London Symphony Orchestra übernimmt Residenz am Konzerthaus Dortmund

Sir Simon Rattle und das London Symphony Orchestra werden Residenzkünstler im Konzerthaus. Foto: dpa

Dortmund – „Ach, es kann gar nicht schnell genug gehen“, seufzt Sir Simon Rattle, und er schwärmt von der wundervollen Akustik und dem herzlichen, neugierigen Publikum im Konzerthaus Dortmund. Der Chefdirigent des London Symphony Orchestra tut das noch in einem Youtube-Video. Aber am 16. Oktober kommt das Ensemble ganz real ins Revier und spielt Werke von Strawinsky und Bartók, dirigiert von Sir John Eliot Gardiner.

Das Debüt des 77-jährigen Stardirigenten im Konzerthaus wird der Auftakt einer dreijährigen Zusammenarbeit, in der das Orchester mehrmals in einer Spielzeit auftritt. Drei Auftritte werden es in der kommenden Saison. Am 15. Januar dirigiert Rattle Werke von Haydn, Dvorak und Schubert. Am 20. Februar leitet François-Xavier Roth ein Konzert mit Werken von Varèse, Bartók und Richard Strauss.

Zugleich übernimmt das Institut das vorbildhafte Projekt „Community Music“. Dabei können Dortmunder Bürger, die sonst vielleicht nie ins Konzerthaus gehen würden, mit Musik in Beziehung kommen. Workshops, Probenbesuche und Musizieren mit Mitgliedern eines der bekanntesten Orchester der Welt, aber auch mit einem Dortmunder Team. In London erreicht das Projekt jährlich 60 000 Menschen. Konzerthaus-Intendant Raphael von Hoensbroech möchte das Erfolgsmodell auch in Dortmund etablieren.

An Konzerte mit hunderten Besuchern ist im Moment nicht zu denken. Trotzdem präsentiert von Hoensbroech das Programm der Saison 2020/21, die am 3. September mit Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ mit dem Collegium Vocale unter Leitung von Philippe Herreweghe eröffnet werden soll. Ob das wirklich gelingt, weiß Hoensbroech nicht. „Aber wir rechnen schon damit, dass es im Herbst Konzerte gibt“, sagt ser. Das Programm war schon zu 98 Prozent geplant, als die ersten Corona-Fälle in Wuhan bekannt wurden. Die Reaktionen aus dem Publikum in den letzten Wochen vermittelten von Hoensbroech eine große Sehnsucht nach Musik. Darum stellt er auch wie ursprünglich vorgesehen das Programm jetzt vor. Auch wenn er die Bedingungen nicht komplett einschätzen kann. „Vielleicht gibt es Einschränkungen, und wir müssen bei einem ausverkauften Konzert Sicherheitsabstände schaffen, so dass nur die Hälfte der Besucher eingelassen werden darf.“ Der Intendant plant auch für solche Fälle schon voraus.

Das Programm jedenfalls wird sich hören lassen können. Die Exklusivkünstlerin Mirga Grazinyté-Tyla dirigiert an einem Wochenende zwei Sinfoniekonzerte mit dem City of Birmingham Orchestra (14. und 15. November). Und sie stellt sich als Operndirigentin vor mit Verdis „Maskenball“ (14. März). Der Countertenor Philippe Jaroussky macht eine Woche lang als „Curating Artist“ Programm. Vom 12. bis 19. März gibt es einen Abend mit Barockarien, bei dem Jaroussky singt und dirigiert, ein Orgelrecital, aber auch Broadway-Klassiker mit Natalie Dessay und einen Clubabend mit elektronischer Musik.

Eine Herzensangelegenheit ist für von Hoensbroech aber auch die Zeitinsel, die der 1931 geborenen Komponistin Sofia Gubaidulina gewidmet wird. „Einmal richtig tief in Gegenwartsmusik eintauchen, tut unseren Ohren gut“, meint er. Man höre dann auch die beliebte Musik des 18. und 19. Jahrhunderts wieder neu. Die Komponistin reist an und bringt einige Instrumente aus ihrer Sammlung mit. Ihre Kompositionen werden Werken von Bach und Orlando di Lasso gegenüber gestellt (6. bis 8. November).

Aber auch der große französische Meister Camille Saint-Saëns steht auf dem Programm. Zu seinem 100. Todestag gibt es eine Konzertreihe, unter anderem mit seiner großen Orgelsinfonie (17. April), aber auch mit einer Jazzversion des beliebten „Karnevals der Tiere“ mit Nils Landgren (18. April).

Unter dem Motto „Neuland“ präsentiert das Konzerthaus grenzüberschreitende Produktionen. Die Musiker der Geneva Camerata spielen auswendig und tanzen dabei (4. März). Bachs „Kunst der Fuge“ wird vom Delian Quartett interpretiert, dazu zeigt Marc Molinos eine Videoinstallation (1. Mai). Und beim Konzertabend der Violinistin Isabelle Faust gibt es Live-Malerei von Charlotte Guibé (2. Juni).

Auch sonst gibt es wieder berühmte Klangkörper und große Stars. Daniel Harding dirigiert die Wiener Symphoniker bei einem Mahler-Abend (27. Mai). Teodor Currentzis dirigiert einmal das russische Ensemble MusicAeterna (29. November), zweimal das SWR Symphonieorchester (29. Januar und 31. März). Und man kann das Israel Philharmonic Orchestra, das Mahler Chamber Orchestra, das Orchestra Filamonica della Scala erleben. Der gefeierte isländische Pianist Vikingur Ólafsson gibt sein Debüt im Konzerthaus mit Werken von Debussy, Rameau und Mussorgsky (13. Januar). Die Sängerinnen Cecilia Bartoli (27. November) und Diana Damrau (11. Dezember) kommen zu Arienabenden.

Das Konzerthaus bietet darüber hinaus auch der leichten Muse einen Ort: Götz Alsmann singt einen Abend lang Liebeslieder (25. September). Und das in der Fernsehserie „Babylon Berlin“ berühmt gewordene Moka Efti Orchestra spielt seine Retro-Klänge (31. Oktober). Michael Wollny, einer der wichtigsten europäischen Jazzpianisten, tritt solo auf (21. November). Und die Kunst des Jazz-Duos zelebrieren Émile Parisien und Vincent Peirani sowie Nils Wülker und Arne Jansen (27. März).

Tel. 0231/ 22 696 200

www.konzerthaus- dortmund.de

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