Ludger Weß zeigt in seinem „Bakterienatlas“ die Welt der Mikroben

Sie sehen harmlos aus, die Stäbchenbakterien Bdellovibrio bacteriovorus (rosa, mit langen Sichelschwänzen). Aber ihr Opfer, hier bläulich, ist verloren. Illustration von Falk Nordmann aus dem besprochenen Band.

Das „bakterienfressende, egelgleiche Stäbchenbakterium“ kann zu unserem Freund werden. Denn es ist der „Raubfisch unter den Bakterien“. Es überfällt Mikroben, bohrt sich durch ihre Zellwand und nistet sich in ihnen ein, um sie von innen zu verdauen. Es ist winzig, aber seine ungewöhnlich große Geißel verleiht ihm erstaunliche Geschwindigkeit von bis zu 160 Mikrometer pro Sekunde. In Laborversuchen hat Bdellovibrio bacteriovorus bereits Salmonellen in Geflügelküken bekämpft. Vielleicht heilt es einmal auch Infektionskrankheiten beim Menschen.

Bdellovibrio bacteriovorus ist eine von 50 Lebewesen, die Ludger Weß in seinem „Bakterienatlas“ in hochinformativen Porträts vorstellt. Im Moment reden ja alle über Viren. Und sonst lässt man sich lieber von Eisbärenbabys oder spielenden Katzen faszinieren. Aber die Einzeller geben im Guten wie im Bösen durchaus gleichwertigen Gesprächsstoff her, wie der schön gestaltete Band „Winzig, zäh und zahlreich“ deutlich macht.

Schon von der Menge her kommt man um Bakterien nicht herum. „Die Erde ist der Planet der Bakterien“, formuliert Weß gleich am Anfang. Sie sind nicht nur die wohl ältesten Bewohner unseres Planeten, entstanden vor mindestens 3,8 Milliarden Jahren, also wenige Jahrmillionen nach der Entstehung der Erde. Sie bringen auch deutlich mehr auf die Waage als nahezu alle Menschen der Erde zusammen: vermutlich zwischen 15 und 23 Milliarden Tonnen Biomasse. Es gibt sie überall, in der Arktis, in der Tiefsee, ja sogar Kilometer unter der Erdoberfläche in Gestein, wo sie unter Nutzung natürlicher Radioaktivität Schwefelsalze zerlegen. An Zahlen hat der 1954 in Dorsten geborene Wissenschaftsjournalist und Romanautor, der einige Jahre als Molekularbiologe gearbeitet hat, vielleicht etwas zu viel Freude bis hin zum Knaller, dass es vier bis sechs Quintillionen Bakterien auf der Erde gebe, „Schätzungen zufolge“, was die ebenfalls geschätzte Zahl aller Sterne im Weltall übertreffe. Und dann schreibt er tatsächlich die eins mit den 30 Nullen in eine eigenen Zeile. Aber ein wenig Klappern gehört eben zum Handwerk, und die kleinen Bazillen können ein wenig Promotion brauchen.

Weß ist ein glühender Fürsprecher der unterschätzten Einzeller, die eben keineswegs primitive Organismen sind, „irgendwo in der Evolution stecken geblieben“, wie er betont. Sie bilden eine von drei „Domänen“ im Reich des Lebens. Neben ihnen gibt es noch die ebenfalls einzelligen Archaebakterien (von denen Weß in seinem Atlas einige mitbehandelt, obwohl sie eben eine eigene Domäne bilden). Und in der dritten Gruppe drängt sich der Rest der „Eukaryonten“, weitere Einzeller, aber auch alle Pilze, Pflanzen und Tiere.

Tatsächlich gelingt es Weß, die Leser zum Staunen zu bringen über die vielen Talente der Bakterien. Ohne sie gäbe es die Vielfalt des Lebens nicht. Ohne Bakterien könnte kein Mensch leben, denn er braucht zum Beispiel die Darmflora, um seine Nahrung zu verdauen. Bakterien sorgen per Gärung für Wein, Joghurt, Käse, Sauerkraut. Immer neue Superfähigkeiten der Mikroben führt Weß vor. Der Autor ist dabei ein Verfechter der Möglichkeiten der Gentechnik, und er malt die Chancen, die sich aus verbesserten Bakterien ergeben, in den schönsten Farben aus: Halbleiter, die von lichtempfindlichen Einzellern betrieben werden. Milchsäurebakterien, die Morbus Crohn heilen. Mikroben, die Gold schürfen, andere, die aus Abgasen Flugbenzin erschaffen, wieder andere, die das Plastik aus der Umwelt holen, weil sie PET verdauen können, und solche, die uns selbstheilenden Beton bescheren, dessen Risse sich dank Mikrohilfe von selbst schließen.

Man muss diesen Optimismus nicht teilen. Faszinierend bleiben die Bakterien, zumal Weß auch die Monster nicht ausspart. Da gibt es die Erreger von Milzbrand und Pest, die schwer heilbare Krankheiten auslösen. Irgendwie erscheinen sie unzerstörbar. Methanopyrus kandleri übersteht drei Stunden bei 130 Grad Celsius. Medizinische Instrumente werden bei 121 Grad sterilisiert. Pseudomonas Aeruginosa vermehrt sich sogar in Desinfektionsmittel. Und Deinococcus radiodurans, Beiname „Conan das Bakterium“, gedeiht im Kühlwasser von Atomreaktoren. Weß schreibt verständlich und informativ. Und Falk Nordmann zeigt das eigentlich Unsichtbare in fein gezeichneten Bakterienbildern.

Höchste Zeit also, sich mit diesen kleinen Biestern zu befassen, von denen man die größten sogar mit bloßem Auge sehen könnte. Thiomargarita namibiensis ist so groß wie ein gedruckter Punkt. Zumal sie faszinierende Eigenschaften entwickeln. Minicystis rosea zum Beispiel geht gezielt auf die Jagd nach anderen Mikroorganismen und stimmen sich dabei ab. Wissenschaftler sprechen vom „Wolfsrudel“ unter den Mikroben.

Ludger Weß: Winzig, zäh und zahlreich. Ein Bakterienatlas. Illustriert von Falk Nordmann. Verlag Matthes & Seitz, Berlin. 280 S., 25 Euro

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