65. Kurzfilmtage in Oberhausen zeigen 600 Filme

Es raucht in der Siedlung: Der Film „Brand“ von Jan Köster und Alexander Lahl, zu sehen in Oberhausen. Foto: kurzfilmtage

Oberhausen – Traditionen haben auf dem ältesten Kurzfilmfestival der Welt nichts Programmatisches. In Oberhausen gibt es die Internationalen Kurzfilmtage nun mal seit 1954. Das Festival ist immer mit der Zeit gegangen. Mittlerweile sind kurze Filme sogar über das Jahr zu finden, wie in der Facebook-Reihe „Legendary Shorts“.

Es gibt diese klassischen Kurzfilme, die Fans begeistern. Auf der Website des Festivals finden sich ein Trailer zu Alfred Hitchcocks Film „Psycho“ (1960) und Alexander Sokurovs „Sonata dija Gitlera“ (1988). Der zweite Film verweist auf den diesjährigen Programmschwerpunkt zum Frühwerk des russischen Filmemachers. Sokurov, der 50 Langfilme gedreht hat, gewann 2011 den Goldenen Löwen in Venedig mit „Faust“, seiner Goethe-Verfilmung mit Hanna Schygulla.

Derzeit sind in Oberhausen rund 600 Filme aus über 60 Ländern zu sehen (bis 6. Mai). Festivalleiter Lars Henrik Gass erklärt bei der Eröffnung, dass es 7700 Einreichungen gegeben hat. Eine gigantische Zahl, auch für kurze Filme.

Neben der Sektion Internationaler Wettbewerb mit dem Hauptpreis ist in Oberhausen der Deutsche Wettbewerb zu einem Standard des Programms geworden. Seit 1991 werden kurze Filme aus Deutschland prämiert. Oberhausen ist das erste Festival, das deutsche Kurzfilme sichtete und von einer Jury beurteilen ließ. Insgesamt werden beim 65. Festival in Oberhausen 42 000 Euro in fünf Wettbewerben vergeben.

Aber Oberhausen stellt Tradition nicht ins Schaufenster oder verneigt sich vor der eigenen Geschichte. Die Vergangenheit ist in deutschen Beiträgen eher ein vitales Thema, dem sich Filmemacher sehr akzentuiert nähern. In dem Film „Brand“ (5:18 Min.) von Jan Köster und Alexander Lahl erinnern sich ein Theologe und seine Frau an die Folgen ihrer Hilfsbereitschaft. Aus dem Off fragt er, „Susanne, hat sich das gelohnt?“ Sie hatte den Brief geöffnet und den Geruch tagelang nicht aus der Nase bekommen. „Gülle für Euch – verschwindet hier“, heißt es da, und der Zeichentrickfilm lässt einen spüren, wie Exkremente tropfen. Es geht um Fremdenfeindlichkeit, um Nachbarn, die sich abwenden, um Ausgrenzung und das Gefühl, sich in der Heimat nicht mehr wohl zu fühlen. Die Zeichnungen changieren zwischen konturenklar und ungenau. Einmal steigt Wasser in der Siedlung und überschwemmt das Zuhause, wie eine Flut, eine „braune Flut“, legt das Filmbild nahe. Am Ende wird die beklemmende Stimmung, die der gezeichnete Film schafft, mit Fakten konkretisiert: 2015 hatte Markus Nierth geholfen, 40 Flüchtlinge aus einer Unterkunft zu retten. Das Gebäude in Sachsen-Anhalt brannte ab, die Täter wurden nie ermittelt.

Auch „performing monuments“ (15:07 Min.) von Katrin Winkler nähert sich einem historischem Sachverhalt auf ganz eigene Weise. Winkler war in Namibia und dokumentiert, wie die Herero des Genozids durch die deutschen Besatzer (1904–1908) gedenken. Mit ihrer Handkamera ist sie nah dran, zeigt am „Herero’s Day“, wie Reiter sich auf der Straße bewegen, wie Zelte aufgestellt werden, Politiker und Fernsehkameras zu diesem Tag dazugehören. Die Ode einer Herero ist zu hören: „Ich komme von Frauen“. Sie lobt die Vitalität ihrer Ahninnen, die sich nicht den Deutschen und nicht den Männern unterworfen haben. Das wirkt intensiv, authentisch und eben nicht inszeniert. Pferde sind am Festtag wichtig, weil der Herero-Anführer Samuel Mahereros damals auf einem Pferd flüchten konnte. Die Deutschen jagten die Hereros mit diesen Vierbeinern.

Im Deutsche Wettbewerb wird nationalistische Politik auch surreal gekontert („Star, volume 2“, 10:33 Min) von Mikolaj Sobczak. Oder Kerstin Honeit amüsiert in „Panda Moonwalk“ (8:02 Min.) mit Spott und Übertreibung, was die Yellow Press und Gerüchteküche entwickeln, wenn ein Panda im Berliner Zoo rückwärts läuft. Kurios.

Deutscher Wettbewerb, Sa. und So. jeweils ab 12.30 Uhr im Lichtburg Filmpalast, Tel. 0208 / 824 290; www.kurzfilmtage.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare