Der Kunstpalast Düsseldorf zeigt „Utopie und Untergang – Kunst in der DDR“

Traumatische Erinnerungsarbeit: Gerhard Altenbourgs Zeichnung „Ecce homo I (Der sterbende Krieger)“ (1949) ist in Düsseldorf zu sehen. Fotos:Kunstpalast

Düsseldorf – Radikaler und verletzter kann ein Selbstporträt kaum ausfallen. Gerhard Altenbourg zeichnete sich 1949 als verwesenden Körper, über die Skizze einer kämpfenden Armee, den Kopf umwuselt von nicht identifizierbaren Schemen. Der Künstler verarbeitete in dem großformatigen Blatt eigene Traumata, Schuldgefühle, weil er im Nahkampf einen russischen Soldaten getötet hatte. „Ecce homo“ bezieht sich auf ein traditionelles Motiv der Malerei, den von Pilatus ausgestellten Christus, zugleich überblendet die Zeichnung das reuige Ich und den sterbenden Soldaten.

Die Zeichnung ist im Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen. Das Haus zeigt die Ausstellung „Utopie und Untergang – Kunst in der DDR“. Museumsdirektor Felix Krämer verbindet hohe Erwartungen mit der Schau, die rund 130 Werke von 13 Künstlern präsentiert. Er findet, dass die Kunst des Ostens im Westen aus dem Fokus geraten sei. Dabei sei es, nicht nur mit Blick auf die Wahlen am letzten Sonntag, wichtig, dass man sich für einander interessiere. Das Wissen über die DDR sei, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, eklatant gering. Gegen die Skepsis will er die Schau setzen, die sehr heterogene Positionen vereine. Den Anspruch auf Volksbildung stützt auch, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Schirmherrschaft übernommen hat.

Allerdings: Ganz so unbearbeitet, wie die Macher meinen, ist das Feld DDR-Kunst im Westen nicht. 2001 hatte der Kreis Unna auf Schloss Cappenberg die große Schau „Kassandrarufe und Schwanengesänge“ gezeigt, „kritische Bilder und Skulpturen aus der späten DDR“. Schon 1990 präsentierte das Landesmuseum in Münster Arbeiten von Carlfriedrich Claus, wiederum in Cappenberg war 1995 eine große Ausstellung mit Werken Willi Sittes zu sehen. Und 2006 zeigte die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen „Deutsche Bilder“, darunter auch viele aus der DDR.

Das ist sicher nicht genug, aber auch nicht nichts. Dass im Westen das Wissen über den anderen deutschen Staat lückenhaft ist, ist unbestreitbar. Kurator Steffen Krautzig unterstreicht, dass es nicht die eine DDR-Kunst gegeben habe, die man vielleicht mit der offiziell getragenen Staatskunst identifiziere. 13 Positionen sind eine extreme Auswahl – am Ende gab es im Künstlerverband mehr als 5000 Mitglieder, sagt Krämer. Es ist ein Anfang, und es bietet die Chance, einen Querschnitt mit einer gewissen Vertiefung zu verbinden.

Da sieht man eben den Staatskünstler und SED-Funktionär Willi Sitte mit dem Monumentalschinken „Nach der Schicht im Salzbergwerk“ (1982): muskelstrotzende Arbeiterheroen, die sich in der Kaue abtrocknen. Sein ebenso wuchtiges Werk „Drei Akte mit Früchten“ (1967) steht vielleicht für die Utopie der DDR: Die Damen von rubenshafter Drallheit lassen sich Äpfel schmecken, dass ihnen der Saft aus dem Mundwinkel trieft wie dem Maler die Farbe auf die Leinwand. Ein ziemlich spießiges Idyll.

Aber es gehört zum Erkenntnisgewinn der Schau, dass die Kunst der DDR wirklich nicht so eintönig war. Wer hätte dort schon einen konsequent abstrakten Konstruktivisten erwartet wie Hermann Glöckner (1889–1987)? Er wurde in der DDR als formalistisch vom Kunstbetrieb ausgeschlossen, hielt sich mit Kunst am Bau am Leben, betrieb aber beharrlich seine Konstruktionen weiter. Die Collage „Schwarz und Weiß auf Blau“ (1957) ist von stiller, konzentrierter Kraft. Die Farbflächen stehen auf Zeitungsseiten, deren Schrift in den weißen Bereichen durchschimmert.

Sehr aufschlussreich ist der Blick auf die unmittelbare Nachkriegszeit, als sich die Doktrin des Sozialistischen Realismus noch nicht so verfestigt hatte. Da waren dann noch Bilder möglich wie die mild surrealen Stillleben eines Wilhelm Lachnit. Formuliert die „Gliederpuppe“ (1948) schon Kritik an der gelenkten Kunst im Sozialismus? Ähnlich unklar in der Aussage, aber von deutlicher Melancholie geprägt ist die Malerei von Elisabeth Voigt. Wenn sie eine junge Frau mit dem Titel „Verlorene Illusionen“ (1946/47) porträtiert, unterminiert das den offiziellen Aufbaugeist. Die Bäuerin, die den ausgebrochenen „roten Stier“ (1944–61) bändigen will, ist jedenfalls ein schönes Beispiel für Postexpressionismus.

Selbst ein Willi Sitte, immerhin lange Jahre Präsident des Verbands Bildender Künstler und Mitglied des Zentralkomitees der SED, musste sich anfangs für seinen „Formalismus“ rechtfertigen: Sein „Raub der Sabinerinnen“ (1953) weist noch Anklänge an Picasso auf. Bernhard Heisig wurde als Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst zu einer Gründerfigur der Leipziger Schule, deren zweite Generation mit Künstlern wie Neo Rauch und Michael Triegel international gefragt sind. Schon Heisig wurde zu einer Art grenzübergreifendem Staatskünstler. Bundeskanzler Helmut Schmidt ließ 1986 von ihm das offizielle Porträt für die Kanzlergalerie malen. In Düsseldorf ist es neben dem „Brigadier II“ (1968/70/79) zu sehen, der optimistisch den Daumen nach oben streckt.

Sie sind erwartbare Vertreter jener in den Schatten geratenen Kunstepoche, ebenso wie Wolfgang Mattheuer. Seine tristen Bilder wurden früh auch im Westen geschätzt. Dass er die „Ausgezeichnete“ (1973/74) eben nicht freudestrahlend malt, sondern verloren an einer großen Tafel, auf der nichts liegt als ein paar Tulpen, ist als Absage an das Kollektiv zu verstehen. Und seine „Flucht des Sisyphos“ (1972) wurde in einem Land, aus dem viele zu fliehen versuchten, gewiss nicht mythologisch verstanden.

Viel hermetischer sind die Schriftbilder auf Folie, die Carlfriedrich Claus schuf. Die eigensinnigen experimentellen Arbeiten wurden erst spät ausgestellt.

A.R. Penck hingegen gehört zu den populären Künstlern in der BRD. Seine archaisch wirkenden Strichmännchenbilder, die an Höhlenmalerei oder Stammeskunst erinnern, hat er aber in der DDR entwickelt wo er von der Stasi beobachtet, später mit Ausstellungsverbot bedacht wurde. 1980 wurde er ausgewiesen, übernahm 1989 eine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf. Sein Bild „Der Übergang“ (1963) gehört zu den ikonischen Werken der Sammlung Ludwig.

Widerständig zeigte sich auch Angela Hampel, die in der Endzeit der DDR, angeregt durch die Lektüre von Christa Wolfs „Kassandra“, Figuren der Mythologie malte. Die kindermordende „Medea“ und „Judith“, die verächtlich auf den Kopf des Holofernes blickt (beide 1985), sind beide grellbunte, expressive Figuren, gemalter Punk.

Am Ende der Schau stehen übermalte Fotos und Stasi-Dokumente. Cornelia Schleime konnte 1984 die DDR verlassen, mit dem fünften Ausreiseantrag. Gerade die sarkastisch verfremdeten Blätter der Stasi-Akte stehen dafür, die Deutungshoheit über das eigene Leben zurückzugewinnen.

Sicher ist mit dieser Schau die Kunst in der DDR nicht annähernd repräsentiert. Es ist eine Auswahl, ein Appetitmacher, der eine unerwartete, überraschende Bandbreite zeigt. In vieler Hinsicht ist der andere, vergangene deutsche Staat hier im Westen doch unbekanntes Terrain.

Bis 5.1.2020, di – so 11 – 18, do bis 21 Uhr,

Tel. 0211 / 566 42 100, www.kunstpalast.de,

Katalog, Sandstein Verlag, Dresden, 29,80 Euro

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