Der Kunstpalast Düsseldorf erinnert an das „Junge Rheinland“

Ernsthafte Künstler scharen sich um die Galeristin Johanna Ey: Arthur Kaufmann porträtierte im Gemälde „Zeitgenossen“ 1925 einige der wichtigsten Mitglieder der Gruppe „Junges Rheinland“, zu sehen ist das Bild im Kunstpalast Düsseldorf. Foto: Museum

Düsseldorf – So richtig fröhlich schauen die versammelten Freunde nicht drein auf Arthur Kaufmanns Gemälde „Zeitgenossen“. Die Galeristin Johanna Ey bildet das Zentrum, die um sie gescharten Künstler versuchen, eine gute Figur zu machen. Adalbert Trillhaase vorne rechts bringt etwas großbürgerliche Seriösität in die Darstellung. Aber mit Lederjacke und Hungerleiderantlitz untergräbt Gert H. Wollheim links den guten Eindruck gleich wieder.

1925 bildete diese Künstler so etwas wie den harten Kern der Künstlergruppe „Junges Rheinland“. Das Gruppenbild hängt im Eingangsbereich der Ausstellung „Zu schön, um wahr zu sein“ im Kunstpalast in Düsseldorf. Dabei stand diese Gesellschaft ernsthafter Herren schon damals nicht mehr für ein großes Ganzes. Einige Künstler hatten im Zorn die Gruppe verlassen und die „Rheingruppe“ gegründet. Darum steht auch neben Wollheim die blonde Schauspielerin Hilde Schewior. Kaufmann hatte mit ihr Adolf Uzarski übermalt, der den Kollegen mittlerweile so hasste, dass er nicht mal auf einem Bild neben ihm stehen wollte.

Gegründet wurde das „Junge Rheinland“ vor 100 Jahren, am 24. Februar 1919. Deutschland hatte den Krieg verloren, die Städte lagen in Trümmern. Zumindest in der Kunst suchte man einen Aufbruch. Die Ausstellung soll an das Jubiläum erinnern. Keine leichte Aufgabe für die Kuratoren Kay Heymer und Daniel Cremer, denn das „Junge Rheinland“ war eben keine Gruppe im inhaltlichen Sinn, auch wenn schon 1922 ein anonymes Flugblatt schimpfte über die „tyrannische Hetzerei“, mit der dort eine „jüdisch-französische Kunst“ vertreten werde. Tatsächlich war das „Junge Rheinland“ ein Ausbund an Demokratie, eine Mischung aus Verein und Berufsgenossenschaft, der rund 400 Künstler angehörten. Die Gründer schlossen in ihrem Aufruf die „einseitige Förderung irgend einer Richtung“ aus. Es gab gesonderte Jurys für die „fortschrittlichen“ und die „konservativen“ Mitglieder. Eine frühe Form von „Anything goes“. Diese gewisse Beliebigkeit sorgte auch dafür, dass man keinen Draht zu Gruppen wie De Stijl in den Niederlanden und den russischen Konstruktivisten fand.

Wie stellt man eine solche Vielfalt dar? Bereits 1985 war das Junge Rheinland in Düsseldorf in einer umfassenden Ausstellung vorgestellt worden. Normalerweise rechtfertigen mehr als 30 Jahre Forschung allemal einen neuen Angang. Aber offenbar war der ganz große Auftritt diesmal nicht gewollt. Die Notwendigkeit zeigt der Eingangsbereich, wo ein geradezu altmeisterliches „Gurkenstillleben“ (1917) von Ernst te Peerdt, eine expressive „Flucht nach Ägypten“ (1918) von Hans Schütz, eine „Fabriklandschaft“ (1919) von Theo Champion doch für sehr konventionelle Positionen stehen.

Aber die Schau umfasst nur rund 150 Werke in einem Flügel des Kunstpalasts. Die Kuratoren mussten auswählen. Sie entschieden sich, nach dem Vorspiel zwölf, wie sie es nennen, exemplarische Positionen vorzustellen. Natürlich fehlen dabei die beiden Vertreter des Jungen Rheinlands mit Weltrang nicht, Max Ernst und Otto Dix. Ernst, einer der Mitgründer von Dada, war damals schon international unterwegs, lebte ab 1922 in Paris, schätzte aber vor allem die Möglichkeiten der Galerie von Johanna Ey, wo zeitweise das Büro des Jungen Rheinlands residierte. Und seine Beiträge zu Ausstellungen waren allemal spektakulär, wie das Gemälde „La vierge corrigeant l‘enfant Jésus devant trois témoins: André Breton, Paul Eluard et le peintre“ (1926), auf dem Maria das nackte Kind verhaut, dessen Heiligenschein zu Boden gefallen ist. Das Bild löste einen Skandal aus – freilich in Köln, wo es in der Sezession zu sehen war. Auch im Jungen Rheinland gab es viele religiöse Künstler, die sich provoziert fühlten. Von Dix sind nicht nur das monumentale Porträt von „Mutter Ey“ (1924) und das Bild „Krieg“ (1914) zu sehen, sondern auch die ungewöhnliche „Tiere in Phantasie-Landschaft“ (1923). Und auch die Kabinette lohnen, die den milden Expressionisten Heinrich Nauen vorstellen, und die Arbeiten des wilden Gert H. Wollheim, eines Industriellensohns, der Momente des Surrealismus mit sexuellen und politischen Provokationen mischte. Man sehe nur sein Gemälde „Weibliches Selbstbildnis (Der Golem)“ (1921), eine gemalte Collage, die die Einheit des Bildes aufgibt.

Man kann sogar Entdeckungen machen: Wem sind denn schon die Gemälde von Karl Schwesig (1898-1955) vor Augen? Er ist allenfalls noch bekannt für seine Zeichnungen aus den Folterkellern der Nazis, die er als politischer Aktivist nach seiner Flucht ins Exil schuf. Das „Selbstbildnis im Karneval“ (1930) des kleinwüchsigen Schwesig zeigt einen selbstbewussten Dandy. Die Malerin Lotte B. Prechner schuf mit „Epoche“ (1928) ein Programmbild der Neuen Sachlichkeit, in dem sie einen Afrikaner in weißem Hemd und Krawatte kühl auf die Parolen der Zeit blicken ließ. Und Martha Worringer übersetzt um 1920 die Bildwelt des Expressionismus in eine feine Stickerei.

Aber mit der Auswahl weckt auch die Schau den irrigen Eindruck einer irgendwie progressiven Gruppe. Aus diesem Rahmen fällt Wilhelm Kreis (1873-1955), der als Architekt in den 1920er Jahren zumindest das Rheinufer Düsseldorfs prägte, indem er den Ehrenhof, das Reichsmuseum für Gesellschafts- und Wirtschaftskunde, die Rheinhalle und das Restaurant Rheinterrassen entwarf. Kreis feierte seine größten Erfolge in der NS-Herrschaft, Hitler schätzte den monumentalen Stil. Arno Breker, einer der Protagonisten der Blut-und-Boden-Kunst, hatte bei Kreis studiert. Die Skulptur der „Aurora“ auf dem Kunstpalast stammt von Breker. Gewiss: Der Ehrenhof ist der heutige Kunstpalast, insoweit hat der Besucher ein Werk von Kreis vor Augen. Aber in der Ausstellung sieht man nur ein Video und eine Texttafel.

Insoweit mag die Schau zwar als Würdigung durchgehen, damit das Jubiläum nicht übersehen wird. Aber an Tiefe und Hintergründen bleibt sie doch einiges schuldig.

Bis 2.6., di – so 11 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0211/ 566 42 100,

www.kunstpalast.de

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 29,80 Euro

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare