Die Malerei von Norbert Tadeusz im Landesmuseum für Kunst und Kultur

Spiel aus Licht und Schatten: Norbert Tadeusz‘ Gemälde „Swimmingpool“ (1993) ist in Münster zu sehen. Foto: LWL / Neander, © VG Bild Kunst, Bonn

Münster – Die Abendsonne wirft ein Linienmuster über das muntere Treiben am „Swimmingpool“. Mehrere Schwimmerinnen tummeln sich im klaren Wasser, durch das man die blauen Fliesen sieht. Im Hintergrund tollen zwei Nackte in einer eigenartigen Turnübung herum. Nur der Schatten im Wasser lässt sich keiner der Figuren zuordnen. In seinem Gemälde „Swimmingpool“ (1993) erzählt Norbert Tadeusz – doch die Geschichten dieses monumentalen, vier Meter breiten Werks bleiben im Ungefähren. Da hält sich der Betrachter vielleicht doch besser an die berauschenden Blau- und Grüntöne.

Zu sehen ist das Bild von Sonntag an im LWL-Landesmuseum für Kunst und Kultur in Münster. Ein glücklicher Zufall sorgt dafür, dass die große Werkschau jetzt doch gezeigt werden kann, fast wie geplant. Seit Dienstag haben die Museen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe nach langer Corona-Schließung wieder geöffnet. Eine Eröffnung wird es am Samstag nur im Internet als Stream geben. Aber die Bilder sind da. Und Kuratorin Tanja Pirsig-Marshall hatte besonders viel Zeit für die Hängung.

Die Retrospektive mit 66 Bildern aus fast 50 Jahren bietet eine hervorragende Übersicht über das Werk von Tadeusz (1940–2011). Er sagte einmal: „Ich bin kein Künstler, ich bin Maler.“ Dabei hat er mit Skulpturen begonnen, von denen zwei Vitrinen eine kleine Auswahl vorstellen. Da spürt man vielleicht auch den Einfluss seines Lehrers Joseph Beuys, wenn er aus aufgerissenen Kaufhaus-Fleischverpackungen Frauenbildnisse schafft, wobei er die Folien-Reste einbezieht. In jenen frühen Jahren war Tadeusz fasziniert von den archaischen Frauenfiguren der Steinzeitkunst wie der „Venus von Willendorf“. Zwei Gemälde mit dem Titel „Mütter – Ur-Chinesisch“ (1961) zeugen davon, lassen in ihrer zeichenhaften Reduktion noch Anklänge an informelle Künstler wie Willi Baumeister erkennen. Aber auch die Skulpturen Henry Moores lassen sich als Einfluss ausmachen.

Der gebürtige Dortmunder hatte in Düsseldorf studiert, später als Professor an der Dependance der Kunstakademie in Münster gelehrt. Insoweit bot es sich an, die Schau als Koproduktion zwischen dem Kunstpalast am Rhein und dem Haus in Westfalen zu entwickeln. In Münster sind deutlich mehr Arbeiten zu sehen, unter anderem die Arbeiten zum Swimmingpool-Motiv. Herrlich strahlt dabei das Bild des schwimmenden Miles Davis (2006). Der Maler, ein Jazzfan, hüllt den Trompeter in ein flirrendes Linienspiel aus Blaus.

Die Schau ist nicht streng chronologisch gehängt, sondern nach Motivgruppen. Ein Saal sammelt die Figurenbilder, vor allem Frauenakte. Die frühen Bilder sind noch relativ konventionell wie „Christine (1)“ (1963), bei dem sich die rauchende Porträtierte mit untergeschlagenen Beinen in einen Sessel kauert. Zunehmend löst sich Tadeusz von den Gesetzen der Perspektive. Und der Maler zeigt seine Modelle in immer ausgefalleneren, extremeren Haltungen. Beim „Akt auf Glastisch“ (1985) ist der Frauenkörper kaum auflösbar zusammengerollt, die Frau führt eine Art Yoga-Übung aus und präsentiert ihre Scham. Beim „Balancekt II“ (1994) liegt die Nackte auf einem Piano, wobei die Beine frei in der Luft hängen. Manche dieser Gemälde erinnern an die verdrehten, deformierten Figuren Francis Bacons.

Überhaupt wurzelt Tadeusz‘ Malerei tief in der Kunstgeschichte. So malte er oft die aufgeschnittenen Körper von geschlachteten Tieren, und er zeichnete sie in Schlachthöfen in New York, aber auch in Italien, wo er lange arbeitete. Die Farben und die Textur des rohen Fleisches fasste er als Herausforderung auf. Aber er bezog sich eben auch auf ähnliche Gemälde von Rembrandt, Chaim Soutine und anderen Künstlern. Zwischen diesen toten Tieren ist das Bild „Drei“ (2005) zu sehen, ein dreifaches Selbstporträt des Malers, in dem er sich nackt an Ringen hängend darstellt. Die Parallele kann man nicht übersehen.

In großen, wandfüllenden Arbeiten wie „Das große Ei (Casino I)“ (1987) fasste Tadeusz seine Motive zu grandiosen Ensembles, geradezu zu einer Art Welttheater in Farben zusammen. Da hängen die verdrehten Frauenakte in ihrer Luft-Choreografie. Da findet man auch den aufgeschnittenen Ochsenkadaver. Zwei Frauen spielen Billard, und der Schatten der einen attackiert mit dem Queue den Unterleib der anderen. Leben und sterben, liegen und arbeiten, hell und dunkel fügen sich in einen grellen Tanz. Und dass Tadeusz hier jeder Gestalt ihre eigene Räumlichkeit verleiht, versetzt diesen Bastard aus Zirkusarena und Atelier zusätzlich in Bewegung. Und erst die Farben, dieser energische gelbe Streifen in einem blutroten Kosmos!

Gemalte Fülle ist hier zu finden. Zwei Bilder zeigen die geradezu manische Beschäftigung des Künstlers mit dem Palio von Siena, dem legendären Pferderennen, in Nicht-Corona-Zeiten ein Touristenspektakel. Bei ihm taumeln die Pferde boden-, ja schwerkraftlos, und die Jockeys fallen. Erstmals in einer Schau vereint sind der „Mondwagen“ (1985) und der „Strohwagen“ (1989), und besonders bei letzterem denkt man bei der Farbigkeit und dem energischen Farbauftrag auch an einen westfälischen Vorläufer, an Wilhelm Morgner.

Eröffnung Samstag, 18 Uhr, auf https://youtu.be/Yx1AL17DD04

19.5.–2.8., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0251/ 5907 201,

www.lwl-museum-kunst-kultur.de,

Katalog, Verlag Kettler, Dortmund, 25 Euro

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