Michel Majerus’ frühe Bilder und Olaf Nicolais Konzeptkunst in Bielefeld

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Michel Majerus’ Bild „Europe – U.S.A.“ (1991).

BIELEFELD Ein Typ macht Tempo. Zahlreiche Bären lässt Michel Majerus mit schnellem Pinselstrich aus ebensovielen Kartons schauen. Irgendwie nett und naiv erscheint das. Aber darüber sind heftige Schwünge in Rot zu sehen, gekritzelte Flächen wie bei Graffiti und ein hastiger Spruch: „10 bears masturbating in 10 boxes“.

So heißt dieses großformatige Werk von 1992, das in der Bielefelder Kunsthalle hängt und wie eine wuchtige Performance erscheint. Auf den „boxes“ steht „Kellog’s“, „Uncle Ben’s“, „M. Proper“, „Chio Chips“... es sind Marken von vor allem US-amerikanischen Lebensmittelkonzernen. Majerus macht frech und ironisch Front gegen Produktstrategien, folgt aber keiner politischen Programmatik.

Neben Michel Majerus’ Bildern („In EUROPA everything appears more serious than in the USA“) ist in der Bielefelder Kunsthalle noch eine Position aus der Konzeptkunst zu sehen: Olaf Nicolais „Chant d’Amour“. Geboren in Halle an der Saale 1962 scheint der Professor für bildende Kunst in München (Bildhauerei) der Gegenpol in der Bielefelder Ausstellung zu sein. Er hat die erste Etage freigeräumt. Acrylglaskugeln säumen den Grundriss des Hauses („Der 673. Morgen“). Nicolai widmet sich der Architektur Philip Johnsons, die mit all ihren Ausblicken in den Stadtraum spürbarer wird. Deshalb ist auch Zeitungspapier zu sehen, zerknittert, gestapelt, gereiht. Mit der „New York Post“, dem „Stanford Advocate“ und vielen mehr hatte Nicolai eine Seite des Glashauses von Johnson in Canaan, Connecticut, gereinigt. Fotos zeigen ihn bei der Arbeit, zeigen das Interieur des Hauses mit Barcelona-Sessel und den Blick in die Park-Wald-Landschaft („Cleaning the Facade“, 2018). Nicolai geht es um das Innen und Außen, wovon er vielschichtig mit seiner Kunst berichtet. Das Konzept geht in Bielefeld auch in der Arbeit „Chant d’Amour“ (2003/2008/2018) auf, wenn man den Plastikstrohhalm bemerkt, der durch ein Loch im Fenster gesteckt ist. Nicolai erinnert an Jean Genets Film „Un Chant d’Amour“ (1950), indem ein Gefangener mithilfe eines Strohhalms seinen Zigarettenrauch einem Zellennachbarn zu pustet und kommuniziert. Vier Filmstills in der Kunsthalle visualisieren die Szene aus Genets Werk. Nicolai verändert so die Rezeption des Vorgangs im Film. Und er macht die Kunsthalle neu erlebbar, wenn man langsam an seinen Seidenbespannungen entlang geht, die drei Wände herausstellen. Das Rot der Effektseide changiert in Bourdeaux, Violett und Lila – je nach Lichteinfall. „À la Fortuny“ (2018) bietet noch Grün und Rosa.

Nicolais Arbeit macht einem die Architektur bewusst, bevor am 29. September die Jubiläumsausstellung zu sehen ist. Die Kunsthalle Bielefeld wird 50 Jahre alt und Bilder dominieren dann wieder die Wände.

Mehr modellhaft erinnert Nicolai mit „Baraque de Chantier“ (2003) – ein Duplikat von Le Corbusiers Studiohaus ganz aus Acryl – an das Verhältnis von Individuum und Gestaltung. Das lichtdurchströmte Kunststoffwerk steht vor der Kunsthalle auf der Parkterrasse. Passt Le Corbusiers „Wohnzelle“, Maßeinheit seiner urbanen Planungen, zu Johnsons Architektur?

Von Michel Majerus, der in der Disco- und HipHop-Szene Berlins unterwegs war, sind nie gezeigt Bilder zu sehen. Sein „Fuck“ (1992) beschimpft Stella, Schnabel, Kosuth, Kippenberger, Penck und andere. Er hatte die Leinwände trocknen lassen und aufgerollt. Erst in Bielefeld realisierte ein Restaurator daraus das Bild, dass es einmal kurzzeitig schon war. Majerus trumpfte seiner Zeit auf, malte großflächig, stieß Kunstvorbilder um und war aber von de Kooning wie Rauschenberg beeindruckt. Ihn inspirierten Comic, PC-Spiele, Logos, Codes, Illustrationen, er nahm die Dynamik von Performances und Graffiti in seine Werke auf, und er wollte mit digitalen Druckverfahren mehr malerischen Ausstoß ermöglichen. In Bielefeld sind Schriftbilder, seine Comic-Verarbeitungen und Gemälde zu sehen, die seinen selbstbewussten Standpunkt ausdrücken: „Verschenktes Bild“ (1995) bietet Pinselstriche, -bündel und -kleckse. Majerus hatte ein ganz eigenes Standing und kam leider bei einem Flugzeugabsturz 2002 ums Leben. Mit 35 Jahren.

Bis 9. September; di-so 11 – 18 Uhr, mi 11 – 21 Uhr, sa 10 – 18 Uhr, Katalog in Vorbereitung; Tel. 0521/32999 500; www.kunsthalle-bielefeld.de

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