Liliane Brakemas inszeniert Büchners „Leonce und Lena“ in Bochum

Auf der Flucht: Leonce (William Bartley Cooper, links) und Valerio (Svetlana Belesova) sind im Stück „Leonce und Lena“ in Bochum zu sehen. Foto: brüggemann / ostkreuz

Bochum – Verstreut liegen die Figuren auf dem verödeten Aschenfeld und lange weiß man nicht, wer tot und wer lebendig, wer Puppe und wer Mensch ist. Liliane Brakemas eindringliche Inszenierung von „Leonce und Lena“ in der ehemaligen Waschkaue der Zeche Eins zeigt eine groteske, düstere Welt am Rande des Abgrunds.

Georg Büchner schrieb die satirische Komödie 1836, uraufgeführt wurde sie erst 60 Jahre später und wird seitdem immer wieder neu adaptiert. In Bochum am Abend der Europawahl ist die Premiere beklemmend, die Parallelen zur aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage treten sehr deutlich hervor. Da ist das schwarzverstaubte Spielfeld, das wie eine Kraterlandschaft nach der absoluten Klimakatastrophe wirkt (Bettina Pommer). Da sind die Schauspieler in ihren gepolsterten Kleinkindanzügen und den einzelnen blaugefärbten Körperteilen (Kostüme von Maison the Faux), die sich mit ihren schlappen, wattierten Klonen vermischen. König, Hofstaat und Volk sind gleichermaßen degeneriert. Man lehnt lethargisch an den Wänden, liegt tot im Schmutz, fantasiert wie im Wahn oder gibt sich zum Zeitvertreib sadistischen Spielchen hin.

Nun soll der Königssohn Leonce (William Bartley Cooper) aus dem Reich Popo von seinem unfähigen Vater (Michael Lippold) mit der Prinzessin Lena aus dem Land Pipi verheiratet werden und dann als König die Regierungsgeschäfte übernehmen. Dazu sieht sich der gelangweilte und verzogene Prinz wenig in der Lage, und so flieht er mit dem charismatisch-überdrehten Valerio (Svetlana Belesova) in den Süden. Zufällig hat Lena (Anne Rietmeijer) dieselbe Idee und macht sich mit ihrer Hofdame (Veronika Nickl) auf den Weg. Unterwegs werden die alten Denkweisen und Konventionen hinterfragt, Suizidgedanken ad absurdum geführt, man trifft aufeinander, verliebt sich und kehrt gemeinsam an den Hof zurück. Allerdings getarnt als vollautomatische Roboter, als neuen Menschentyp.

Nun geht alles sehr schnell. Die Verkleidung wird gelüftet, Leonce und Lena erkennen sich und ihre neuen Rollen, fühlen sich verraten. Technoider Sound schwillt an, steigert sich bis ins Unerträgliche und jetzt wird klar, warum am Einlass Gehörschutz verteilt wurde.

Die Zuschauerbänke vibrieren, die gesamte Halle scheint gleich zusammenzubrechen, die Schauspieler schreien gegen den Lärm an und doch ist nichts zu verstehen. Das ist ausweglos, gewaltig und schwer auszuhalten.

Von Marion Gay

4., 5., 8., 9., 10., 12.,

13., 14. 6.; Tel. 0234/3333 5555; www.

schauspielhausbochum.de

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