlt sich mal wieder im Team mit Anna Schudt als Bönisch in Opfer und Täter ein. Rick Ozons Kommissar Pawlak offenbart diesmal unfreiwillig Einblicke in sein eigentlich streng gehütetes Familienleben. Und Aylin Tezels Kommissarin Dalay erweist sich ausnahmsweise einmal als stabilisierendes Element im Team. Wobei der Auftritt von Schudt beim Verhör eines Verdächtigen als widerwillige Staatsanwältin ebenfalls Klasse hat. Sie „fabert“, so umschreibt ihr Kollege den Regelbruch.

Und auch die Gegenspieler zeigen sich auf der Höhe: Florian Bartholomäi ist erneut der elegante, charmante Serienmörder, dem man seine Gefährlichkeit so wenig ansieht wie den Pädophilen ihre Neigung. Neben ihm sieht der Ermittler im Knitterparka immer uncool aus. Luisa-Céline Gaffron zeigt mit oft stummem Spiel die Abgründe der Mörderin, die als Kind selbst missbraucht wurde, bis sie zu alt für deren Geschmack war. Sie suchte Rache an ihren Peinigern und fand einen Verbündeten in Graf. Ob Mia befreit werden kann, hängt davon ab, ob Faber den Panzer aus Hass und Verbundenheit durchbrechen kann.

Dieser Dortmund-„Tatort“ passt mehr als sonst ins Schema der Krimireihe, verbindet ein nicht erst seit den Missbrauchsfällen in Lügde aktuelles Thema mit der Lebenssituation der Ermittler. Aber wie ein Motiv fortgeführt wird, das die Figur Faber von Anbeginn an ausmachte, das ist schlüssig erzählt und durchaus anders aufgelöst als zu erwarten.

Sonntag, ARD, 20.15 Uhr

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