Die Kunsthalle Recklinghausen stellt das Werk von Rosemarie Koczÿ vor

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Vor einem Leichentuch kniet eine ausgemergelte Gestalt: Rosemarie Koczÿs Gemälde ist in Recklinghausen zu sehen.

RECKLINGHAUSEN - Überlebensgroß kniet die ausgemergelte Gestalt vor etwas, das aussieht wie ein aus vielen Flicken zusammengestückeltes Tuch. Das Auge schaut als tief schwarzes Rund aus dem Bild, das Rosemarie Koczÿ am 20. Juni 1986 gemalt hat. Auf die Rückseite all ihrer Bilder hat die Künstlerin geschrieben: „Ich webe Euch ein Leichentuch“.

Dieses Bild ist dem Gedenken an die Opfer der Shoah gewidmet, an die Millionen Juden, die die Nationalsozialisten ermordeten. Zu sehen ist es von Sonntag an in der Ausstellung „Rosemarie Koczÿ“ in der Kunsthalle Recklinghausen.

Das Haus kam auf seltsame Weise an einen erstaunlichen Bestand von Kunstwerken: Vor gut zwei Jahren brachte die Post einige Pakete, erzählt Museumsdirektor Hans-Jürgen Schwalm, einige recht große darunter. Der Inhalt: Gut 200 Gemälde, Holzreliefs, Tuschzeichnungen. Erst danach traf ein Brief ein, der alles erklärte. Nach dem Tod der Künstlerin wollte ihr Mann, der Komponist Louis Pelosi, den Nachlass regeln, der jeden Privatmann überfordert hätte: Rosemarie Koczÿ (1939–2007) hat 12 000 Zeichnungen und 3000 Gemälde und Holzschnitzereien geschaffen. Pelosi suchte nun passende Museen, denen er einige Werke schenken konnte. Und weil Koczÿ in Recklinghausen geboren wurde, lag es nahe, das Museum der Stadt mit einem besonders eindrucksvollen Konvolut zu bedenken.

Die Künstlerin war Jüdin und wurde 1942 deportiert. Sie überlebte, blieb aber auch nach dem Krieg noch in einem Lager für „Displaced Persons“, bis 1951 die Großeltern sie ausfindig machten. Sie kehrte nach Recklinghausen zurück, wuchs aber in einem Waisenhaus im Münsterland auf. Die traumatisierte Mutter war mit dem Kind überfordert.

Schon im Heim hatte sie eine Ausbildung zur Näherin gemacht. Sie zog 1959 in die Schweiz und studierte an der École des Arts Decoratifs in Genf. Nach dem Abschluss mit Auszeichnung entwarf sie vor allem Tapisserien mit abstrakten Mustern. Mit großem Erfolg: Die Sammlerin Peggy Guggenheim, mit der sie sich anfreundete, erwarb eine Arbeit für ihre berühmte Collection in Venedig. Und auch im Guggenheim Museum in New York ist sie mit Arbeiten vertreten. Der damalige Direktor Thomas Messer und Guggenheim überredeten Koczÿ, nach New York zu ziehen, den damaligen Hot Spot für Kunst.

In den 1970er Jahren vollzog sie einen radikalen Kurswechsel in ihrer Kunst. Nun zeichnete sie, nicht mehr abstrakt, sondern figurativ. Und sie begann, sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen. Das Textile blieb aber in ihrem Werk erhalten. Die Zeichnungen sind aus feinen Schraffuren aufgebaut, die wie ein dichtes Gewebe die Fläche bedecken. Das Leichentuch, von dem sie schreibt, ist als Strukturelement in den Bildern gegenwärtig. Man sieht ihren Figuren an, dass sie leiden. Oft drücken sie sich an den Bildrand oder in eine Ecke. Sie kauern ängstlich, sie stehen verkrümmt, vielleicht vor Schmerz. Sie wirken erschrocken, schutzlos, hilflos. Auf vielen Blättern sind sie von zarten, hochdekorativen Ornamenten umgeben, wie in einem Wandteppich oder einer Spitzenstickerei.

Koczÿs Werk wird oft von Galerien aus dem Bereich der Art brut gehandelt. Die Künstlerin kannte auch den französischen Maler Jean Dubuffet, einen der führenden Vertreter der Art brut. Aber ihr Zugang zur Malerei war nicht naiv, schließlich hatte sie Kunst studiert, und sie bezog sich auf eine lange Traditionslinie von Riemenschneider und Grünewald über Munch und Egon Schiele bis zu Giacometti. Gleichwohl haben ihre Bilder etwas Manisches, was man zum Beispiel an den feinsten Schraffuren, aber auch am seriellen Zugang zu Themen sieht.

Die Schau verdeutlicht, welch ein Schatz der Kunsthalle in den Schoß gefallen ist. Da sind nicht nur die vielen Zeichnungen. Auch die Gemälde zeugen von großem Geschick. Ein monumentales Querformat von 1982 (die Bilder sind alle unbetitelt) spannt drei zu Strichmännchen reduzierte Figuren perfekt in den Bildraum. Sie wirken wie Skelette, so dass sich eine Art Totentanz ergibt. Und die figurenreichen, totempfahlähnlichen Holzreliefs wirken wie die Übersetzung von alter Buchmalerei in ein neues Medium. Ein dichter Wald ist da bevölkert mit vielen verstört blickenden Menschen, Toten oder Überlebenden, denen Koczÿ neue Erinnerung schenkt.

Eröffnung Sonntag, 11 Uhr, bis 19.11., di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02361 / 501 935, www.kunst-re.de. Die Kunsthalle ist vom 28. – 30.8. aus technischen Gründen geschlossen.

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