Kunstforum Hermann Stenner in Bielefeld, neues Ausstellungshaus

Flirrendes Licht: Hermann Stenner malte 1911 seinen „Kaffeegarten am Ammersee“. Zu sehen im neuen Kunstforum Hermann Stenner in Bielefeld. Das Gemälde gehört zur Sammlung Bunte. Foto: grünke, hamburg

Bielefeld – Mit der Schau „Hermann Stenner und seine Zeit“ startet ein neues Ausstellungshaus für moderne Kunst in Westfalen. In Bielefeld präsentiert sich nun die Sammlung Bunte vis-à-vis zur Kunsthalle nahe der Altstadt. Hermann-Josef Bunte hat Gemälde, Zeichnungen und Arbeiten auf Papier von Hermann Stenner (1891–1914) wie kein zweiter gesammelt. Außerdem interessierte sich Bunte auch für die Werke von Weggefährten und Zeitgenossen des Bielefelder Künstlers.

Die erste Ausstellung im Kunstforum Hermann Stenner ist eben dieser Sammlung des frühen 20. Jahrhunderts gewidmet. Schwerpunkt sind neben Stenner selbst der Westfälische Expressionismus und der Adolf-Hölzel-Kreis mit Beispielen der künstlerischen Avantgarde in Süddeutschland.

Vom großzügigen Foyer der historischen Stadtvilla (1836 gebaut) aus schließt sich eine Raumfolge aus unterschiedlich großen Kabinetten auf zwei Etagen an (Ausstellungsfläche 530 Quadratmeter). Kleine und mittlere Bildformate sind hier geradezu privat präsentiert. Victor Tuxhorns Gemälde „Lüneburg (St. Johannis)“ von 1920 strahlt im dunklen Rot. Neben der Kirche in expressiven Farben wirken die „Vier Frauen auf der Wiese“ (1911) ganz schlicht, bescheiden und mit wenigen Pinselstrichen getroffen. Der Deutsche Impressionismus klingt an. Ernst Sagewkas „Blumenstillleben“ (1920) geht dagegen verschwenderisch mit leuchtenden Rottönen um, bis zur pastosen Materialfülle. Sein „Schnitter“ (1923) steht mit gelben Hut und rosa Hemd kraftvoll und ein bisschen wild vor einem flammenden Himmel. Sehr vielfältig sind die Arbeiten des Westfälischen Expressionismus, und neben dem Museum Peter August Böckstiegel, das 2018 in Werther eröffnet wurde, scheint das Forum ein weiterer Ort für den regionalen Kunststil zu werden.

Von Böckstiegel (1889–1951) sind beispielsweise „Bauernkind aus Arrode“ (1911) und „Erntefeld“ (1912) zu sehen. Die Ausstellung fühlt sich der Bielefelder Moderne mit Stenner und Böckstiegel verpflichtet. Beide wurden überregional bekannt. Sogar die Freundschaft zwischen Peter-August Böckstiegel und Conrad Felixmüller (1897–1977) wird in einem Kabinettraum aufgegriffen.

Daneben sind Bilder von Zeitgenossen wie Eberhard Viegener (1890–1967) gehängt, der mit religiösen Motiven und Soester Stadtbildern auf sich aufmerksam machte. Insgesamt bietet das Kunstforum Hermann Stenner 200 Exponate. Es gibt Leihgaben auch aus der Kunsthalle Bielefeld, aus Münster, aus Privatbesitz und dem Gustav-Lübcke-Museum. Kunsthistorikerin Anna Maria Katz (37) hebt ein Konvolut an Papierarbeiten Stenners hervor, das zum Bestand des Hammer Museums zählt.

Das neue Haus in Bielefeld will neben dem Leben und Werk Stenners den Stilpluralismus der Zeit anklingen lassen. Außerdem wird das westfälische Umfeld, das Stenner 1910 Richtung Stuttgart verlassen hatte, thematisiert. Stenner werde immer einen Platz haben, sagte Katz. Wechselausstellungen sind künftig fest eingeplant. Wie hoch der Anteil zeitgenössischer Kunst sein wird oder ob sich das Haus ganz auf die Klassische Moderne konzentrieren wird, entscheidet sich mit Christiane Heuwinkel. Die 57-Jährige leitet noch die Bereiche Kommunikation und Bildung am Kunstmuseum Wolfsburg. Ab 1. April wird sie Leiterin des Stenner-Forums. Heuwinkel kehrt nach fünf Jahren zurück nach Bielefeld. Bereits von 1993 bis 2014 hatte sie die Kommunikation in der Kunsthalle verantwortet. Auch als Trägerin des Kulturpreises der Stadt und als Vorsitzende der Murnau-Gesellschaft (bis 2015) ist sie in Bielefeld mehr als bekannt. Die Goldbeck-Stiftung, Trägerin des Stenner-Forums, hat Christiane Heuwinkel „vollen Gestaltungsfreiraum in allen künstlerischen Belangen“ zugesichert.

Die aktuelle Schau, die noch von Anna Maria Katz kuratiert wird, will vor allem Stenners rasante Entwicklung nachzeichnen. Als Freiwilliger starb der Künstler bereits 1914 an der Ostfront. Als 23-Jähriger hinterließ er über 270 Gemälde und rund 1500 Arbeiten auf Papier. „Hermann Stenner wäre einer der besten Maler Deutschlands geworden“, sagte Willi Baumeister noch 1950.

In Bielefeld wird diese Wertschätzung belegt. Stenners expressive Bilder, wie „Kaffeegarten am Ammersee“ oder „Rote Blumen mit weißen Krug“ (beide 1911) entstanden in der Zeit, als er mit seinem Lehrer Christian Landenberger und Studenten von Stuttgart nach Bayern in die Sommerfrische fuhr. Der Zwanzigjährige lernte Johannes Itten und Oskar Schlemmer kennen, die später Meister am Bauhaus in Weimar wurden. Die Freundschaft zu Itten wird in der Schau sogar mit einer Motivnähe beider Künstler nachgewiesen.

Ganz erstaunlich ist das Bild mit zwei Seiten, das in der ersten Etage der Villa steht. Es demonstriert, wie unermüdlich Stenner arbeitete. Als ein Mäzen seine kühn expressive Stadtansicht von Monschau („Monjoie“) nicht gefiel, malte er für den Bielefelder auf der Rückseite eine klassische Ansicht der Sparrenburg in herbstlichen Farben („Sparrenburg“, 1912). Unter dem Titel „Mystik und Religion“ wird auch Stenners letztes Thema und sein Wille zur Abstraktion dokumentiert.

Die Ausstellung ist so umfassend, dass sie auch als Dauerpräsentation für ein Kunstforum Hermann Stenner fungieren könnte.

Bis 10. Juni; mi-fr 14 – 18 Uhr, sa, so 11 – 18 Uhr; Tel. 0521/800 660 10; www.kunstforum- hermann-stenner.de

Hermann Stenner Forum in historischer „Weber Villa“

Das Kunstforum Hermann Stenner ist im historischen Gebäudeteil des Ortwin Goldbeck Forums in Bielefeld untergebracht. Die Goldbeck GmbH ist ein international tätiges Bielefelder Bauunternehmen. In der ehemaligen „Weber Villa“, 1836 vom Kaufmann Karl August Weber erbaut, 1930 von der Handelskammer erweitert und 2015 von der Goldbeck Stiftung erworben, haben die Architekten Susanne Crayen und Partner ein Ausstellungshaus entwickelt. Beispielsweise wurden die Holzfenster denkmalgerecht erneuert und der Mitteltrakt von 1930 für Büros angehoben. 2018 ist der zeitlose Anbau von Dohle + Lohse Architekten (Braunschweig) als zweiter Teil des Goldbeck Forums eröffnet worden. Die Investitionssumme der Stiftung beläuft sich auf insgesamt 12 Millionen Euro. Die Mieteinnahmen aus dem Forum, wo eine Start-up-Initiative residiert, fließen in den Kunstbetrieb. Das Kunstforum nutzt seinen Gebäudeteil mietfrei. Ein Leihvertrag über zehn Jahre mit der Sammlung Bunte ist die Basis für Ausstellungen im Kunstforum.

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