Kunstwerke in Bielefeld – Ein Rundgang

Mächtig wirkt der korrodierte Stahl vor der Kunsthalle Bielefeld: Richard Serras „Axis“ (1989) ist die schwerste Skulptur im öffentlichen Raum der Stadt. Foto: lettmann

Bielefeld – Städte stellen Kunst auf Plätze, in Parks und Fußgängerzonen. Warum nicht in Corona-Zeiten einen Stadtraum erkunden anhand moderner Kunst? Man lernt mehr kennen als Shopping Malls. Und es wird offenkundig, wie Kommune und Bürger mit den nicht immer geliebten Skulpturen und Objekten umgehen.

In Bielefeld lohnt der Weg vom Hauptbahnhof. Über den Vorplatz hinweg führt die Herbert-Hinnendahl-Straße direkt zur Stadthalle. Gerkan, Marg und Partners aus Hamburg entwarfen 1990 eine Art weißen Dampfer. Das Architekturbüro zählt zu den international einflußreichsten Baugestaltern aus Deutschland. Von einer leichten Anhöhe aus geht der Blick vom Veranstaltungsort auf die Innenstadt gen Süden. Diese Lage wird von Isa Genzkens konzeptueller Installation „Spiegel“ (1992) genutzt. Die Künstlerin ließ einen gigantischen Rahmen aus Stahl vor die Halle stellen, der sie überragt: 20 mal 30 Meter hoch. Der Rahmen wirkt wie ein Fenster. Aus welcher Richtung man schaut, werden Details zu Stadt oder Architektur jeweils fokussiert. Sie ergänzen den Gesamteindruck. Genzken bietet keine Kunst am Bau, sondern erhebt sich gedanklich über die Architektur. In der Antike galt die Baukunst als Königsdisziplin der Künste. In der Moderne sind die Verhältnisse in Bewegung. Gerkan, Marg und Partners hatten sich seinerzeit gegen den „Spiegel“ ausgesprochen. Er steht bis heute und wird von zwei ungleichen Streben gestützt. Eine mutige Einlassung in den Stadtraum.

Richtung Innenstadt führt der Weg über den Willy-Brandt-Platz in die Paulusstr. und über die Kavalleriestraße auf den Philipp-Reis-Platz. Hier will die Stadt modernisieren. Das riesige Areal mit Fitness-Flächen, Ruhezonen und Skateboard-Bahnen wird vom ehemaligen Telekom-Hochhaus überragt. Völlig entkernt wirkt das Stahlbeton-Gerippe wie eine apokalyptische Skulptur an sich. Direkt davor vergammelt das Kunstwerk „Sonile“ von Eduard Stöcklin. 1972 hat der Schweizer Künstler aus farbigem Metall und Stahl ein hohes Gestell geschaffen, das sogar Töne erzeugt. Ein Bürgerprotest hatte 1970 verhindert, dass das „Sonile“ an der Sparrenburg-Promenade aufgestellt wurde. Das Baudezernat war zwei Wirtsleuten nachgekommen, die Angst um die Ruhe vor ihrer Gaststätte hatten. Am Philipp-Reis-Platz dröhnt der Verkehrslärm. Das „Sonile“ wirkt abgestellt und seine beweglichen Arme sind fixiert. Allerdings will die Stadt das Kunstwerk ertüchtigen und in die neue Platz-Gestaltung einbinden. Auch dem Werk von Per Kirkeby muss geholfen werden. Der dänische Bildhauer, Architekt und Maler (1938–2018) ist für seine symmetrischen wie kompakten Backsteinskulpturen bekannt, die in einigen NRW-Städten zu finden sind. In Bielefeld führt der Weg über die August-Bebel-Straße und Am Hallenbad zu Kirkeby. Die Frontseite des Kunstwerks von 1988 ist von Graffiti überzogen. Der Pflanzenbewuchs gehört auch nicht zum Original. Die Rückseite bietet dagegen eine ursprünglichere Ansicht und mehr Qualität.

Richtung Innenstadt geht es zurück und über die Friedrich-Verleger-Str. links in die Turnerstr., wo ein Bronzedenkmal an die Synagoge der Jüdischen Gemeinde der Stadt (1905–1938) erinnert. Rechts in die Viktoriastraße läuft man direkt auf Sandro Chias Bronzestandbild „Passione d’Arte“ (Leidenschaft für Kunst, 1985) zu. Chia, der gern die Kunstepochen zitiert, lässt seine Figur in den Himmel schauen, eine Geisteshaltung, die der Künstler („Kopfzerbrechen“) nicht aufklärt. Neben dem Alten Rathaus erinnert die Plastik daran, dass in der Renaissance öffentliche Plätze mit Skulpturen aufgewertet wurden.

Über den Niederwall geht es weiter Richtung Kunsthalle. Die Kirchstraße hoch an der Altstädter Nicolaikirche vorbei führt die Route links in die Niedernstraße und rechts in die Obernstraße, die schnurstracks zum Skulpturenpark führt. Als großes voluminöses Zeichen führt einen Henry Moores „Großes Oval mit Spitzen“ (1968/70) auf ein Areal, wo Kunst im öffentlichen Raum zuhause ist. Der britische Künstler (1898–1986) gilt als Star der modernen Plastik. Er liebt den Platz in der Natur und achtet auf den Lichteinfall. In Bielefeld hatte er den Standort selbst ausgesucht. Im Park haben die Kunsthallendirektoren der letzten Jahrzehnte Beispiele für die moderne Plastik versammelt. Sol LeWitts massive Steinformation „HRZL Nr. 7“ (1992), Ólafur Elíassons labyrinthischer „Spiral-Pavillon“ (1999/2001) und Ulrich Rückriems minimalistischen Zustände des Anröchter Dolomit-Steins: mal „gebrochen“ (1977), mal „gespalten, geschnitten“ (1989). Man muss ein bisschen Muße mitbringen, um ihnen gerecht zu werden. Wie auch Thomas Schüttes „Bronzefrau Nr. 1“, die seit 2002 vor der Kunsthalle liegt und eine Ruheposition so gelassen symbolisiert, das Gliedmaßen und Körper förmlich schmelzen. Dennis Adams hat neben der Kunsthalle ein Foto von Philip Johnson (1906-2005) in seine installative Bushaltestelle „Shattered Glass“ (2018) eingesetzt. So wird der Erbauer der Kunsthalle gefeiert. Ein Video bewegt Johnsons Gedanken.

Nicht alle Werke im Skulpturenpark können hier aufgeführt werden. Aber an Richard Serras „Axis“ kommt niemand vorbei, so groß, hoch und wuchtig steht das Monument aus Cortenstahl mit seiner ausbalancierten Masse vor dem Eingangsbereich der Kunsthalle. Für diesen Platz ist es entwickelt worden. Serra empfahl bei der Übergabe 1989, nicht „drei rostige Platten“ zu verurteilen. Besser sei es um das Werk herumzugehen, sich einzulassen und zu erleben, wie die Stahlmasse zurückweiche und stabil bleibe. Auch „Axis“ ist Ziel von Farbbeuteln und Graffiti geworden. Die Stadt ließ 2011 eine Schutzschicht auftragen, um Farbspuren besser entfernen zu können.

Bielefeld, Herford und Gütersloh sichten Skulpturenbestand

Bielefeld, Herford und Gütersloh widmen sich ihrer Kunst im öffentlichen Raum mit dem Regiopole-Projekt. In Ost-Westfalen-Lippe wird grundsätzlich gefragt, wie gehen wir mit dem Bestand um, was muss verbessert werden und welche Rolle haben Skulpturen und Objekte für die Stadtgesellschaft?

Münster, wo seit 1977 alle zehn Jahre die Skulptur-Projekte stattfinden und den Stadtraum mit plastischen Werken versorgt haben, ist bei diesen Kernfragen schon weiter. Mittlerweile zählen die Skulpturen zum Image wie die Fahrräder, die die Uni-Stadt bundesweit bekannt gemacht haben.

Der Kulturausschuss der Stadt Bielefeld hatte 2017 eine Kooperation mit Herford und Gütersloh angeregt. Dabei war die Stadt Herford schon vorher mit Fragen zu öffentlichen Skulpturen befasst. Nun sollen gemeinsame Standards gesetzt werden. Nachdem 2018 eine Kooperation vereinbart wurde, ist es mittlerweile Ziel, eine Datenbank für alle Werke in den Städten aufzubauen. Die Aufgabe hat Birgit Laskowski übernommen. Im Februar 2020 stellte die Kunsthistorikerin aus Köln dem Kulturausschuss in Bielefeld beispielhaft erste Datensätze zu Kunstwerken vor. Während Düsseldorf und Köln spezielle Kunstkommissionen gebildet haben, sind Bielefeld, Herford und Gütersloh am Anfang eines Prozesses. Aber die Kommunen wollen aufholen.

Kunstwerke können für mehr Lebensqualität sorgen. Kassel erwarb Jonathan Borofskys Stele „Man Walking to the Sky“ , das Wahrzeichen der documenta IX 1992. Zu einigen Kommunen in Westfalen zählen mittlerweile die gemütlichen „Alltagsmenschen“ der Bildhauerin Christel Lechner.  lett

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