Das Landesmuseum in Münster hat auch während der Schließung viel zu tun

Sie war nicht nur sein bevorzugtes Modell: August Mackes Porträt seiner Frau Elisabeth mit Hut von 1909 wird in der großen Ausstellung nächstes Jahr gezeigt. Foto: Museum
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Sie war nicht nur sein bevorzugtes Modell: August Mackes Porträt seiner Frau Elisabeth mit Hut von 1909 wird in der großen Ausstellung nächstes Jahr gezeigt. Foto: Museum

Münster – „Wir tun einfach so, als gäbe es Corona nicht“, sagt Tanja Pirsig-Marshall, stellvertretende Direktorin des LWL-Landesmuseums für Kunst und Kultur in Münster. Zwar ist das Haus wegen des Lockdowns geschlossen. Gearbeitet wird dort aber trotzdem. Und es gibt viel zu tun für das Team.

Selbst in der großen Themenausstellung „Passion Leidenschaft“, die derzeit kein Mensch sehen kann. Dort mussten einige der Kunstwerke mit einer Abdeckung vor Licht geschützt werden. Die Leihgeber wollten ihren kostbaren Besitz nicht belasten, wenn niemand ihn sehen kann. Und einen gewissen Eindruck kann man schon bekommen, zum Beispiel wenn man sich mittwochs ab 18.30 Uhr an seinen Rechner setzt und eine Videoführung auf Instagram anschaut. Dabei werden jeweils drei bis vier Werke besonders ausführlich vorgestellt.

Das Digitale tritt an die Stelle des klassischen Museumsbesuchs. „Die Leute bedanken sich für die vielen Videaos in den sozialen Medien“, erzählt Pressesprecherin Claudia Miklis. Auch das ausführliche „Digitorial“ zur Ausstellung auf der Website wird sehr gut angenommen. Man sucht neue Wege. Mit dem Stadttheater war eine Kooperation geplant, Hans Henning Paars Choreografie „Sensus corporis“. Dabei sollten Tänzer des Tanztheaters in der Ausstellung auf einzelne Werke reagieren. Live kann das nicht geschehen, aber getanzt wurde trotzdem. Ab dem 22. Dezember um 19 Uhr kann man auf dem Youtube-Kanal des Museums die Performances anschauen. Zur Zeit wird noch am Schnitt gearbeitet.

Der Einschnitt ist aber schon erheblich. „Noch im Januar hatten wir 40 000 Besucher, da standen Schlangen um das Gebäude“, blickt Miklis auf die letzten Wochen der großen William-Turner-Ausstellung zurück. Solche Szenen sind heute unvorstellbar, der Aufwand für „Passion Leidenschaft“ war aber ebenfalls erheblich. „Uns geht es ja noch gut“, räumt Tanja Pirsig-Marshall ein. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe als Träger sichert den Bestand des Museums. „Aber wir rechnen schon mit Konsequenzen.“

Die Museumsfrau blickt ohnehin schon in die Zukunft. Im kommenden Mai soll eine große Werkschau zu August Macke eröffnet werden. Die Vorbereitungen dafür laufen auf vollen Touren. Das Landesmuseum hat 80 Skizzenbücher des Künstlers im Haus, die zu den Fragestellungen der Schau ausgewertet werden. Diesmal soll seine Frau Elisabeth in den Blick genommen werden, die nicht nur Mackes wichtigstes Modell, sondern auch für das Werk und seine Überlieferung sehr bedeutsam war. Sie hatte als eine Art Managerin Kontakte gepflegt, sich um Ausstellungen gekümmert und den Nachlass verwaltet. Ja, so Pirsig-Marshall, bei einigen Werken hat sie sogar selbst Hand angelegt. Zur Zeit wird die Ausstellungsarchitektur geplant. Und Kunstwissenschaftler schreiben an den Artikeln für den Katalog. Unter Corona-Bedingungen nicht einfach. Viele Archive sind geschlossen. Dienstreisen sind nicht möglich. „Da müssen wir den Autoren Material digital zur Verfügung stellen“, erklärt Pirsig-Marshall. Und rund 200 Fotos müssen gesichtet, Personen darauf identifiziert werden für den dokumentarischen Teil der Schau. Gerade liegt ein Probelayout für das Buch vor.

Aber die Kuratorin beschäftigt sich nicht nur mit Macke. „Wir arbeiten gerade bis 2023“, sagt sie. Große Präsentationen sind auch dann geplant, zum Beispiel ab Herbst 2022 eine internationale Schau zum 900. Geburtstag des Stauferkaisers Friedrich Barbarossa. Hier müssen Förderanträge und Leihanfragen gestellt werden. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass es gerade mehr zu tun gibt als sonst“, sagt Pirsig-Marshall.

Das Landesmuseum hat außerdem den Nachlass der Dortmunder Fotografin Annelise Kretschmer (1903-1987) angekauft, der erschlossen werden muss, damit man aus dem Material Ausstellungen gestalten kann. Bei 2600 Originalabzügen und rund 13 000 Negativen eine enorme Aufgabe. Und es entsteht zur Zeit auch ein Bestandskatalog zur Sammlung.

Und auch die Provenienzforschung geht weiter. Die Kunsthistorikerin Eline van Dijk überprüft die Herkunft der Objekte, die seit 1933 ins das Museum kamen. Sie ermittelte, dass Max Liebermanns Gemälde „Getreideernte“ möglicherweise aus der Sammlung von Paul Stern stammt, einem deutschen Juden, der sich 1942 in einem Sammellager bei München das Leben nahm. Die Wissenschaftlerin hatte zunächst die Werke der Moderne untersucht. Nun prüft sie die ältere Kunst, die vor 1900 entstand. Schon 2016 hatte das Münsteraner Museum eine Renaissancetruhe, die der jüdischen Familie Saulmann 1935 geraubt wurde, den Erben zurückgegeben und anschließend wieder abgekauft, diesmal rechtmäßig. Es gibt zwar zur Zeit keine Verdachtsfälle, meint Pirsig-Marshall. Aber das Museum hatte vom Auktionshaus Weinmüller, von dem auch die Truhe stammte, weitere Objekte erworben.

Alle diese Arbeiten laufen weiter, und auch weitere, trivialere, wie Renovierungsarbeiten in den Ausstellungssälen. Wenn keine Besucher da sind, kann man Bilder abnehmen und den Anstrich ausbessern. Oder den Steinboden im Foyer aufarbeiten. Tausende sind schon hier durchgegangen, da ist eine Grundreinigung angesagt. Wegen der neuen Versiegelung darf der Boden drei Tage lang nicht betreten werden. Da kommt eine Schließung gerade recht.

www.lwl-museum-kunst-kultur.de

Der Youtube-Kanal des Museums zeigt ab 22.12., 19 Uhr, Hans Hennings Paars Tanzperformance „Sensus Corporis“: www.youtube. com/c/LWLMuseumKunstKultur

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