Wie die Kunst auf industrielle Umbrüche reagiert, zeigt Wuppertal

Ein tragischer Held ist der „Kohlenbergarbeiter“ in der Farblithografie von Conrad Felixmüller. Das Bild hängt im Von-der-Heydt-Museum. Fotos: Museum

Wuppertal – Die Schlote rauchen auf Conrad Felixmüllers Farblithografie „Kohlenbergarbeiter“. Aus dem blaugrauen Dunst schält sich im Vordergrund ein Mann, die Haut vom Kohlenstaub geschwärzt, mit grell leuchtenden großen Augen. Diese imposante Figur beherrscht das Bild, und doch sieht man, welche Spuren die Maloche an ihm hinterließ.

Felixmüller hatte 1920 den sächsischen Staatspreis gewonnen. Eigentlich sollte die Auszeichnung dem Gewinner ermöglichen, nach Rom zu fahren, um die Kunst der Antike und der Renaissance zu studieren. Der Künstler fuhr ins Ruhrgebiet und befasste sich mit der Kohle- und Stahlindustrie.

Das Bild hängt seit fast zwei Monaten im Von-der-Heydt-Museum in der Ausstellung „Vision und Schrecken der Moderne“. 2020 erinnerte Wuppertal an den 200. Geburtstag von Friedrich Engels. Die Ausstellung sollte ein Hauptbeitrag zum Gedenkprogramm für den in Barmen geborenen Philosophen sein. Das Jahr ist um, ohne dass Publikum die Schau hätte sehen können. Ein weiteres Kulturprojekt, das der Pandemie zum Opfer fällt.

Die Kuratorinnen Antje Birthälmer, Beate Eickhoff und Anna Storm dokumentieren mit rund 150 Werken, wie Künstler auf die Umbrüche von der industriellen Revolution bis in die Gegenwart reagieren. Die Präsentation bietet Werke von Malern und Bildhauern wie Max Beckmann, Otto Dix, Constantin Meunier, Käthe Kollwitz, Wilhelm Lehmbruck. Manches musste entliehen werden wie Carl Wilhelm Hübners Gemälde „Die schlesischen Weber“ (1844) aus dem Kunstpalast Düsseldorf, das die verelendeten Arbeiter in einem Kontrast mit dem arroganten Fabrikanten zeigt. Engels schrieb über das Bild, es agitiere wirksamer für den Sozialismus „als hundert Flugschriften“. Aber erstaunlich, wie viel überaus aussagekräftiges Material für die Schau die Kuratorinnen in der Sammlung des Von-der-Heydt-Museums fanden.

Es liegt daran, dass die damals noch eigenständigen Städte Barmen, wo Engels als Sohn eines Baumwollfabrikanten geboren wurde, und Elberfeld frühe Zentren der Industrialisierung waren. Textilunternehmer kamen hier zu Reichtum und wurden kaufkräftige Kunden für Künstler. Im ersten Saal findet man Zeugnisse wie Fritz Roebers Gemälde „Vor dem Ausritt“ (1898), das den Knopffabrikanten und Politiker Emil Weyerbusch und seine Frau bei einer einst dem Adel vorbehaltenen Vergnügung zeigt. In einem Ensemble von Porträts zeigt Heinrich Christoph Kolbe Vertreter des Großbürgertums so, wie Altmeister einst Herzöge und Bischöfe abbildeten. Nur allmählich richtete sich der Blick auf die Arbeitswelt. Man sieht es an Bronzen: Der französische Salonkünstler Charles Octave Lévy schuf noch eine triumphale Allegorie der Industrie als junger Frau (um 1870/90). Aber Künstler wie Constantin Meunier nahmen schon den Arbeiter selbst als Motiv, wie den „Hammerschmied“ (1906). Heinrich Kley malte um 1913 die Stahlgießerei als Szenerie für die „Krupp‘schen Teufel“. Die Arbeiter schuften da nicht an großen Kesseln und Gusskanälen, sondern zwischen mythischen Figuren.

Doch zu der Zeit hatte sich bereits eine sozialkritische Kunst etabliert, die Armut, Ausbeutung und Widerstand ansprach. Max Klinger verarbeitete 1883 in einem Zyklus von zehn Radierungen das Schicksal einer verarmten Frau, die nach einem Selbstmordversuch aus Verzweiflung vor Gericht landet, und revolutionäre Aufstände. Heinrich Zille fotografierte um 1900 den Alltag des Berliner Proletariats. Und Käthe Kollwitz aktualisiert in ihrem Zyklus den Bauernkrieg des 16. Jahrhunderts (1903-1908). Die „Gefangenen“ sehen aus wie eine Gruppe eingekesselter Streikender.

Besonders fruchtbar für eine kapitalismuskritische Kunst war die Zeit vor 1933. Max Beckmann, Otto Dix, George Grosz hielten in ihrer Druckgrafik Szenen aus der Weimarer Republik fest, Arbeiter mit dem geschulterten Spaten, hungernde Proletarier, Kriegskrüppel mit Krücken. Ein Gemälde wie die „Industriebauern“ (1920) von Georg Scholz provozierte durch Überzeichnung der Landwirte als nationalistische, frömmlerische, feiste, buchstäblich vernagelte Figuren.

Ein ganzer Raum ist den „Kölner Progressiven“ gewidmet, die Mittel des Konstruktivismus für aufklärerische Kunst nutzten. Die 1923 gegründete Gruppe um Franz Wilhelm Seiwert, Heinrich Hoerle und Gerd Arntz abstrahierten ihre Darstellungen zu plakativen Bildsymbolen. In der Serie „Häuser der Zeit“ (1927) zeigt Arntz eine Art Alltagslexikon in Piktogrammen, und man findet das Bordell neben der Kaserne, das Gefängnis neben der Fabrik, was noch heute zu frappierenden Aha-Effekten führt.

Auch fotografische Positionen sind aufgenommen, von den frühen Ansichten von Fabrikanlagen des Ruhrgebiets von Albert Renger-Patzsch über die abstrakten, eher an formalen Fragen ausgerichteten arbeiten von Peter Keetmann aus dem VW-Werk in Wolfsburg bis zu den Serien von Bernd und Hilla Becher. Das Fotografenpaar hat nicht nur Wassertürme museal archiviert, es hat auch den Bahnhof Werther Brücke der Wuppertaler Schwebebahn in Barmen dokumentiert.

Im abschließenden, naturgemäß sehr knappen Kapitel zur Gegenwartskunst schließt sich gleichsam der Kreis. Andreas Siekmann knüpft mit seiner Mixed-Media-Arbeit „Nachbar A hört gern laute Musik“ (2008) bei den Kölner Progressiven an. Seine Erklärtafeln in Piktogrammen handeln von der Energiewirtschaft, Umweltverschmutzung und Profit.

Mit Glück kann das Museum die ambitionierte Ausstellung bis in den Sommer verlängern.

Bis 28. Februar,

zur Zeit geschlossen.

Tel. 0202 / 563 6231, www. von-der-heydt-museum.de, Katalog 24,50 Euro

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