Maler des Exils auf Schloss Cappenberg

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Melancholische Blütenlese: Hein Heckroths Blumenstillleben von 1944 ist auf Schloss Cappenberg zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ SELM–Die Blüten in Hein Heckroths „Blumenstillleben“ zünden ihr Farbfeuerwerk nicht mehr richtig. Dürr strahlen ihre Blätter in den Raum, die Rottöne sind mit traurigem Braun gebrochen. Die tröstende Flasche ist mehr als halb geleert. Ohnehin: Ein richtiger Raum für Vase, Schachtel, Buddel ergibt sich nicht mehr. Das vordergründig heitere Motiv erweist sich als durchtränkt von Melancholie. Der Künstler malte sein Bild auf der Flucht vor den Nazis in London, 1944.

Es ist in der Ausstellung „Vor dem Krieg, auf der Flucht, nach dem Frieden“ auf Schloss Cappenberg zu sehen. Mit ihm begann vor zwölf Jahren Thomas B. Schumanns Karriere als Kunstsammler. Der 62-Jährige hat in Hürth eine der größten Sammlungen mit Dokumenten und 40 000 Büchern zur Exilliteratur zusammengetragen. Er schreibt über Dichter, die vor den Nazis flohen, er gibt in seiner Edition Memoria ihre Bücher heraus. Und er sammelt Bilder der Exil-Künstler, hat mehr als 500 Werke. Rund 200 hat Thomas Hengstenberg, Fachleiter Kultur des Kreises Unna, ausgewählt.

Die Schau knüpft an die vorangegangene Präsentation „Das große Welttheater“ mit Werken bedeutender Expressionisten an. Auch Max Beckmann, Paul Klee und andere mussten ins Exil. Für diese ganz Großen reichte Schumanns Kapital nicht, erklärt Schumann. Die Künstler, die er sammle, stünden eher in der zweiten Reihe. Gleichwohl hätten die Bilder ihre Qualitäten.

Es ist nicht so, dass nur Unbekannte aufgenommen wurden. Eduard Bargheer zum Beispiel war 2002 in einer Einzelausstellung in Cappenberg zu sehen. Eugen Spiro zählte bis 1933 zu den gefragtesten Porträtisten Deutschlands. Ludwig Meidner (1884–1966) gehörte zu den drastischsten Expressionisten. Das allerdings ahnt man nicht, wenn man sein „Stillleben mit Hering und Gemüse“ von 1936 sieht. Es seien viele schöne Bilder in seiner Sammlung, obwohl im Exil auch schreckliche gemalt wurden, sagt Schumann. Die würde er auch kaufen. Aber die waren wohl nicht auf dem Markt.

So ergibt sich das Problem der Ausstellung: Sie sieht zu harmlos aus. Eine Fülle von Blumen- und Gemüsebildern, die wenigsten auf dem Niveau von Heckroths Gemälde, dazu Städteansichten und Landschaften, das meiste eher kleinformatig. Das hat manchmal die Anmutung eines Flohmarkts, in dem man das Besondere heraussuchen muss. Dass die Künstler ein schweres Schicksal hatten, garantiert leider nicht, dass ihre Werke vom Genie erleuchtet sind. Rudolf Jacobi zum Beispiel malte in den 1920er Jahren in der Bretagne, „Au Bon Coin“ zeigt eine Gaststätte an einer Kreuzung, und das weiße Haus blitzt unter dem blauschwarzen Gewitterhimmel auf wie eine verlorene Insel. Der Titel „zur guten Ecke“ steht in feiner Ironie gegen das düstere Motiv. Diese Qualität erreichen Jacobis Nachkriegswerke, zum Beispiel eine Gebirgslandschaft, längst nicht mehr.

Viel Künstler, die hier zu sehen sind, werden zur „Verlorenen Generation“ gerechnet. Ihr Exil zerstörte Karrieremöglichkeiten, die sie ohne die Kulturbarbarei der Nazis gehabt hätten. So waren sie gezwungen, sich durchzuschlagen, mussten möglichst so malen, dass sie schnell und viel verkauften. Auch das erklärt vielleicht manche Mediokrität. Die Schau ist rückwärtsgewandt. Die Errungenschaften der Moderne scheinen nicht durchgedrungen, die Künstler malen figurativ, greifen oft nicht einmal Errungenschaften des Expressionismus auf.

Was nicht heißt, dass es in Cappenberg keine Entdeckungen zu machen gäbe. Zupackend sind die Federzeichnungen von Milein Cosman zum Beispiel von Erich Fried und Elias Canetti. Die 1921 geborene Künstlerin lebt heute in London. Auch die Arbeiten des in Dortmund geborenen Vagabundenmalers Hans Tombrock (1885–1966) lohnen, zum Beispiel seine Pastelle von nächtlichen Szenen.

Bis 16.9., di - so 10 – 17.30 Uhr, Tel. 02306/ 71 170, http://www.kulturkreis-unna.de,

Katalog 24 Euro

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