Der Kunstpalast in Düsseldorf zeigt „Peter Lindbergh – Untold Stories“

Böse Blicke auf Krebse: Für sein Foto aus dem Hafen von Brooklyn hat Peter Lindbergh 2015 die Models Sasha Pivovarova, Steffy Argelich, Kirsten Owen und Guinivere van Seenus wie Gangchefinnen inszeniert. Foto: © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

Düsseldorf – Wie eine Girl Gang ließ Peter Lindbergh die Models Sasha Pivovarova, Steffy Argelich, Kirsten Owen und Guinivere van Seenus durch den Hafen von Brooklyn laufen. Auf einem Foto kommen sie aus einer abgenutzten Halle. Sie tragen Anzüge, sie rauchen und gucken finster. Hinter ihnen sieht man drei robust gebaute Kerle, die wie Leibwächter die Gegend sichern.

Auf einer anderen Aufnahme sitzen die vier Frauen an einem Tisch mitten in dieser rauen Gegend, der man die abgewirtschaftete Industrie noch ansieht, und essen Krabben. Man käme kaum auf den Gedanken, dass man hier Fotos einer Modestrecke sieht. Eher scheint Lindbergh in dieser Serie von 2015 ein Mafiadrama in weiblicher Besetzung zu erzählen. So böse, wie sie auf die Krustentiere gucken, planen sie gewiss einen Anschlag oder Überfall.

Zu sehen sind die Bilder in der Ausstellung „Peter Lindbergh – Untold Stories“ im Kunstpalast Düsseldorf. Mit Trauer präsentiert Museumschef Felix Krämer die Schau. „Eigentlich sollte Peter hier sitzen und das vorstellen“, sagte Krämer. Lindbergh hat die Bilder ausgewählt und inszeniert. Kurz nachdem er die SMS „Ausstellung fertig“ geschickt hatte, ist er im September gestorben.

Der 1944 im deutsch besetzten Teil Polens geborene und in Duisburg aufgewachsene Fotograf wurde vor allem mit innovativen Modefotografien für Vogue, Vanity Fair, The New Yorker bekannt. 1985 hatte er eine erste Museumsausstellung im Victoria & Albert Museum in London. Viele folgten. Als eine Retrospektive wollte er die Düsseldorfer Ausstellung nicht verstehen. Eher ein „Best of“, wie Museumsdirektor Krämer sagt. Aus seinem riesigen Fundus wählte Lindbergh rund 140 Aufnahmen.

Zu seinem Metier hatte Lindbergh ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits interessierte er sich nicht für Mode, wie er in einem im Katalog abgedruckten Interview erzählt. Andererseits wollte er auch zeigen, dass die Modefotografie eine eigenständige Kunstform ist.

Die Aufnahmen haben etwas Erzählerisches, oft wirken sie wie Stills aus einem Kinofilm. Lynne Koester stellte er 1984 in eine Maschinenhalle und ließ sie an Hebeln hantieren, eine offensichtliche Hommage an Chaplins Film „Modern Times“. In einer anderen Bildstrecke ließ er 2006 Models mit den wuchtigen Schutzmasken von Stahlarbeitern durch Los Angeles laufen. Die Bilder lassen an einen Katastrophenfilm à la „Outbreak“ denken. Oder er lässt seine Fotos aussehen, als wäre er ein Paparazzo und hätte Stars in einem privaten Moment überrascht, wie bei einem Diptychon mit Galaxy Craze, Georgina Cooper und Zoe Gaze in Brautkleidern, fotografiert 1998 in Beckley, West Virginia. Oder er inszeniert Models als Aktivisten, die bei einer Demo „Peace“ auf die Straße gepinselt haben (Warner Bros. Studios, 2004).

Die Schau setzt auf Größe. In zwei Sälen sind die Wände mit Abzügen auf Plakatpapier gestaltet, monumentale Fototapeten mit Abzügen im Format drei mal vier Meter. Auch die gerahmten Aufnahmen haben Plakatformat. Lindbergh kombiniert mehrere Aufnahmen zu Ensembles.

Lindbergh hat neben Models wie Naomi Campbell, Milla Jovovich, Claudia Schiffer immer auch andere Prominente porträtiert. Seine Bildsprache ist ungewöhnlich genug: Keine Retuschen, hartes, oft körniges Schwarz-Weiß, oft eine große Nähe, so dass Hautunreinheiten, Falten, Härchen überdeutlich sichtbar werden. Schmeichelhaft ist die Aufnahme von Uma Thurman (2016) gewiss nicht, aber Lindbergh zeigt die Hollywoodschauspielerin greifbar, geradezu alltäglich. Ikonisch ist sein Porträt von Helen Mirren (2016), bei dem man der ungeschminkten britischen Mimin direkt in die Augen zu blicken scheint.

Frauen erscheinen bei ihm oft stark und selbstbestimmt. In manchen Aktaufnahmen allerdings behandelt er den Körper wie eine Skulptur, zum Beispiel, wenn Karen Elson Arme und Beine ineinanderknotet, dass ein Zirkusartist neidisch werden könnte (1997).

Lindbergh wollte in der Schau auch zeigen, dass er auch andere Genres beherrscht, Landschaftsaufnahmen zum Beispiel in der Tradition amerikanischer Meister wie Walker Evans wie bei der leere Straße in Nevada (1997). Aber auch hier verzichtet er nicht auf Tricks: Das Landhaus, das er durch eine löchrige Gardine aufnahm (2004), steht in den Universal Studios in Los Angeles – eine Filmkulisse.

Am Ende steht kein Foto, sondern ein eindringliches Video: In „Testament“ filmte er 2013 durch eine Spiegelwand einen zum Tode verurteilten Verbrecher. Lindbergh hatte dem Mann gesagt, er solle sich einfach nur betrachten. So wirkt es, als sähe er den Betrachter direkt an. Dann wird er unruhig, verzieht die Lippen zu einem Lächeln, wendet den Kopf beinahe ab, kneift die Augen zu, nickt. In diesem eindringlichen Film zeigt Lindbergh, was oft vergessen wird: Auch ein Mörder bleibt ein Mensch. Diese Arbeit mit ihrer sehr humanen Botschaft wollte Lindbergh schon lange zeigen. Aber sie passt nicht in den Modekontext. In der Düsseldorfer Ausstellung, die den Fokus weg von der Mode, hin zu den abgebildeten Menschen setzt, ist sie möglich.

Bis 1.6., di – so 11 – 18, do bis 20 Uhr,

Tel. 0211/ 566 42 100, www.kunstpalast.de

Katalog, Taschen Verlag, Köln, 60 Euro

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