„Mapping the Collection“: Das Museum Ludwig sortiert die US-Kunst neu

Spiel mit Geschlechterrollen: Ana Mendietas Foto aus der Serie „Untitled (Facial Hair Transplants)“ (1972) ist in Köln zu sehen. Fotos: Museum

Köln – Lange vor einer Conchita Wurst gab es diesen Look. Die kubanische Künstlerin Ana Mendieta (1948–1985) spielte 1972 in einer Aktion mit den Geschlechterrollen. Fotos zeigen, wie ein Mann das Messer an seinen Vollbart legt. Die Haare klebte Mendieta sich auf die Lippe. Und obwohl hier der Schnauzer als Männlichkeitssymbol in einer energischen Geste umgewidmet wird, ist die Fotoserie bemerkenswert nüchtern bezeichnet: „Untitled (Facial Hair Transplants)“, als Gesichtshaartransplantation. Als ob mit einem medizinischen Eingriff eine Missbildung korrigiert würde.

Die bemerkenswerte Arbeit ist im Kölner Museum Ludwig zu sehen, in der Ausstellung „Mapping The Collection“. Vordergründig handelt es sich bei der von Janice Mitchell kuratierten Schau um eine Neupräsentation der Sammlungsbestände aus den 1960er und 1970er Jahren. Tatsächlich aber ist es Ergebnis eines zweijährigen Forschungsprojekts über die Rezeption einer überaus fruchtbaren Phase der US-Kunst in Europa. Minimalismus, Konzeptkunst, Pop-Art waren in der Wahrnehmung vor allem durch weiße Männer repräsentiert: Donald Judd, Robert Smithson, Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Robert Rauschenberg und viele andere. Die Ausstellung weitet nun den Blick, zeigt, dass ein wirklicher Querschnitt auch noch ganz andere Positionen berücksichtigen muss. Unpolitisch war zum Beispiel auch die Pop-Art nie. So ist in der Schau Claes Oldenburgs knallrote Skulptur „Fire Plug Souvenir – Chicago, August 1968“ zu sehen. Mit dem roten Hydranten reagierte er auf die Gewalt beim Parteitag der demokratischen Partei.

Sarkastisch reagiert David Hammons 1976 auf den patriotischen Überschwang zur 200-Jahr-Feier der Unabhängigkeit der USA mit der Grafik „Bye-Centennial“. Das Blatt zeigt die Umrisse der USA, gefüllt mit Körperabdrucken eines bärtigen Gesichts und von Händen in der Ästhetik von Stammeskunst. Damit betont der afroamerikanische Künstler den multiethnischen Charakter der Nation, in der Verdrängung und Rassismus präsent blieben.

So setzt die Schau einerseits inhaltliche Akzente. Andererseits nimmt sie Positionen auf, die bislang eher nicht oder zu wenig repräsentiert waren: den Feminismus, queere Kunst, Arbeiten von People of Color.

Oft sieht man der Kunst nicht sofort an, welche Einflüsse sie prägten. So erscheint Leon Polk Smith (1906–1996) als Vertreter der Hard-Edge-Malerei, beeinflusst von Piet Mondrian. Aber Smith war eben auch Cherokee, geboren im Indianer-Territorium. Und seine Bilder sind eben auch von den kargen Wüstenlandschaften des Südwestens beeinflusst und von den Dekors indigener Keramik und Textilien. Hier wäre in der Schau mehr Didaktik hilfreich gewesen, etwa Vergleichsbilder und Text zu einzelnen Werken. Smiths Gemälde „Correpondence red-white no. 1“ (1961) steht in der Schau relativ isoliert.

Klarer wird die Schau an anderer Stelle, zum Beispiel im Saal, in dem Roy Lichtensteins Gemälde „Red Barn II“ (1976) mit den Bildern T. C. Cannons (1946–1978) konfrontiert werden, der von Kiowa abstammte. Wie Lichtenstein thematisiert Cannon in einem Bild wie „All the Tired Horses in the Sun“ (1971-1972) die weite unberührte Landschaft, den Mythos des Westens. Aber er malt eben auch ein Gedenkbild an das Massaker von Wounded Knee, „Tale of a Bigfoot Incident in American Vernacular“ (1966), ein Trauma der indigenen Amerikaner.

Die Kölner Auswahl zeigt eine viel direktere Politisierung der Kunstszene, die man in früheren Präsentationen eher ironisch, verspielt wahrnahm. Da dokumentieren Fotos das Selbstbewusstsein der Black Panther Bewegung, zum Beispiel Ruth-Marion Baruchs Aufnahme „Black Panther mit deutschem Schäferhund“ (1968). Auch die Gegen-Aggression der Gesellschaft wird deutlich, wenn Pirkle Jones ein Fenster am Black-Panther-Hauptquartier ablichtet, das von Polizisten zerschossen wurde. In diesem Umfeld blickt man auch auf bekannte Arbeiten neu, schärft sich die Aussage von einer Arbeit wie Robert Indianas Siebdruck „Mississippi“ (1971), bei dem der Südstaat den Spruch mitbekommt, dass jede Nation ein Hinterteil haben müsse.

Das Kunstkollektiv Asco war von Chicanos, Amerikanern mit mexikanischem Hintergrund, in Los Angeles gebildet worden. Sie griffen mit Happenings und Aktionen in den öffentlichen Raum ein, liefen mit einer Bildtafel als „Walking Mural“ durch eine Shopping Mall, zeigen in „Gores (Whittier Boulevard)“ (1974) Großstadtgewalt.

In Köln sieht man eben so ungewöhnliche und in der Rezeption bislang wenig präsente Künstler wie Corita Kent (1918–1986), eine katholische Nonne, die als Aktivistin und Grafikerin auftrat. In „News of the week“ (1969) montiert sie aus Zeitschriftentitelblättern eine Anklage gegen den Vietnam-Krieg. Aber sie konnte auch Schrift wunderbar eindringlich zu Slogans gestalten wie in „People like us, yes“ (1965) und „Now you can“ (1966). Andy Warhol war ein Fan von Sister Corita.

Barbara Chase-Riboud erschafft eigenwillige Skulpturen. In „Time Womb“ (1967) lässt die afroamerikanische Bildhauerin Seidenstränge wie Gedärm aus einem Aluminiumrahmen hängen, ein starkes Bild. Martha Rosler spielt mit weiblichen Rollenbildern im Video „Semiotics of the Kitchen“ (1975). Da steht sie in einer Schürze vor der Kamera, als wäre das eine Fernseh-Koch-Show, und demonstriert mit übertriebenen Gesten den Gebrauch von Küchengeräten wie einer Saftpresse. Ein Messer haut sie aggressiv in die Tischplatte. Sherrie Levine projiziert in den Umriss des Kopfs von John F. Kennedy ein Mutter-Kind-Foto („Presidential Profile“, 1978).

Überaus reizvoll ist aber auch Carolee Schneemanns Film „Fuses“ (1964–67), der sie und ihren Partner beim Sex zeigt, allerdings mit Mehrfachbelichtungen, Überblendungen und Übermalungen verunklart. Es war die Zeit der freien Liebe. Die Ausstellung erinnert auch daran.

Bis 23.8., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221/ 221 26165

www.museum-ludwig.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare