Die Kunsthalle Recklinghausen zeigt die Farbmalerei von Kuno Gonschior

Wie ein durchscheinendes Gewächs: Kuno Gonschiors Bild „Gelbtrans“ (2003) ist in Recklinghausen zu sehen. Foto: Museum

Recklinghausen – Wenn man wissen will, was ein Farbmaler ist, muss man sich ein Bild anschauen wie „Gelbtrans“. 2003 experimentierte Kuno Gonschior. Statt Öl oder Acryl nahm er ein transparentes Gel als Farbträger. Damit bedeckte er eine fast quadratische, zwei Meter hohe Leinwand, die schwarz grundiert ist. Wie Schuppen bedecken die Pinselschläge die Fläche. Der dunkle Untergrund verändert das Gelb hin zu Grüntönen. Dadurch sieht die große Tafel aus wie eine von seltsamen Gewächsen überwucherte Wand. Gonschior hat dem Bild durch die Anordnung seiner Pinselschläge eine Dynamik verliehen, und die glänzende, durchsichtige Farbe wirkt auch etwas schleimig. „Gelbtrans“ scheint sich zu bewegen.

Zu sehen ist das Bild in der Kunsthalle Recklinghausen, die unter dem Titel „Kuno Gonschior – Farben sehen“ eine Retrospektive mit fast 70 Werken zeigt. Erstmals seit der großen Präsentation im Duisburger Museum Küppersmühle 2008 wird Gonschiors Schaffen wieder umfassend aufgearbeitet.

Der Künstler, 1935 in Wanne-Eickel geboren, 2010 in Bochum gestorben, gehört zu den Pionieren der Farbmalerei in Deutschland. Schon das früheste Werk in der Recklinghäuser Schau zeigt das, was es im Titel ankündigt: „Braune und graue Punkte“ (1959). Gonschior interessierte sich nicht dafür, etwas abzubilden, etwas darzustellen. Sein Thema ist die Farbe selbst, allerdings ohne Überbau, ohne Transzendenz, ohne Symbolik. Er will, sagte er einmal, einfach wissen, wie schwarz ein Schwarz ist. Oder welche Wechselwirkung sich zwischen Komplementärtönen ergibt. Oder wie bei den „Punkten“ der Effekt, der entsteht, wenn man eine Fläche komplett zutupft, bis man nicht mehr den einzelnen Punkt wahrnimmt, sondern das flirrende Muster, die visuellen Schwingungen. Als Student, erzählte er einmal, habe er auf billigen Leinwänden gemalt, aber immer mit den teuersten Farben.

Das Frühwerk erscheint noch zurückhaltend in der gedämpften Farbigkeit. Aber schnell gab Gonschior Gas. Da verwendete er Leuchtfarben, die das Auge anspringen. Anfangs nähert er sich der Op-Art an. Im Bild „Vibration Grün-Violett-Orange“ (1961) verdichten sich auf leuchtend-grünem Grund kleine Punkte zu Ballungen. Der Effekt ist die titelgebende Vibration. Gonschior knüpfte mit seiner Tüpfeltechnik bei den Impressionisten, beim Pointillismus an. Nur dass er nicht Stimmungen eines sonnendurchfluteten Mittags am Mittelmeer nachbildete, sondern allein auf die Wirkungen der Farbe setzte. Und vergleichbar ist auch der gleichsam wissenschaftliche Ansatz, der Umgang mit optischen Effekten. Mehrere dieser Werke brechen bereits aus dem Format des klassischen Tafelbilds aus. „Vibration Grün-Rot“ (1969) ist ein runder, in den Raum vorgewölbter Bildkörper. Da ließ Gonschior schon durch die Form des Objekts die Farbe den Betrachter anspringen. Und weil er auch hier intensive Leuchtfarbe benutzte, erzeugt sein Werk die reinste Synapsenmusik im Sehnerv.

Man spürt einen schrägen Humor in manchen Arbeiten. Im Leuchtfarbenbild „Rote Punkte“ (1970) gibt es viele Punkte, nur eben keine roten. Dafür knallt der orangerote Grund. Schaut man allerdings lange genug dieses Quadrat an und schließt dann die Augen, dann tanzen vor dem inneren Blick tatsächlich rote Punkte. Es ist eine Reaktion der Netzhaut, die die Nachwirkung des starken optischen Reizes ausgleicht.

Aber in anderen Bildern zeigt sich Gonschior ganz zurückhaltend. In den Bildern ohne Titel um 1970 werden die Punkte immer kleiner, zarter. Sie bilden feine Linien, das Leuchten verglimmt im Grau der Leinwand, und diese Werke erinnern an die poetischen Abstraktionen einer Agnes Martin.

Aber ab den späten 1970er Jahren wird Gonschiors Malerei weniger streng. Die Werke werden immer lockerer, expressiver. Nun setzte er diese immer dickeren Farbflecken nebeneinander, Mosaike, die in den großen Formaten immer überwältigender wirken. Eine Tafel wie „Grün“ (1993), zwei Meter hoch, mit Öl und Wachs gemalt, führt einen in einen imaginären Garten. Er brauche das Gefühlt, dass Farbe eine Substanz sei, eine Masse, sagte Gonschior einmal, dass „die Farbe einen Körper hat“. Diese Wahrnehmung hat man in den oberen Geschossen der Kunsthalle. Und manche Bilder heißen sogar „Landscape“, Landschaft, als wolle Gonschior auf einmal doch etwas abbilden.

Bei einem Bild wie „Orange auf Schwarz“ (2003) sieht man, wie der Künstler die Malerei in Schichten aufgebaut hat, erst den schwarzen Grund, dann leuchtende Blau- und Violett-Töne, die am Rande stehen blieben, aber zum Zentrum hin verschwinden unter kräftigen Gelb- und Orangetönen. Die Vibration der ersten Jahre ist da durchaus noch vorhanden, aber sie entsteht durch andere Schwingungen.

Bis 15.11., di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 02361/ 501 935,

www.kunst-re.de

Katalog in Vorbereitung

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