Marcus Lobbes inszeniert Becketts „Warten auf Godot“ in Dortmund

Glanzvolle Nihilisten aus dem Untergrund: Andreas Beck (Wladimir, links) und Uwe Rohbeck (Estragon) in „Warten auf Godot“. Foto: Hupfeld

Dortmund – Den ersten Lacher haben Andreas Beck und Uwe Rohbeck schon, als sie erscheinen. Aus dem Bühnenboden. Sprechende Köpfe in einem Haufen Herbstlaub. Das sieht ja schon ganz nach Samuel Beckett aus. Der hat in „Glückliche Tage“ die Winnie auch als sprechenden Kopf auftreten lassen. Wladimir und Estragon, die Landstreicher in „Warten auf Godot“, stehen eigentlich auf der Straße unter einem Baum. Am Schauspiel Dortmund sind sie als Musketiere aus einem Mantel-und-Degen-Schinken ausstaffiert, mit weitem Umhang, Schärpen und Federmützen in flammendem Rot. Und ihre Augen sind ebenfalls rot umschminkt.

Marcus Lobbes inszeniert den Klassiker des absurden Theaters hier lustvoll als Clownstheater. In Beck (Wladimir) und Rohbeck (Estragon) hat er ein Paar gefunden, das virtuos all die Nuancen der paradoxen Kommunikation auskostet. Und wenn Becks Didi von Gogo verlangt, er müsse ihm mal einen Ball zuspielen, dann holt Rohbeck scheinbar aus dem Nichts einen Ball und wirft ihn seinem Partner zu. Ein anderes Mal ist von einem Pferd die Rede, da fällt ein Puppenpferdekopf krachend auf die Bühne.

Es ist ein Genuss, den beiden zuzusehen, wie Beck väterlich den Umhang um den Kleinen breitet. Wie sie sich zanken, wüst beschimpfen und dann weder zärtlich aneinander schmiegen. Wie sie sich versöhnen, mit ausgebreiteten Armen aufeinander zugehen, und dann dreht Rohbeck ab mit einem groben: „Du stinkst nach Knoblauch.“ Becketts Stück bildet die Welt nach. Beck und Rohbeck spielen von Vater und Sohn über Kumpel und Rivalen bis zu innig Liebenden alle möglichen Paarbeziehungen durch. Wie sie sich so ansehen, wie Beck klugscheißt und seinen vermeintlichen Durchblick beweist, wie Rohbeck das mit unschuldigem Augenaufschlag abtropfen lässt, spitznäsig aufblickt, mal wütend schimpft, mal wehleidig heult, das erinnert an Laurel und Hardy. Eine großartige Hommage.

Die farbenfrohe Ausstattung von Pia Maria Mackert nimmt dem Stück um die Tramps, die zwei Tage lang vergeblich auf das Erscheinen des ominösen Godot warten, nichts von seiner Trost- und Hoffnungslosigkeit. Allerdings nutzt Regisseur Lobbes die Ausstattung, um kleine aktualisierende Akzente zu setzen. Wladimir und Estragon sind ja Jedermanns, stehen für die Menschheit. Gogo knabbert noch immer an einer schlichten Rübe, während Didi in einen üppigen Burger beißt. Und bei aller Warterei müllen sie die Bühne mit Verpackungen zu, Plastik und Styropor, als gäbe es kein Morgen. Hinter den beiden zeigt ein riesiger runder Bildschirm das Weltall. Am Ende erscheint hier das Bild der Erde, die in grellen Flammen explodiert. Eine Anspielung, eine kleine visuelle Konkretisierung zu einer ökologischen Warnung.

Aber eben nicht mehr. Lobbes belässt dem Stück zum Glück seine Offenheit. Furios auch die Auftritte von Pozzo (Martin Weigel) und Lucky (Christian Freund), die anfangs aus Türen rechts und links der Bühne erscheinen, aneinander gefesselt mit einem langen Gummiseil. Wenn der eine mehr einrückt, muss der andere zurückweichen. Weigel spielt den Herrn wunderbar selbstverliebt, hängt sich ins Seil, schwadroniert über die Welt und seinen Sklaven Lucky, kaut an Hühnerbeinen, wirft Gogo verächtlich einen angenagten Happen hin, hat die großen Gesten für einen Herumkommandierer. Und fällt schon mal unvermittelt vom Bühnenrand dem Publikum vor die Füße. Freund hat ja keinen Text, spiegelt aber mit seinen Gesten, seiner Mimik ständig die Posen des anderen, hantiert mit seinem Gepäck, guckt gelangweilt, verängstigt, amüsiert. Und auf das Kommando „Denke, du Schwein“ explodiert er in einem Sprachschwall. Und dazu muss er seinen Aluhut aufsetzen, auch das eine nette Anspielung auf ganz andere Milieus.

Aufgesetzt wirken die Auftritte des Sprechchors, der anfangs vor der Saaltür Text skandiert und am Ende das Lied vom Hund in der Küche bebildert, während ein Koch, ein Hund, ein Huhn in Eierschale wie aus der Sesamstraße herumtanzen. Das fügt dem Spiel des Quartetts nichts hinzu, verlängert den Abend aber auf zweieinhalb Stunden. Großer Applaus.

21., 29.2., 13., 19.,3., 26.4., 17., 27.5., Tel. 0231/ 50 27 222 www.theaterdo.de

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