„Es lebe der König!“ heißt der „Tatort“ aus Münster

Die Rüstung der Leiche aus dem Burggraben untersucht Professor Boerne (Jan Josef Liefers, links) mit Assistentin Haller (ChrisTine Urspruch) und Kommissar Thiel (Axel Prahl) im „Tatort“ aus Münster. Foto: Kost/WDR

Auch erfahrene Ermittler wie Kommissar Thiel und Pathologe Professor Boerne haben so eine Leiche noch nicht gesehen. Der ehemalige Kirmeskönig Manfred Radtke ist im Graben seiner gerade erworbenen Ritterburg ertrunken. Weil er in einer Ritterrüstung steckte. „Ich freue mich schon auf Alberichs Gesicht“, kostet Boerne das exotische Moment des Falls aus.

Denn dass die Ermittler im Münster-„Tatort“ hier einen Fall haben, findet der exzentrische Kriminalmediziner im Selbstversuch heraus. Die Rüstung kann ein Mann nicht ohne Hilfe anlegen. Darum muss jemand nachgeholfen haben beim Sturz in den Burggraben.

Vor einem Monat erst haben die beliebtesten Protagonisten des Sonntagskrimis in der Folge „Limbus“ gezeigt, dass sie auch neue Wege beschreiten können. Da kam ein Schuss Fantastik vor: Boerne lag vergiftet im Koma, seine Seele steckte in der Vorhölle und versuchte, in die wirkliche Welt einzugreifen. In der aktuellen Folge „Es lebe der König!“ aber ist alles wie immer. Die Nahtoderfahrung hat das Selbstbewusstsein des Professors nicht nachhaltig geschädigt. Die besten Feinde Boerne (Jan Josef Liefers) und Thiel (Axel Prahl) frotzeln sich, zum Beispiel über Thiels Gesichtsbehaarung (Boerne: „Prinz Milchbart“) und lösen nebenbei einen Mordfall. Und den Zuschauer erwartet mehr Komödie und eher runtergedimmter Thrill.

Autor Benjamin Hessler und Regisseurin Buket Alakus rühren eine krude Mischung an aus verworrenen Familienverhältnissen, finsteren Plänen eines Drogenbarons, Lokalpatriotismus und provinziellen Rivalitäten. Das alles wird gewürzt mit möglichst schillernden Charakteren wie der einstigen Burgherrin Clarissa von Lüdecke (Justine Hauer), die mit Gummistiefeln, Hut und Teleobjektiv der Vogelwelt im Unterholz nachstellt. Sie war keine Kostverächterin. Den Stammsitz der Landadelsfamilie hat sie aber offenbar nicht ganz freiwillig verkauft.

Seltsam unbeteiligt zeigen sich die Hinterbliebenen. Seine junge Frau Farnaz (Violetta Schurawlow) hat ihn im Bordell kennengelernt, wo er ihr Stammkunde war. Sie hat mehr Augen für Radtkes Sohn Tobias (Marek Harloff), der gern Lieder zur Gitarre singt und ansonsten den Anweisungen seiner resoluten Schwester Claudia (Sandra Borgmann) folgt. Radtke, stellt sich heraus, hatte Steuerschulden und sich mit dem Landsitz übernommen. Und offenbar war er dement, wie Boerne bei der Sektion herausfindet. „Der König der Schausteller war nicht mehr ganz dicht“, wie Claudia sarkastisch feststellt. Ein Freiluftspektakel über die blutige Geschichte der Wiedertäufer im 16. Jahrhundert soll helfen, die Burg zum Eventstandort zu entwickeln. Ein Vorhaben, das der lokalstolze Pathologe natürlich verurteilt als „gewaltpornografische Ausbeutung“ der Stadtgeschichte. Um diese Pläne abzusichern, soll die Show weitergehen, auch nach dem Todesfall im Burggraben. Vielleicht aber hat auch der holländische Drogenbaron Draak seine Hände im Spiel, mit dem Radtke befreundet war.

Dieser Film hat mehr Verdächtige als ein Agatha-Christie-Schmöker. Erzählt wird ähnlich gemütlich. Da geht es um Momente. Boerne lässt es sich nicht nehmen, die Rüstung anzulegen. Dass Liefers dann eine Tanzeinlage zu Michael Jacksons „Bad“ liefert, gibt dem schillernden Professor eine neue Charakterfacette. Bisher lauschte er ja lieber Wagner-Opern. Dann läuft ihm auch noch seine charmante Ex-Studentin Rosemarie Sieber (Mai Duong Kieu) über den Weg, die sich als unerschütterliche Verehrerin ausgibt und um fachmännischen Rat bittet bei der Gestaltung von abgeschlagenen Köpfen.

Viel Stoff zum Schmunzeln liefert der neue Assistent Mirko Schrader (Björn Meyer), der nicht nur virtuos im Internet recherchiert, sondern auch die Kaffeezubereitung mithilfe eines Barometers auf eine neue Qualitätsstufe hebt. Aus unerfindlichen Gründen wetteifern Thiel und Boerne darum, wer sich in der Geschichte der Wiedertäufer besser auskennt. Und auch die Beschattungsaktion aus dem Kleinbus bekommt dank der voluminösen Stimme von Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) ihre unerwarteten Momente.

Der Film war eine der ersten Fernsehproduktionen, die unter Corona-Bedingungen stattfanden. Unter anderem mussten einige Szenen umgeschrieben werden, ein geplantes Finale sah einen Auftritt von Thiel und Boerne inmitten einer großen Gruppe mittelalterlich kostümierter Komparsen vor. Und anders als in früheren Fällen hielt der WDR die Drehtermine auch geheim, damit die Beteiligten nicht durch schaulustige Fans gefährdet wurden. Von Vorteil war, dass diese Folge vor allem in der und um die Burg spielt, und es kaum Drehs in der Innenstadt gab.

Dieser Fall hat das eine oder andere Logikloch. Aber die Fans der Schmunzelkrimis aus Westfalen werden auf ihre Kosten kommen.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

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