Martin Sonneborn als Politiker und Satiriker im Schauspielhaus Bochum

Martin Sonneborn, Mitglied des Europaparlaments und Saitiriker. Foto: dpa

Bochum – Bei jeder Wahl, unterstreicht Martin Sonneborn, hat die „Partei“ bislang ihre Ergebnisse verdoppelt. Nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ihren Regierungsanspruch realisieren kann. Also, gibt der Europaabgeordnete seinem Publikum im Schauspielhaus Bochum auf den Weg, sollten sie eintreten. „Solange das noch freiwillig geht.“

Da haben sie fast drei Stunden „Krawall und Satire“ hinter sich. Der einstige Chefredakteur der Zeitschrift „Titanic“ trat 2004 in die Politik ein mit der Gründung der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative, kurz: die Partei. Bei der letzten Europawahl feierte sie ihren größten Erfolg seit Kriegsende: Sie verdoppelte die Zahl ihrer Europaabgeordneten. Nun sitzt auch Nico Semsrott im Parlament.

Sonneborn, 54, betritt die Bühne locker, nimmt einen Schluck Bier. Er tritt in seiner Doppelrolle auf: „Krawall und Satire“ ist politischer Rechenschaftsbericht und Kabarett, und es lebt davon, wie der Volksvertreter sich in der Mehrdeutigkeit hält. Er liefert das Gegenprogramm zu den Wutbürgern. Sonneborn sitzt unaufgeregt am Vortragstisch, vor sich das Laptop, von dem er Bilder und Videos abruft. Bis zur Pause führt er durch die Erfolgsgeschichte der „Partei“, die inzwischen fast 40 000 Mitglieder hat, „mehr als die verfickte AfD“, wie er betont.

Die AfD war auch Ziel der ersten Aktion, die Sonneborn vorstellt. Bei der Frankfurter Buchmesse machte er sich auf den Weg zu „Bernd, Börnd, Björn Höcke“, der sein Buch vorstellte. Sonneborn kam in Wehrmachtsuniform, mit Augenklappe, stellte sich bei den Sicherheitskräften als „Stauffenberg“ vor und hielt seine Aktentasche hoch, in der allerdings anders als beim Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 nur ein Apfel und ein Butterbrot waren.

Sonneborn führt im ausverkauften Schauspielhaus von Wahl zu Wahl. Jedes Mal nahm sich die Kampagne eine andere konkurrierende Partei als Ziel, versah deren Plakate mit „Wahlplakatergänzungsaufklebern“, zum Beispiel einem „Hurensohn“ für die personalisierte Christian-Lindner-Kampagne der FDP oder einem „Hört, hört“, das eigentlich immer passt. Manchen Slogan nutzte die „Partei“ nur regional, zum Beispiel in Sachsen die Übersetzung des Wutbürger-Begriffs ins Hochdeutsche: „Volks-Fahrräder“.

Dabei biedert Sonneborn sich nicht an, sondern spottet über Bochum, wo er Dinge ausprobiert, die „in richtigen Städten“ funktionieren müssen. Er scheut die grobe Beleidigung nicht, seinen mittlerweile abgetretenen Mit-EU-Parlamentarier Elmar Brok nennt er beharrlich „Brocken“, spottet über „179 kg konzentrierte CDU“, bei Martin „Chulz“ von der SPD mokiert er sich über dessen rheinischen Zungenschlag. Nur manchmal hält er inne, merkt an, dass man über Zittern keine Witze machen dürfe, und fährt dann doch fort: „außer wenn es sich um Merkel handelt“.

Im zweiten Teil des Abends schildert Sonneborn seine Aufgaben in Brüssel. Neben den „Berichten von der unseriösen Seite des Parlamentarismus“ unter anderem in seinem neuen Buch „Herr Sonneborn geht nach Brüssel“ sei das vor allem, „dicke alte weiße Männer zu ärgern“, etwa indem er das Foto postet, auf dem Elmar Brok bei einer Podiumsdiskussion vom Schlaf übermannt wurde.

Und Sonneborn zeigt einige seiner Reden. Die Videos kann er ungekürzt abspielen, als fraktionslosem Abgeordneten steht ihm nur jeweils eine Minute Redezeit zu. Er nutzt sie für einen Appell gegen die Auslieferung von „Wikileaks“-Gründer Julian Assange an die USA. Oder für einen Abschiedsgruß an die scheidende Kanzlerin, die ihm „immer sympathischer werde, je mehr er Leute sehe, die Ihnen in der CDU folgen werden“. Er bittet sie, „unser Land besenrein“ zu übergeben. Da wirkt er ungewöhnlich ernst. Auch, als er auf die Publikumsfrage antwortet, warum er gegen eine EU-Armee sei. Da sagt Sonneborn, schon jetzt fließe zu viel EU-Geld an Militär und den Agrarbereich, er würde es lieber für Bildung und Soziales ausgeben.

Am 11.10. gastiert Sonneborn im Schauspielhaus Düsseldorf

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