Ein Lesebuch zum Einstieg in Arno Schmidts Roman „Zettel’s Traum“

Der Romantitel „Zettel’s Traum“ spielt auch darauf an, dass Arno Schmidt Bausteine für das Buch in Zettelkästen sammelte. Hier einige davon in seinem Arbeitszimmer. Fotos: dpa

Arno Schmidts Großroman „Zettel‘s Traum“ ist ein literarischer Mythos. Ein Kultbuch, berühmt, oft erwähnt, kaum gelesen. 1970 erschien das Werk als Faksimile des Typoskripts im DinA3-Format, denn damals waren die Ideen des Autors noch nicht in Buchdruck umsetzbar. Schmidt selbst, Misanthrop, der er war, rechnete mit allenfalls 390 Menschen in der Bundesrepublik, die in der Lage wären, das Buch zu verstehen. Der Suhrkamp-Verlag möchte nun die Basis verbreitern und legt ein pädagogisches Projekt vor, ein „Lesebuch“ zu „Zettel‘s Traum“.

Angeregt ist das Unternehmen von einem prominenten Vorläufer: 1966 hatte der britische Schriftsteller Anthony Burgess („A Clockwork Orange“) eine gekürzte Ausgabe von James Joyces „Finnegans Wake“ herausgegeben. Auch der Großroman galt (und gilt) als schwierig, als unlesbar sogar, und Burgess wollte Leser für das Werk gewinnen. „Zettel‘s Traum“ ist schon vom Umfang – 1334 dreispaltig beschriebene Seiten – her eine Herausforderung. Auch inhaltlich hat der Roman es in sich: Man sollte zumindest in Grundzügen Englisch sprechen und sich in der Literaturgeschichte ein wenig auskennen.

Schon der Titel ist mehrdeutig, spielt auf Zettel, den Weber in Shakespeares „Sommernachtstraum“ an, aber auch auf die Entstehung des Textes. Der Autor hatte auf tausenden Zetteln Stichworte gesammelt. Und Schmidt praktiziert hier, was er in seinem Text entwickelt, die Etym-Theorie. Er schreibt Wörter anders, als es der Duden notiert, um zusätzliche, oft sexuell aufgeladene Bedeutungsebenen herauszuholen. Etyms sind bei Schmidt Sinneinheiten unter der Wortebene. So wird aus dem Faltenrock der „Pleas‘see=Rock“, der den alternden Voyeur und Ich-Erzähler zum Hingucken einlädt.

Herausgeber Bernd Rauschenbach und Kommentatorin Susanne Fischer mussten deutlich stärker in die äußere Gestalt des Textes eingreifen als Burgess bei Joyce. Das Lesebuch fasst die Handlung auf 250 Seiten im Taschenbuchformat zusammen. Die kommentierenden beiden Außenspalten des Originals wurden gestrichen. Der Wortlaut freilich ist authentisch Schmidt. Ein Vorwort und einige in anderer Type gesetzte Überleitungen führen in das Buch ein.

Der Einstieg bleibt komplex genug. Die ersten Zeilen: einfach nur gefüllt mit xxxxxxxx, dazwischen ein Gemisch aus Satzzeichen (mit dem die Generation WhatsApp vielleicht weniger fremdelt als die analoge Erstleserschaft) und Sprache:

: " - : king ! " –

Aus dem folgenden Text ergibt sich, dass Schmidt im Stil der konkreten Poesie einen Stacheldrahtzaun abbildet, den der Erzähler Daniel Pagenstecher auseinanderzieht, damit die begleitenden Frauen durchsteigen können.

Aber Fischer besteht darauf, dass Schmidt grundsätzlich lesbar, verständlich und, ja, unterhaltsam ist. Und der Digest zeigt, wie sehr das zutrifft. Der unternehmungs- und entdeckungslustige Leser findet einen herrlich versponnenen, grundsätzlich witzigen, von romantischer Phantastik und intellektueller Akrobatik geprägten Text. Der Held Pagenstecher, ein berühmter Schriftsteller, der in der Isolation der Lüneburger Heide lebt (ganz wie der Autor), erhält Besuch vom Ehepaar Paul und Wilma Jacobi samt deren halbwüchsiger, schwer pubertierender Tochter Franziska. Die Jacobis haben den Auftrag, die Werke Edgar Allan Poes zu übersetzen, und erhoffen sich vom älteren Kollegen, einem mit allen Sprachwassern gewaschenen Polyhistor, Rat und Hilfe. So streift man durch die Heide, Dorfläden, Kneipen, einen Jahrmarkt, stets über Poe diskutierend, zugleich aber einige seltsame Abenteuer erlebend. Schmidt zeichnet dabei ein besonderes Zeitbild der auslaufenden Nachkriegszeit. Die Adenauer-BRD von Wirtschaftswunder und Wiederaufrüstung trifft auf einen beinharten Dagegen-Mann, dem das geteilte Deutschland lieber ist als ein geeintes und der die „Wonnen des 4. und 5. Standes“ von Herzen verachtet: „Kartn kloppm & Schnaps; vor‘m Pümpern noch etwas Fußball im TV“.

Das ist, wie die meisten Bücher Schmidts, sehr komisch und unbekümmert unanständig. Wer könnte wie er in einer Szene im Dorfladen die Verlockungen der Warenwelt aufdecken, die strahlend weiße Zähne schon im Produktnamen „Blendax“ suggeriert? Und er spinnt den Faden in einer anderen hochsexualisierten Produktschau fort: „Wahrlich, da lagen die roten Riesen=Würste; auf die BeschaueRinnen gerichtet : 40 Zentimeter lank, & dikk wie‘n Unter=Arm! Prall vor lauter Wußt‘er Soße“. Und wie wunderbar fasst er Gestalten bei einem Musikabend in der Dorfkneipe in einen Satz: „Der BlähsioSaurus (er forzde wie‘n gestopftes Fagott, und schwängte dabei sein PhallzBein), polkte die MastoDonna, (die den ConCon versuchte).“ Über die damals politisch noch präsenteren Vertriebenen macht er sich lustig: „Bei ,Ost=Preußn‘ gilt ein Eid am meistn, wenn der betreffende=Schwörende dazu in ein Bärenfell beißt.“ Da gibt es einen Fechtmeister, der am Degen Blitze zucken lässt und der einer Erzählung E.T.A. Hoffmanns entsprungen sein könnte. Eine Damenkapelle aus „Mösikstudentinnen“. Paul schluckt die ganze Zeit schön was weg. Und dazwischen entfaltet sich die unmögliche Liebesgeschichte zwischen Fränzi und Dän.

Das Lesebuch bietet einen guten Einstieg in das Werk, und schon mit diesem Auszug kann ein Normalleser Ahnungslosigkeit abbauen. Wer weiß, vielleicht folgt ja noch eine längere Zeit mit dem großen Buch?

Auch Fachleute haben Probleme mit „Zettel‘s Traum“. 1972 gründeten Schmidt-Fans im Gasthof Bangemann, wenige Meter von Schmidts Haus in Bargfeld, ihr Dechiffrier-Syndikat. Im „Bargfelder Boten“ veröffentlichten sie zunächst, was sie an Anspielungen entschlüsselt hatten. Später widmete sich die Zeitschrift auch anderen Aspekten. Das einzigartige Magazin erscheint bis heute. Zum Jubiläum von „Zettel‘s Traum“ wurden einige Aufsätze in einem Taschenbuch zusammengefasst. Da kommentiert der, von Schmidt übrigens wenig geschätzte, Syndikat-Gründer Jörg Drews überaus profund über fast 30 Seiten hinweg ausschließlich die erste Seite des Romans. Und Heinrich Fischer listet auf, in welcher Fülle Schlager aus BRD und DDR Eingang in das Buch gefunden haben, von Wencke Myhre bis Frank Schöbel.

Bernd Rauschenbach (Hg.): Arno Schmidts Zettel‘s Traum. Ein Lesebuch. Suhrkamp Verlag, Berlin. 254 S., 25 Euro.

Friedhelm Rathjen (Hg.): Arno Schmidt – „Zettel‘s Traum“. Edition Text + Kritik, München. 171 S., 24 Euro.

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