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Das Industriebild im Blick von Fotografie und Malerei

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Von: Achim Lettmann

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Fotografie aus der Serie „Death of a Thousand Dreams“ (2013) von Taslima Akhter.
Im Tode umarmt liegen zwei Menschen unter Trümmern. Fotografie aus der Serie „Death of a Thousand Dreams“ (2013) von Taslima Akhter. © Taslima Akhter/Bucerius Kunst Forum

Einen Überblick zur Geschichte des Industriebilds liefert die Publikation „Moderne Zeiten“. Thematisiert sind 175 Jahre anhand von 200 Fotos und Gemälden.

Was man nicht alles für ein gutes Bild tut! Ludwig Windstosser hatte keine Höhenangst. Auf einem Stuhl stehend arrangierte er ein Selbstbildnis in schwindelnder Höhe, das den Stuttgarter mit Rollfilmkamera, Baskenmütze und Stativ zeigt – mit Blick aufs Ruhrgebiet. Windstosser gehörte zur Gruppe fotoform, die in der Nachkriegszeit die künstlerische Fotografie der Bundesrepublik beeinflusste. Mit seinen Firmenporträts, beispielsweise für die Ruhrkohle AG, setzte er Maßstäbe und avancierte zum gefragten Industriefotografen. Windstosser (1921–1983) ist mit acht Motiven in dem Buch „Moderne Zeiten“ vertreten. Die Publikation des Bucerius Kunst Forums in Hamburg bietet eine substanzielle Bestandsaufnahme zu „Industrie im Blick von Malerei und Fotografie“.

Rund 175 Jahre Bildgeschichte werden hier behandelt und rund 200 Werke von 35 Fotografen und Malern auf ihre Wirkung befragt. Die sieben Fachaufsätze steuerten Autorinnen und Autoren der Kunstgeschichte, Fotografie, Kultur- und Medienwissenschaft bei.

Anlass ist der Skeptizismus in unserer Industrienation, die sich aufs digitale Zeitalter vorbereiten muss. „Der Geist der Freiheit hat die Industrialisierung schaffen helfen – und die Industrialisierung ist zu einer schweren Bedrohung der Freiheit geworden“, sagt der Sozialökonom Walter Eucken. Viele Fotografen werden ergänzen, dass sogar die Freiheit zu leben gefährdet ist, wie beispielsweise in Bangladesh. Die Fotografin Taslima Akhter dokumentiert im Jahr 2013 die Folgen eines Fabrikeinsturzes in Dhaka. 1134 Menschen starben. Vor allem Näherinnen, die für die großen Labels der Textilkonzerne arbeiteten. Akhter fand in den Trümmern ein Paar, das sich im Tod umarmt. Vom „Time Magazin“ prämiert ist das Foto eine erschütternde Kapitalismuskritik. Das Antlitz des Gestorbenen verleiht dem Tod eine makabre Sinnlichkeit. Neben aller Ohnmacht berührt ein humaner Moment inmitten einer Menschen gemachten Katastrophe.

Aber die ökonomische Realität dieser Arbeitssklaven der globalen Wirtschaft wird von der Industriefotografie immer weniger erfasst, weiß Florian Ebner. Der Fotochef des Pariser Centre Pompidou meint in seinem Beitrag, dass solche Zustände in Illustrierten, Magazinen und Zeitungen nicht mehr sichtbar werden. Die Fotografie habe an Einfluss verloren. Der Medienmarkt ändert sich.

Ausgangspunkt der Buchpublikation sind die Standfotos aus Charlie Chaplins Film „Moderne Zeiten“ (1936). Der Darsteller und Regisseur wird von Zahnrädern ergriffen und durch die Maschinen gezogen. Chaplin spielt ein Opfer der Produktionsbedingungen, das in einer Komödie lachen macht. Dass die Realität anders war, wusste er auch selbst.

Heutzutage ist die automatisierte Industrie von ganz anderen Arbeitsabläufen bestimmt. Der Fotograf Timm Rautert zeigt in seiner Serie „Gehäuse des Unsichtbaren, 1989“ einen Arbeitnehmer in Schutzkleidung bei der Siemens AG München. Welcher Tätigkeit er nachgeht, kann das Foto nicht vermitteln. Es wirkt kühl und befremdlich. Rautert stellt so auch den Informationsgehalt der Fotografie infrage. Funktion und Ergebnis menschlicher Industriearbeit ist immer weniger darstellbar. Verschwindet sie aus unserem Bewusstsein?

An den Künstlerinnen und Künstlern liegt das nicht. Aber Industriebilder waren meist in Auftrag gegeben. Das Gemälde „Borsig’s Maschinenbau-Anstalt zu Berlin“ (1847) strahlt in hellen Beige- und Rottönen. Carl Eduard Biermann zeigt eine prächtige Werksanlage mit Arbeitern und Pferdefuhrwerken. Hinter dem Rauch der Schornsteine ist der Himmel blau. Dagegen gibt das „Stahlwerk in Decazeville“ (1845) nur ein grau-schwarzes Landschaftsbild ab. Das Foto von Choiselat und Ratel, eine wenig lichtempfindliche Daguerreotypie, ist düster. Dennoch sollten Fotografien alsbald den Fortschrittsglauben forcieren. Alfred Krupp richtete eine „Photografische Anstalt“ 1861 in Essen ein – zu Werbezwecken und zur Selbstdarstellung seines Unternehmens. Die Industriemaler waren das Pendant dazu. Sie feierten die Objekte ihrer Auftraggeber auf verschiedene Weise. Adolph Menzel, der große Realist, verneigte sich mit dem Gemälde „Eisenwalzwerk (Moderne Cyklopen)“ (1872 –1875) vor den Facharbeitern. Doch die abgebildete Technik war bereits überkommen, als der Maler das Bild vollendete. Der dokumentarische Wert der Malerei hielt nicht lange.

Nach dem 1. Weltkrieg erweiterten Künstler die industriellen Motive. Albert Renger-Patzsch ließ einen „Fabrikschornstein“ (um 1925) als emphatische Fotoerscheinung aus der Froschperspektive aufsteigen. Dynamik, Fragmentierung und der Stil der Neuen Sachlichkeit emanzipierten das Industriebild für Aussagen fern der Technik. Oskar Nerlinger malte 1930 „An die Arbeit“. In dem Gemälde laufen Werktätige wie Ameisen zu den Fabrikschloten. Welche Gesellschaft braucht solche Menschen? Für Franz Wilhelm Seiwert war klar: „Unsere Bilder stehen im Dienste der Ausgebeuteten, zu denen wir gehören.“ Sein Gemälde „Vier Männer vor Fabriken“ (1926) zeigt die Künstlergruppe Kölner Progressive.

Nach 1945 begleiteten Fotografen das Wirtschaftswunder. Die Schornsteine qualmten, die Bundesrepublik entwickelte sich. Und Rudolf Holtappel fand 1959 neben Kühltürmen auch das Freizeitidyll „Vor der August Thyssen-Hütte“ in Duisburg-Hamborn. Strukturwandel und Umweltschäden wurden später thematisiert.

Kathrin Baumstark, Andreas Hoffmann, Ulrich Pohlmann: Moderne Zeiten.

Industrie im Blick von Malerei und Fotografie. Hirmer Verlag, München. 264 S., 120 Abbildungen in Farbe, 39,90 Euro.

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