Lisa Nielebock inszeniert die „Orestie“ in Bochum

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Der Gott tröstet den traumatisierten Mörder: Szene aus der „Orestie“ mit Werner Wölbern und Dennis Herrmann.

BOCHUM - Die blutigen Morde sieht das Publikum in den Kammerspielen des Bochumer Schauspielhauses nicht. Grelles Licht durch die Lamellenwand blendet im Moment der Tat die Zuschauer. Was die Atriden in der „Orestie“ des Aischylos treiben, gleicht einem Machtkampf der Mafia.

Lisa Nielebock inszeniert den antiken Tragödienzyklus geradezu unterkühlt. Dabei zeigt sie, wie die blutige Abfolge von Rachemorden schließlich befriedet wird, weil eine Art Rechtsstaat entsteht. Ein fesselndes Lehrstück, das immer wieder tagesaktuell schillert. So wenn es heißt: „Ich bilde mir meine Meinung nicht, wenn mein Denken schläft.“

Die Schauspieler sitzen auf einer Bank. Anfangs kann man ihre Rollen kaum identifizieren, sie legen eher Zeugnis ab von den Geschehnissen als dass sie etwas erleben. Bis Klytaimestra mitteilt, dass Troja gefallen ist und ihr Mann Agamemnon zurückkehren wird. Sie kann ihm nicht verzeihen, dass er auf Befehl der Götter seine Tochter Iphigenie opferte, damit das griechische Heer sicher nach Troja gelangt. So verbündet sie sich mit Aigisthos, erschlägt den Gatten und ergreift die Macht. Diesen Mord wiederum rächt ihr Sohn Orestes, indem er die Mutter und ihren Buhlen tötet, worauf ihn die Erinyen verfolgen. Erst eine Art Gerichtsverfahren, abgehalten von der Göttin Athene, durchbricht den Kreislauf von Schuld, Rache, neuer Schuld.

Die Stellwände aus Lamellen (Bühne: Oliver Helf) werden für jeden Teil der Trilogie umgestellt, die geschlossene Wand öffnet sich erst in die Tiefe für Orests Rachetat, später bildet sie eine Art Käfig, in dem die Erinye wütet.

Nielebock konzentriert die Tragödie auf knapp zwei Stunden, ein Erzähl- und Dialogtheater, in dem die starken Darsteller an den richtigen Stellen die menschlichen Gefühle entfalten, bis wieder der strenge Ton des Pathos in den Vordergrund tritt. Wundervoll ist dabei die Idee, Werner Wölbern sowohl den Agamemnon spielen zu lassen als auch den Gott Apollon, der Orest befiehlt, den Tod des Vaters zu rächen. Wölbern ist zunächst ganz der charismatische Politiker, der nach seiner Rückkehr eine wohl kalkulierte Dankesrede an sein Volk hält. Aber er küsst auch schier endlos Kassandra, die trojanische Seherin, seine Kriegsbeute und Geliebte, die mit ihm sterben wird. Schön entfaltet Nielebock da ein Motivgeflecht: Neben der Mutterrache ist auch Eifersucht auf die „Orakelhure“ Antrieb für Klytaimestras Mord. Später spricht Wölbern als Apollon Orest Trost zu, indem er den von den Rachefurien Gehetzten väterlich stützt.

So öffnet die Regie Mehrdeutigkeiten im Text. Agamemnon bleibt in Apollons Gestalt auf der Bühne. Anke Zillich, die grandios von geiferndem Hass auf leise Verzweiflung schaltet und wieder zurück, die mit süßem Gift ihre Rivalin Kassandra ins Haus bittet, die lüstern den vom viel jüngeren Marco Massafra verkörperten Aigisthos küsst, die vor ihrem Sohn die Brust entblößt, um ihn gnädig zu stimmen, sie verkörpert später die Erinye, und so ist der Götterstreit um Orests Überleben zugleich die Fortsetzung eines mörderischen Ehezwists.

Das Ensemble spielt hier auf Augenhöhe, konzentriert und wach. Dennis Herrmann ist als Orest erst entschlossener Rächer, dann Traumaopfer, von Furien gehetzt, die die Gestalt seiner Mutter haben, aber ebenso Gewissensbisse sein können. Therese Dörr steigert ihren Weissagungs-Monolog hinreißend von Sachlichkeit in äußerste Emotionalität. Anna Hoffmann spielt Elektra und Athene sehr kontrolliert.

Nielebock bleibt ganz im antiken Stoff. Und schafft es doch, dieser Erzählung, in der der Ausgleich über den Affekt siegt, im Zeitalter der Wutbürger eine schöne Gültigkeit zu verleihen.

24., 29.11., 12., 16., 21.12.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

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