Das Kunstmuseum Ahlen würde gern eine Rohlfs-Ausstellung zeigen

Die Farben leuchten und sind doch durchscheinend: Christian Rohlfs malte die „Mohnblumen“ 1929. Zur Zeit hängt das Bild im Kunstmuseum Ahlen. Foto:Kühle

Ahlen – Wenn man in den ersten Ausstellungsraum kommt, glaubt man beinahe nicht, Werke eines Künstlers zu sehen. Einmal den „Friedhof im Winter“, den Christian Rohlfs 1892/93 malte. Da beweist er sich als Stimmungsfänger, der die Schneedecke so in Grautöne bannt, dass selbst das so realistisch wirkende Weiß sich verdunkelt. Schwermut durchzieht diese Komposition, die ganz im Bann des französischen Impressionismus steht.

Um die Ecke dann ein Feuerwerk in Rot. Da hat Rohlfs einen Strauß Mohnblumen in einer Vase gemalt (1929). Man erkennt das Motiv. Aber die Blüten wetteifern als grelle visuelle Zeichen um Beachtung. Die Technik ist komplett anders: Statt der geschlossenen Bildoberfläche des älteren Ölbilds hängt nun ein großes Blatt Papier vor uns, auf das Rohlfs in Wassertempera gearbeitet hat. In die erste Malschicht griff er mit nassen Pinseln ein, nahm so wieder Farbe auf. Das fertige Bild erscheint fast durchsichtig, obwohl das Rot so leuchtet. Das Licht scheint aus der Bildoberfläche selbst zu kommen.

Christian Rohlfs (1849-1938) ist gerade in der Region kein Unbekannter. Immer wieder sind seine Werke in Ausstellungen zu sehen. Erst 2014 zeigte das Osthaus Museum in Hagen seine Grafik. Kein Wunder: 1900 lud der Mäzen Osthaus nach Hagen ein, der Künstler genoss dort mehrere Jahre den Vorzug einer freien Wohnung. Auch Soest faszinierte ihn. Grund genug für eine weitere Ausstellung, dachten die neue Direktorin des Kunstmuseums Ahlen, Martina Padberg, und die Kuratorin Dagmar Schmidt. Zumal ein Bild des Künstlers am Anfang des Hauses stand: Die farbenfrohe „Herbstlandschaft“ (um 1907) mit expressionistischen Zügen war das erste Werk, das das Mäzenen-Ehepaar Leifeld für die Sammlung stiftete. Später kamen noch vier weitere Gemälde und eine Zeichnung hinzu.

Die Schau „Christian Rohlfs. Augenmensch!“ bietet mit rund 100 Werken um diesen Bestand einen so aufschlussreichen wie schlüssigen Überblick über die Entwicklung des Malers. Leider kann sich wegen der Corona-Pandemie vorerst kein Kunstfreund einen eigenen Eindruck von der Arbeit des Hauses verschaffen. Kuratorin Dagmar Schmidt hofft optimistisch, dass das Kunstmuseum vielleicht im Januar wieder öffnen kann. Bis dahin ist die Präsentation ein höchst exklusiver Genuss.

Dagmar Schmidt hat eine Retrospektive erarbeitet, die mit der raffiniert komponierten Ansicht der Sternbrücke von Weimar (um 1887) einsetzt. Da steht Rohlfs noch ganz im 19. Jahrhundert mit seinen illusionistischen Effekten. Der Betrachter scheint über der Ilm zu schweben, der Brückenbogen bildet mit der Spiegelung im Wasser einen Kreis, in dem eine weitere Brücke sichtbar wird wie ein Bild im Bild. Die herbstlich entlaubten Bäume, den bewegten Himmel behandelt Rohlfs impressionistisch.

Der Künstler ist ja eine Figur zweier Jahrhunderte. Dass er Künstler wurde, war dem Sohn eines Kleinbauern in Groß Niendorf nicht vorherbestimmt. Als 15-Jähriger fiel er von einem Baum und erlitt eine schwere Beinverletzung. Später musste das Bein amputiert werden. Der behandelnde Arzt gab dem Jungen gegen die Langeweile Zeichenmaterial und erkannte sein Talent. Rohlfs studierte in Weimar. Er hat auf künstlerische Neuerungen reagiert. Sehr schön öffnet die Schau den Blick dafür, zeigt das schroffe Frühwerk „Steinbruch“ (1889), in dem er den Felsbruch mit pastoser Farbe fast zu einem Relief nachbildet, ebenso wie seine Versuche mit dem Pointillismus („Goethes Gartenhaus in Weimar“, 1902). Rohlfs, erläutert Schmidt, war kein intellektueller Künstler, kein Theoretiker, sondern ein Macher. Er setzte in eigene Bilder um, was er sah, was ihn beeindruckte. In der Osthaus-Sammlung kam er mit der damaligen Avantgarde in Berührung. Der Holzschnitt „Weiblicher/Tanzender Akt“ (1909/10) ist sichtlich von den Arbeiten der „Brücke“-Expressionisten inspiriert. Die „Mönche“ (1921) reduzieren die Kopfform auf geometrische Elemente.

Ein Wunder ist natürlich das Spätwerk, das Rohlfs nach dem Weltkrieg entwickelt, als über 70-Jähriger. Da schuf er seine Malerei mit Wasserfarben, die er mal deckend, mal transparent auftrug, die er nachträglich in Partien wieder auswusch, um die spektakulären Effekte von Transparenz und Leuchtkraft zu erreichen.

Und als Abrundung zeigt eine kleine Kabinettschau noch Werke aus der Sammlung von Rohlfs‘ Zeitgenossen, von Renoir über Nolde und Böckstiegel bis zu Willi Baumeister. All das wäre in Ahlen zu erleben, gäbe es nicht den Lockdown. Um den Kontakt zu halten, versucht das Museum, mit Angeboten im Internet den Kontakt zu seinem Publikum zu halten. Vom Wochenende an gibt es kleine Filme aus der Ausstellung auf dem Instagram-Kanal kunstmuseumahlen. Damit man sich schon freuen kann auf den Zeitpunkt, da man den Kunstwerken wieder direkt begegnet.

Bis 21.2.2021, zur Zeit geschlossen, www. kunstmuseum-ahlen.de,

Begleitbuch 8 Euro

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