Kritik an Stategien von Big Data

Kunsthalle Münster zeigt Video-Schau „Sensing Scale“

 Bild aus dem Video „Making of Earths“
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Signalempfänger: Bild aus dem Video „Making of Earths“. (2020) von Geocinema in Münster.

Lassen sich die Infoströme der globalen Welt abbilden? In Münsters Kunsthalle flimmern Videos, die unser Verhältnis zu Big Data aufgreifen.

Münster – Das Unsichtbare sichtbar zu machen, ist ein Motiv für Technik und Forschung. Röntgenstrahlen helfen in der Medizin und mit der Superzeitlupe löst der Film komplexe Bewegungsabläufe auf. Eine Ausstellung in Münster widmet sich unserer Kommunikation und fragt, welche Spuren der Datentransport in der globalen Welt hinterlässt und welche Auswirkungen die technoiden Systeme auf Zeit und Arbeit haben?

Unter dem Titel „Sensing Scale“ (etwa: spürbarer Rahmen) stellt die Kunsthalle Münster sechs Positionen vor. Die Ausstellung, die wegen der Pandemie verschoben wurde, bietet auch eine Installation und Audioarbeit des Fotografen Wolfgang Tillmans. Lassen sich unsichtbare Datenströme visualisieren? Hinterlässt das Tempo des Datenverkehrs Spuren beim Individuum? Tillmans hat einen Raum eingerichtet. Silberne Folien an den Wänden sind bildhafte abstrakte Platzhalter. Um den Grad von Abstraktion geht es in der Schau. Tillmans beschreibt in „I want to make a film“ (2018), mit welchem technischen Material er gearbeitet hat. Er benennt das, was sich durch die Digitalisierung in der Fotografie verändert. Tillmans, geboren in Remscheid, war im Jahr 2000 mit dem Turner-Preis (London) ausgezeichnet geworden. Er denkt an die Kabel auf dem Grund des Atlantiks, die die Datenströme ermöglichen. Diese Energie lässt sich aber nicht visualisieren. Tillmans reflektiert in einem Monolog, was passiert ist, seit es in London schnelles Internet gibt.

Die Kuratorin und Leiterin der Kunsthalle, Merle Radtke, sagt: „Die Schau will das Abstrakte bearbeiten, das der technokratische Zustand mitbringt, in dem wir leben.“ Sie präsentiert mit Vera Tollmann vor allem Videofilme und arbeitet dabei im großen Raum der Kunsthalle mit Gazevorhängen, um Bezüge zwischen den Positionen sichtbar zu halten. In der 5. Etage des Hafengebäudes fühlt es sich wie in einem verdunkelten Bildlabor an. Emma Charles (London) führt Fassaden aus dem New Yorker Bankenviertel in ihrem Film „Fragments on Machines“ (2013) vor. Symmetrische Flächen, geschlossene Fenster, nur ein Google-Schriftzug bringt Abwechslung in die Ödnis. In den überdimensionierten Foyers wirken Menschen verloren. Charles thematisiert, dass ein Stadtviertel so abweisend geworden ist, dass sie selbst nicht weiß, „wohin sie verschwinden soll“. Ihre Kamerafahrt durch die Hightech-Zentralen demonstriert die Verschränkung von Kapital und Internet. Zum Beispiel finden sich in Deutschland die Knotenpunkte für schnelles Internet in Frankfurt. In der Finanzwelt geht es um Sekunden beim Aktienhandel.

Die Künstlerinnen von Geocinema schauen aus dem All auf unsere Erde. Asia Bazdyrieva (Ukraine) und Solveig Suess (Schweiz) möchten mit ihrem Film „Making of Earths“ bewusst machen, dass unsere Smartphones mit dem GPS-System, also mit Satelliten verbunden sind. Statt unsere Erde als blauen Planeten zu idealisieren, schaut Geocinema genauer hin. Wie sieht es in den Bodenstationen aus, die über Radioteleskope ihre Daten aus dem All empfangen und deuten. Bazdyrieva/Suess zeigen in einer 4-Kanal-Installation Bilder aus China und Thailand. Ihr filmisches Kaleidoskop fügt Büros, Akten, Karten, Monitore und Menschen am Büffet zusammen. Es sind befremdliche Eindrücke zu einem postkolonialen Selbstverständnis, das auch mit Chinas Stolz auf die „digitale Seidenstraße“ einhergeht. Welches Weltbild herrscht dort vor?

Die Zeichnungen von Pedro Barateiro (Portugal) sind eine angenehme Ergänzung zu den Videos der Ausstellung. Was die elektronischen Datenströme mit uns Menschen machen, verkürzt er in einem Comic. Sein Monsterchen besteht aus Händen und Kopf. Die funktionale Metamorphose, die von Tastatur und Bildschirm getrieben wurde, mündet in den Verlust an Körperlichkeit.

Barateiros Video „The Opening Monologue“ (2018) ist dagegen eine Bilderflut aus gefundenen Motiven (Found Footage). Soziale und persönliche Bilder wechseln mit Aufnahmen von Robotern und lustigen Bildstandards (Memes) aus dem Netz. Wer hat diese Bilder autorisiert?

Die Ausstellung „Sensing Scale“ visualisiert das ungute Gefühl, dass Big Data eine Macht geworden ist, die die Verbindungen zu ihren Urhebern verschleiert. Wie können wir Einfluss nehmen? Wie groß ist der Spielraum, im abstrakten Datenstrom etwas Sinnfälliges zu schaffen? Vor allem wirft die Ausstellung Fragen auf. Aber das Sichtbarmachen von Big Data ist in Teilen unbefriedigend, weil vor allem Bildermassen bewegt werden.

Weitere Videos gibt es von Bahar Noorizadeh und Tekla Aslanishvili.

Bis 12. 9.; di-so 12 bis 18 Uhr; Tel. 0251/6744675; www. kunsthallemuenster.de

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