Lichtmusik von Skrjabin in Münster

Von Edda Breski MÜNSTER - In Münster greift Generalmusikdirektor Fabrizio Ventura für die sinfonische Reihe auf Bekanntes zurück, um seinem Publikum eine Dosis Unbekanntes zu verabreichen. Zwar ist Alexander Skrjabin nicht wirklich ein Stiefkind des Repertoires. Seine Tonsprache wirkt aber auf viele Zuhörer überwältigend. Er ist definitiv kein übliches Abo-Bonbon.

Mit den Hagener Philharmonikern haben die Münsteraner Sinfoniker ein interessantes Programm mit zwei großformatigen Skrjabin-Werken erarbeitet: das „Poème de l’extase“ und „Promethée“ für Orchester, Klavier, Orgel und Lichtorgel. Klaviersolist war Anatol Ugorski, er spielte auch Beethovens Klavierkonzert Nr. 5.

„Promethée“ ist ein eigenartiges Werk, getränkt von theosophischen Ideen. Ein wild zerklüfteter Orchesterteil wird ergänzt und durchbrochen durch das Klavier, das seine Themen in kurzen, aber intensiven Reflexionen weiterspinnt. Eine Orgel und ein Chor fügen dem Gesamtklang nach und nach neue Dimensionen hinzu, bis das Stück in einem großen Strahlen endet. Skrjabin stellte der Musik einen weiteren Aspekt an die Seite: Die Lichtorgel folgt gleichsam ihrer eigenen Partitur.

Im Großen Haus in Münster spielte das anfängliche Blau und Grün an der Decke hoch über den Köpfen der Zuschauer. Als das Licht intensiver wurde und von mehreren Seiten in den Saal drang, ergab sich ein irritierender Effekt: Man saß in einem Lichtfeld und schaute in ein anderes Lichtfeld im Bühnenraum, wo das Orchester saß. Rot und Lila erregten den Blick, fahles Grüngelb sorgte für nicht ablassende Spannung. Ventura führte das Orchester umsichtig durch die ständige Unruhe und kaum unterdrückte Bewegung der Partitur und verlangte dem Ensemble und dem Konzertchor Münster (einstudiert von Elda Laro) Präsenz und Deutlichkeit ab. Anatol Ugorski bewegte sich durch seinen Part mit großer Gelassenheit, kombiniert mit großer Spannkraft. Das „Poème de l’extase“ war unter Venturas Stabführung ein Thriller, beweglich und voll von expressiver Farbigkeit, ein mitreißendes Konzerterlebnis.

Ugorski stammt aus der alten sowjetischen Schule der Klavierausbildung. Er war in der Sowjetunion wegen seiner jüdischen Herkunft Repressalien unterworfen, 1990 wanderte er aus. Er war den Behörden auch zu sehr interessiert an Neuer Musik und ihren Trends und Trendsettern. In den 1990ern nahm er Messiaen auf und Skrjabins „Promethée“, ab 2007 war er Klavierprofessor an der Musikhochschule Detmold. In dem Beethoven-Konzert funkelte jeder Ton des 73-Jährigen abgerundet und golden, bis in die Läufe des Schlussrondos hinein. Dabei erlaubte er sich Tempovariationen auf Mikroebene, zum Beispiel in der ersten Trillerfolge im Kopfsatz. An der Oberfläche wirkte das glasklar und geradlinig, aber dann begann er, das Tempo zu verändern, zu beschleunigen, um dem Triller mehr Durchschlagskraft zu verleihen, danach sofort wieder zu verlangsamen, um dem Gespielten nachzuhören. Als sich das Hauptthema in der Kadenz im Diskant wiederholte, klang das so wehmütig wie eine Spieluhr im leeren Raum. Seine Kontrolle reichte, trotz einiger verschluckter Töne zu Beginn und in den Variationen des Schlussrondos, bis in die Tiefe, und auch die Pranke packte er aus, als er nach dreimaligem Verzögern des Themas das Motiv des dritten Satzes in den Raum schleuderte. Dagegen wirkte das Orchester recht gediegen, und es gab auch einige Male Abstimmungsprobleme.

15. März noch einmal in Münster (ausverkauft),

24. März Stadthalle Hagen.

Nächstes sinfonisches Konzert in Münster 31. März: Bach-Violinkonzerte mit dem Barockspezialisten Giuliano Carmignola.

Münster: Tel. 0251/59 09 100, www.theater-muenster.com.

Hagen: Tel. 02331/207 32 18, www.theaterhagen.de

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