Das Lehmbruck-Museum stellt den Bildhauer Lynn Chadwick vor

Eine Demonstration der Kraft: Lynn Chadwicks Skulptur „Beast VII“ (1956) ist in Duisburg zu sehen. Foto: Stiftel

Duisburg – Das Biest reckt sein lang gestrecktes Maul empor. Der besonders im Schulterbereich massige Körper scheint gespannt vor Angriffslust. Man weiß nicht, was sich der britische Bildhauer Lynn Chadwick zum Vorbild für dieses seltsame Wesen genommen hat. Vielleicht war es ein Stier. Aber die Kraft und Aggression dieser Arbeit erkennt der Betrachter auf den ersten Blick.

Die 1956 entstandene Bronzearbeit ist im Duisburger Lehmbruck-Museum zu sehen. Es zeigt die erste umfassende Retrospektive auf einen Klassiker der britischen Nachkriegskunst. Mit rund 70 Skulpturen sowie zahlreichen Zeichnungen und Skizzen ist hier ein Werk zu erkunden, das in den 1950er Jahren international gefeiert wurde. Inzwischen gehört Chadwick allerdings eher zu den großen Unbekannten. Die Schau entstand in Kooperation mit dem Georg Kolbe Museum und dem Haus am Waldsee in Berlin, wo sie zuerst zu sehen war. Das Lehmbruck-Museum besitzt ein Hauptwerk von Chadwick, den „Stranger II“ (1956), und zwar in der Unikat-Version. Das Mischwesen aus Mensch und Flugwesen mit seinen ausgebreiteten, eher segelartigen Schwingen besteht aus einem Gerüst aus Eisenstangen, das der Künstler wie bei einem Fachwerkhaus aufgefüllt hat mit Stolit, einem technischen Baustoff aus Gips und Eisenspänen.

Lynn Chadwick (1914–2003) kam auf Umwegen zur Kunst. Der gebürtige Londoner arbeitete zunächst als technischer Zeichner in Architekturbüros. Im Krieg wurde er als Pilot ausgebildet und diente als Marineflieger. Nach dem Krieg wechselte er zunächst zum Design und entwarf Textilien, Möbel und Messestände.

1950 entstehen die ersten Skulpturen. Und es sind schon Tierfiguren wie der „Bullfrog“ (Ochsenfrosch, 1951), der in der Schau ausgestellt ist. Ein abstrahiertes massives Gebilde auf vier Beinstummeln, oben mit einer Aussparung, über die sich ein filigranes, aber spitzes Gebilde erhebt, wie ein stilisiertes Maul mit Fangzähnen. Parallel zu diesen schon sehr markanten Arbeiten konstruiert Chadwick auch Mobiles, die sehr an die von Alexander Calder erinnern.

In den 1950er Jahren machte eine Gruppe junger Bildhauer in England Furore. Bei der Biennale von Venedig war der britische Pavillon mit Werken von Reg Butler, Kenneth Armitage, Eduardo Paolozzi, aber auch Chadwick ein großer Erfolg. Der Kunstkritiker Herbert Read gab der informellen Gruppe den Namen „Geometry of Fear“ (Geometrie der Angst). Sie fingen eine diffuse Stimmung der Nachkriegszeit ein, die Unsicherheit, die aus dem Missverhältnis zwischen dem wirtschaftlichen Wiederaufbau und dem Kalten Krieg erwuchs.

Chadwick hatte Erfolg, er konnte sich 1958 ein Anwesen in Gloucestershire kaufen mit einem verfallenen Herrenhaus, das er wieder herrichtete und mit einem Skulpturenpark umgab. Seine schlanken Skulpturen sind Hommagen an die Neogotik, und wenn er nicht künstlerisch arbeitete, widmete er sich der Renovierung des alten Herrenhauses und der Pflege des umliegenden Parks. Seine Skulpturen platzierte er darin so, dass sie den schönsten Blick auf die Landschaft hatten. Aber in den 1960er Jahren hatte die buntere, optimistischere Pop Art ihre Konjunktur. Die grauen, düsteren Arbeiten Chadwicks waren nicht mehr so gefragt. Heute allerdings entdeckt man sie neu.

Wenn man die Skulpturen Chadwicks aus den 1950er Jahren betrachtet, versteht man das Etikett „Geometry of Fear“. Seine Mischwesen vereinen menschliche, animalische und technische Anteile. Sie wirken durch die Abstraktion kalt, haben eine Distanz zum Betrachter. Gleichwohl strahlen sie auch etwas Unbehagliches aus. Das „Beast“, das Chadwick 1953 schuf, steht hochlabil auf drei dünnen Insektenbeinchen. Aus dem schlanken Leib erheben sich Fühler mit bläulich eingefärbten Glasklumpen. Unsagbar fremd ist das, und doch hat der Betrachter den Eindruck, einem naturhaften Gebilde gegenüberzustehen.

Natürlich war Chadwick auch bei der ersten documenta 1955 in Kassel vertreten. Ein Jahr später feierte er einen Triumph, als er als jüngster Künstler den Internationalen Preis für Skulptur der Biennale von Venedig gewann und nicht Alberto Giaometti oder Germaine Richier, die eigentlich favorisiert waren. Stilistisch sind Chadwicks Arbeiten durchaus verwandt, ebenfalls surreale Mischwesen, schlank, mit schrundigen, unruhigen Oberflächen.

Den „Beasts“, Biestern, die der Ausstellung den Titel „Biester der Zeit“ gaben, blieb Chadwick bis ins hohe Alter treu. Da hat er seinen Stil gewandelt, schuf Skulpturen aus Edelstahl, mit glatten Oberflächen. Das „Crouching Beast“ (Hockendes Biest, 1990) ist aus Mehrkantkörpern zusammengesetzt, sieht aus wie eine in Stahl gegossene Ikebana-Arbeit. Aber auch hier hat Chadwick die Energie eines am Boden sitzenden Bullterriers eingefangen, ohne das Tier realistisch nachzuformen.

Die Schau im Lehmbruck-Museum ist in einer Mischung aus Chronologie und Themenblöcken aufgebaut. Neben den Tieren sind das menschenähnliche Figuren, die mal „Stranger“ (Fremde) heißen, mal „Watcher“ (Beobachter“ oder „Cloaked Figures“ (Verhüllte Figuren). Es gibt auch Paare, die in Bewegung scheinen, die „Dance“ betitelt sind.

Eine Serie ist „Moon of Alabama“ (1957) betitelt, nach dem Song von Brecht und Weill. Auch hier spürt man eine negative, kritische Energie gegenüber der Zeit. Der Himmelskörper wird als unregelmäßiger, mit kristallinen Strukturen überzogener Metallball auf Beinen gezeigt. Daneben stehen seltsame Gebilde, die wie Raketen oder Geschosse wirken und „Inquisitor“ oder „Detector“ (beide 1964) heißen.

Die oft in monumentaler Größe gefertigten Stahlarbeiten des Spätwerks stehen im Eingangsbereich des Museums, empfangen geradezu die Besucher. Neben den mal hunde- mal pferdegroßen Biestern stehen dort auch die „Sitting Figures“ (1989), die sitzend den Betrachter überragen. Dieses menschenähnliche Paar, erkennbar Mann und Frau, wirkt ebenfalls wie eine in dickes Metall übertragene Faltarbeit aus Papier. Die Gesichter sind kalte Metallrechtecke. Hier erreicht Chadwick die Strenge und Ausstrahlung von Totemfiguren.

Bis 26.7., di – fr 12 – 17, sa, so 11 – 17 Uhr,

Tel. 0203 / 283 32 94, www. lehmbruckmuseum.de,

Katalog, Buchhandlung Walther König, Köln, 28 Euro

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