„Liebestölpel“: Peter Wawerzineks Roman über eine fatale Beziehung

Peter WawerzinekSchriftstellerFoto: Susanne Schleyer

Peter Wawerzineks Roman „Liebestölpel“ handelt von einer Sucht, nicht nach Drogen, sondern nach einer Frau. Der Ich-Erzähler lernt Lucretia im Kinderheim kennen, er auf dem Dreirad, sie versteckt sich hinter dem Baum. Er findet sie nicht. „Es bleibt mein Leben lang so“, heißt es. „Ich sehe nur ihre schwarzen strammen Zöpfe, und schon bin ich ihr hörig.“

Es liegt kein Segen auf dieser Sandkastenbeziehung. Lucretia, so hieß auch die Römerin in der Mythologie, die sich umbrachte, um ihre Tugend zu wahren. Die Lucretia des Buches lässt sich noch weniger fassen. Sie läuft immer wieder weg. Und taucht auf, gerade wenn Petkowitsch sein Glück finden könnte. Egal, ob dieser Petkowitsch verheiratet ist und mit Eris drei Kinder hat, ob er ein Buch geschrieben und Lucretia die Manuskriptseiten zum Fenster hinauswirft, ob er mit Stipendium und Anwesenheitspflicht in Venedig sitzt: Wenn seine fatale Liebe ruft, folgt er. Eine zerstörerische Beziehung, eine, wie es einmal heißt, „Lebensliebeslast“. Kein Wunder, dass diese Geschichte tragisch endet.

Peter Wawerzineks Romane sind stark autobiografisch grundiert. Aber auch wenn der Peter, der hier erzählt, wie der Autor als Waise in der DDR-Provinz der 1950er und 1960er Jahre aufwächst, eine Lehre als Textilzeichner absolviert, in Weißensee studiert und dann als Maler, Performer, Schriftsteller in die Szene am Prenzlauer Berg eintaucht: Dies ist keine verkappte Autobiografie. Denn der reale Peter wurde nicht wie die Romanfigur von einem Witwer aus dem Heim geholt, der für ihn zum vielgeliebten Opa wurde, der ihn eine eigene Sprache lehrte, ihn bekochte, ihm Halt gab in Lebenskrisen.

Dieser kiffende wortverliebte Böttcher, der zu Fingern „Streichler“ sagt, für den Augen „Guckbrillanten“ sind und der Briefträger „Mützenschweiß“ heißt, ist eine herzwärmende Wunschfigur. Er vergleicht auch Peter und sich mit Trottellummen, diesen stolzen Seevögeln, die so elegant fliegen, am Boden aber unbeholfen daherstapsen. Die Liebe ist nichts für diese Liebestölpel.

Die lebenslange Beziehung zwischen Petkowitsch und Lucretia ist eine Aneinanderreihung von Katrastrophen. Und gegen alle Warnungen und Erfahrungen lässt sich der Erzähler immer wieder verführen. Ein Stimmungswechselbad mit Glücksmomenten, einer Tramptour durch Osteuropa, vielen atmosphärisch feinen Momentaufnahmen aus der Ostberliner Szene. Ob ein Discjockey in der DDR wirklich das ganze Woodstock-Line-Up auflegen konnte? Egal. Im Zentrum steht ohnehin diese flirrende, faszinierende Figur, die mal als Abbild einer französischen Filmdiva aufkreuzt, dann wieder bei einem Geistlichen in Basel unterschlüpft.

Man könnte diese tragische Romanze beinahe kitschig finden. Aber was die Sprache betrifft, ist Wawerzinek ein unwiderstehlicher Verführer. Er durchzieht seinen Text mit Anspielungen und Zitaten, montiert (zuweilen verfremdete) Volkslieder, Abzählreime, Sprichwörter ein, hier ein Gedicht von Brentano, da Zeilen des DDR-Schlagersängers Thomas Lück. Petkowitschs Kindheit spielt in einer Märchenwelt, wo Menschen „nimmer müde“ werden, aus Bechern trinken und von Tellerchen essen. Er becirct die Leser mit Zauberworten wie „Hirnhimmelei“ und „zungenverbrecherisch“. Und er sagt, worum es wirklich geht: „...im Leben zu überlieben“.

Peter Wawerzinek: Liebestölpel. Galiani Verlag, Berlin. 302 S., 20 Euro

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