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Marc Chagall im Museum Picasso in Münster

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Marc Chagalls Bild „Der Schlitten im Schnee“(1944) ist im Kunstmuseum Pablo Picasso zu sehen.
Marc Chagalls Bild „Der Schlitten im Schnee“(1944) ist im Kunstmuseum Pablo Picasso zu sehen. © VG Bildkunst 2018

MÜNSTER Die Frau hat zwei Gesichter. Mit dem einen schaut sie auf ihren Blumenstrauß, mit dem anderen, dem verschleierten, zum Mond. Im farbintensiven Bild „Die Braut mit zwei Gesichtern“ (1927) porträtierte Marc Chagall seine Frau Bella mit ihren unterschiedlichen Facetten. Das Picasso-Museum in Münster zeigt ab Samstag unter dem Titel „Der wache Träumer“ rund 120 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken von Chagall (1887–1985). Bilder aus dem Bestand werden ergänzt von Leihgaben aus dem Centre Pompidou in Paris, dem Musée Cantini in Marseille und Privatbesitz.

Die bereits dritte Ausstellung des Künstlers in diesen Räumen gliedert sich nicht chronologisch, sondern legt in fünf Themenbereichen den Fokus auf Chagalls fantastische Traumwelt und spürt seinen Inspirationsquellen in der realen Welt nach. „Chagall hat sich zeitlebens gegen das ihm verliehene Etikett des Träumers und wirklichkeitsfernen Fantasten gewehrt“, so Museumsleiter Markus Müller. Stattdessen sei er „auf unbewusste Weise bewusst gewesen“.

Die Schau zeigt, wie sehr die Kindheit im jüdischen Viertel des weißrussischen Witebsk Chagalls Werk geprägt hat. Auch die jiddische Muttersprache mit ihren Sprachbildern und Redensarten beeinflusste sein Bilddenken, ebenso die russisch-orthodoxe Ikonenkunst. In dem Zusammenhang präsentiert die Schau auch sieben Leihgaben aus dem Ikonen-Museum Recklinghausen. Andere bedeutende Impulse kamen aus Paris, dem Kubismus und dem Surrealismus.

Typisch für Chagall sind die schwebenden Figuren, denen er bis ins Spätwerk treu blieb. Zusammen mit den Blumensträußen, Schlitten, den Mischwesen aus Mensch und Tier, Schafen und kleinen Stadtansichten, wie bei „Der Schlitten im Schnee“ (1944) oder „Die Seele der Stadt“ (1945). Immer wieder scheinen Menschen durch die Luft zu gehen, so „Mann-Hahn über Witebsk“ (1925) im Teil „Quellen der Fantastik“. „Über die Stadt gehen“ sei ein jiddischer Ausdruck, so Müller. Es bedeute, dass jemand bettelt. Möglich, dass Chagall diesen Ausdruck wörtlich genommen hat. Ebenso im Himmel schweben die biblischen Propheten wie Elijah, die der Künstler vermutlich als Kind auf Ikonen gesehen hatte.

Manchmal schlafen die Figuren auch im Himmel, wie im Bild „Akt über Witebsk“ (1933), wo die Nackte über den Dächern der schneebedeckten Stadt liegt. Während traditionell in der Kunst der Schlafende am unteren Bildrand dargestellt wird und die Traumbilder darüber, kehrt Chagall das Prinzip um.

Das Bild gehört zum Themenbereich „Die erträumte Heimat“, zusammen mit „Der Ring oder Das Paar am Tisch“ (1908) und „Die Geburt“ (1911). Interessant ist, wie sehr sich die beiden Frühwerke voneinander unterscheiden. Ist das ältere noch düster und erdhaft, fällt das andere durch die diagonale Unterteilung und den lebhaften Farbkontrast auf. Das Licht fällt schräg ins Zimmer und beleuchtet die Frau (Bella) und das Neugeborene (Tochter Ida), das der kaum sichtbare Chagall in den Händen hält. Das Bild entstand nach dem ersten Paris-Aufenthalt des Künstlers und man sagt, unter dem Einfluss der französischen Hauptstadt hätten Chagalls Farben „zu singen“ begonnen.

Im Themenbereich „Die geträumte Bibel“ sind Chagalls Entwürfe zur Illustration der Bibel zu sehen, einem umfangreichen Projekt, dem er sich zwischen 1930 und 1950 widmete. Obwohl von Anfang an fest stand, dass die Bilder in schwarz-weiß in Druck gehen würden, nutzte Chagall in seinen Studien Farbe. Die Studie zu „Gebet des Jesaja“ ist eine kleine Sensation, da dieses Blatt kürzlich durch Zufall bei den Erben entdeckt wurde und erstmalig öffentlich gezeigt wird.

Weitere Themenbereiche sind die Selbstporträts und Paris als zweite Heimat des Künstlers.

Parallel zeigt die Studio-Ausstellung surreale Bücher unter anderem von Picasso, Miró und Max Ernst aus der hauseigenen Sammlung Classen.

Marion Gay

13.10. – 20.1., mo – so 10 – 18, fr 10 – 20 Uhr, Tel. 02 51/ 4 14 47 10, www.kunstmuseum-picasso- muenster.de

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