Marius von Mayenburg inszeniert „Romeo und Julia“ in Bochum

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Gefährliche Liebe: Szene aus „Romeo und Julia“ in Bochum mit Torsten Flassig und Sarah Grunert.

BOCHUM - Das Maskenfest der Capulets besucht Romeo nicht einfach so. Blutbeschmierte Zombies tanzen zu Michael Jacksons Hit „Thriller“. Die Kettensäge zerteilt eine schwebende Jungfrau, die Tochter des Hauses, die dank Videotechnik doppelt mitfeiert. Und während Lady Capulet und ihre Gäste stehend das rohe Fleisch verschlingen, dass die Fetzen fliegen, vergucken sich unter dem Tisch Romeo und Julia ineinander.

Als Fest für die Augen inszeniert Marius von Meyenburg am Schauspielhaus Bochum Shakespeares bekannteste Liebestragödie. Dabei sorgt er dafür, dass jeweils die Hälfte der Zuschauer das Geschehen gar nicht direkt sieht. Bühnenbildner Stéphane Laimé hat den Raum mit einer übermannshohen Mauer geteilt. Das Publikum sitzt entweder auf der Seite der Familie Montague im Zuschauerraum oder bei den Capulets auf der Hinterbühne. Dass Verona eine geteilte Stadt ist, wo die beiden großen Clans nur Freund oder Feind kennen, wird gleich physische Erfahrung. Die Mauer dient als Projektionsfläche für die Videobilder der jeweils anderen Seite. Schon beim Prolog ergibt das einen feinen Effekt: Die Familienoberhäupter führen gleichzeitig in die Lage ein und stören sich natürlich, worauf Lady Capulet beherzt „Schnauze!“ brüllt – und von Montague die passende Antwort erhält.

Das gibt einen rotzig-bodenständigen Ton vor. „Romeo und Julia“ haben in Bochum über weite Strecken die mitreißende Leichtigkeit einer Komödie. Anfangs trägt Julia als Zeichen ihrer Verweigerung ein großes Einmachglas mit einer großen Kröte über die Bühne. Die Mauer nehmen die Darsteller als sportliche Herausforderung, die erklettert werden will.

Visuell holt von Mayenburg „Romeo und Julia“ an die Gegenwart heran. Romeos Jugendgang grenzt sich von der Elterngeneration durch Tattoos, schwarzes Leder und Rüpeleien ab. Die Jungmänner der Capulets kommen in schnieken Anzügen daher, die wollen mal Bankdirektor oder Bürgermeister werden. Julia hingegen in Spitze, löchrigen Netzstrümpfen und mit kräftiger Augenbemalung ist eine fabelhafte Gothic-Braut. Abends in ihrer Stube setzt er sich ans Piano und stimmt den Song „First Day Of My Life“ an, was ihr Gelegenheit gibt, vor dem Refrain „Pssst“ zu machen. Die Mutter soll nicht erwachen.

Die wichtigsten Kämpfe der Bochumer Shakespeare-Inszenierung werden in den Familien ausgetragen. Ein furioses Duell tragen Julia und ihre Mutter aus, als es darum geht, nach Tybalts Tod die Ehe mit Paris zu arrangieren. Da tritt das Mädchen trotzig gegen die Mauer und schreit, und die Mutter überbrüllt sie in einer beispiellosen Schimpftirade.

Von Mayenburg hat zahlreiche Figuren gestrichen. An die Spitze der Familie Capulet hat er eine schwarze Witwe gestellt, was den fundamentalen Gegensatz zwischen den Familien verbildlicht. Matthias Redlhammer verkörpert die Figur grandios, als Mischung aus Queen Victoria und Mafiapatin, die mühelos eine Schlägerei schlichtet, aber auch glaubhaft Muttergefühle verkörpert. Auch die Amme spielt ein Mann, Nils Kreutinger entwickelt hier mit Purzelbäumen und Putztuch einige Clownpower. Michael Schütz tritt als Montague Senior kaum in Erscheinung. Dafür darf er den Pater Lorenzo als dealenden Späthippie geben, der in der Kräutergarten-Szene irritierten Zuschauern an die Frisur geht. Dass es zur Katastrophe kommt, weil er sich eine Spritze setzt (wozu er eindrucksvoll Leonard Cohens „You Want It Darker“ brummt), ist eine hübsche Regie-Idee.

Sehr romantisch ist die Inszenierung nicht. Dafür lässt sich Torsten Flassigs Romeo vielleicht auch zu oft gehen, zelebriert die Tötung von Tybalt zu sehr, indem er ihn wieder und wieder gegen die Mauer schmettert. Sicher, seine Liebe zu Julia ist groß, da hängt der Bursche mit den tätowierten Engelsflügeln den Softie raus. Aber ob sie auch lange hielte? Man darf und soll wohl an diesem jugendlichen Helden zweifeln.

Die Julia von Sarah Grunert ist auch nicht das stille Ideal der Hingebung. Nicht nur in ihren rebellischen Momenten gegen die Mutter hat sie eigene Pläne. Und das nächtliche Treffen, auf der Mauer, nicht auf einem Balkon, ist ein berührendes Spiel zwischen Anziehung und Zurückweisung.

Großer Beifall für einen Abend, der den Klassiker sicher nicht neu erfindet, aber doch angenehm auffrischt.

17., 29.3., 2., 17., 23., 29.4.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

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