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"Limbus": Beim "Tatort" aus Münster kämpft Boerne als Geist ums Überleben

Um einen hohen Einsatz spielt Boerne (Jan Josef Liefers, rechts) Schnick, Schnack, Schnuck mit seinem persönlichen Teufel (Axel Prahl). Szene aus dem Münster-Tatort „Limbus“. Foto: WDR/Bavaria Fiction / Martin Valentin Menke
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Um einen hohen Einsatz spielt Boerne (Jan Josef Liefers, rechts) Schnick, Schnack, Schnuck mit seinem persönlichen Teufel (Axel Prahl). Szene aus dem Münster-Tatort „Limbus“.

Beim Tatort aus Münster kämpft Karl-Friedrich Boerne in der Folge "Limbus" ums Überleben. Gleichzeitig tritt er - wie auch Kommissar Thiel - als Geist auf.

Ein Unfall. Blackout. Professor Karl-Friedrich Boerne kommt nicht nach Holland, sondern landet mit seiner Luxuslimousine kopfüber auf dem Acker. Er erwacht, steigt etwas benommen aus und sieht die Feuerwehr mit Blaulicht nahen. Er möchte die Retter beruhigen. Doch niemand bemerkt ihn. Er ist Luft selbst für Kommissar Thiel. Denn in Wahrheit liegt er noch bewusstlos im Auto.

Der Pathologe aus dem Münster-„Tatort“ steht an der Schwelle des Todes. Eigentlich sollte er im „Limbus“ abwarten, bis seine Nummer aufgerufen wird, was seinen endgültigen Tod bedeutet. Aber Boerne fügt sich auch als Geist nicht in sein Schicksal. Darunter leidet auch der Teufel, der lieber als „Geschäftsführung“ angesprochen wird und zu Boernes Verwunderung die Gestalt des Kommissars hat.

Wer glaubt, dass der Hessische Rundfunk mit dem Kommissar Murot ein Monopol auf experimentelle Sonntagskrimis hat? Das kann der WDR auch. Autor Magnus Vattrodt und Regisseur Max Zähle verlassen diesmal die vertrauten Schmunzelkrimipfade, auf denen den Münsteraner Ermittlern ein Millionenpublikum verlässlich folgt. Sie nutzen bei „Limbus“ Erzählmuster, wie man sie aus Kinofilmen wie „The Sixth Sense“ und „Ghost – Nachricht von Sam“ kennt. In der Oberwelt können Thiel (Axel Prahl) und Boerne (Jan Josef Liefers) sich nicht die gewohnten Wortgefechte liefern, weil der eine bewusstlos auf der Intensivstation liegt. Das wird wettgemacht durch die abgedrehten Auseinandersetzungen im dunklen Bunker, der das Wartezimmer zum Jenseits darstellt. Der Fußboden steht unter Wasser, auf einem Fernseher läuft in Endlosschleife eine Übertragung vom Rosenmontagszug, und der überaus joviale Vollzugsbeamte tischt selbstgeschmierte Leberwurstbrote auf (in die er dann selbst beißt, wenn der Gast nicht zulangt).

Dass der „Tatort“ die mittelalterliche Theologie für einen spektakulären Schauplatz ausbeutet, passt bestens zur westfälischen Bischofsstadt. Und vielleicht ereilt das Verhängnis den selbstverliebten Professor auch nur, weil er das Schicksal herausfordert. Eigentlich will er in einer dreimonatigen Auszeit ein Buch über den Tod schreiben. Statt auf Slapstick und Situationskomik setzt der Film auf die detailverliebte Verfremdung der Realität. Das finstere Reich des Teufels entpuppt sich als eine kafkaeske Behörde mit jeder Menge Papierkrieg und undurchsichtigen Entscheidungswegen.

Aber der Film soll ja auch ein Krimi sein. Relativ schnell erfährt der Zuschauer, dass mit Boernes Urlaubsvertretung Dr. Jacoby (Hans Löw) etwas nicht stimmt. Offensichtlich hat er nachgeholfen bei dem Autounfall. Dass er nun auf Boernes Arbeitsplatz sitzt und sogar die Wohnung des Professors nutzen darf, nutzt er, um Spuren zu verwischen. Und weil Thiel, Boernes Assistentin Haller (Christine Urspruch), Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) unter Schock stehen, erkennen sie nicht, dass sich ein mörderischer Hochstapler eingeschlichen hat, der versucht, sein Opfer endgültig auszuschalten.

Boernes Geist bemerkt da mehr. Aber anders als Patrick Swayze in „Ghost“ hat der Pathologe keine Whoopi Goldberg, die Nachrichten aus dem Jenseits versteht. Verzweifelt sucht er nach Wegen, seine Kollegen zu warnen. Schließlich steht sein Leben auf dem Spiel. Und so baut der zunächst so makaber verspielte, künstliche Film doch noch einige Spannung auf. Der vermeintliche Doktor Jacoby hält noch mehr als eine Giftspritze bereit, um Leute aus seinem Weg zu räumen. Hans Löw spielt den Psychopathen leise, mit feinen Andeutungen, was ihn umso bedrohlicher wirken lässt.

So ist „Limbus“ eine ziemlich überraschende Mischung aus Thriller, Mysterienspiel, Märchen und Komödie. Boerne muss einige recht unvorteilhafte Urteile über sich mithören. „Manchmal ist er arrogant, kleinlich, er denkt nur an sich“, sagt seine Assistentin Silke Haller einmal über ihn. Und doch hält sie am Krankenbett die Hand ihres Chefs und spielt ihm Wagner-Musik vor. Eigentlich, das merkt man in diesem so wunderlichen Film, sind diese schrägen Typen so etwas wie eine Familie.

Prahl und Liefers wiederum haben hier reichlich Gelegenheit, ihre Kunst zu entfalten. Wie Boernes Geist immer wieder Wege aus dem finsteren Limbus-Labyrinth in die Münsteraner Realität findet, das allein ist schon ein Riesenspaß. Der Teufel mag noch so sehr den korrekten Beamten geben. Am Ende, das weiß man schon aus dem Märchen, kann er keiner Wette widerstehen. Und sei es einer Partie Schnick Schnack Schnuck.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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