Moderne Kunst im öffentlichen Raum

Kultur im Lockdown erleben: Ein Kunst-Spaziergang durch Essen

Kultur im Lockdown: Kunst-Spaziergang durch Essen
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Kultur im Lockdown: Kunst-Spaziergang durch Essen

Schleife, Stahlkette, gespaltene Steine: Die Kultur- und Wirtschaftsstadt Essen zeigt moderne Kunst im öffentlichen Raum. Eine Wanderung mit Kultur trotz Lockdown.

Essen – Als die Stadt Essen und das Ruhrgebiet 2010 Kulturhauptstadt wurden, erinnerte ein „Titel“ an das Selbstverständnis einer Großstadt, die immer Wirtschaftsstandort gewesen ist: „Ruhrhattan“ war an die Skyline New Yorks angelehnt und stützte sich auf den Westenergie-Turm (früher RWE), mächtige Verwaltungsgebäude wie das Y-Hochhaus nahe der Autobahn 40 und das klotzige Rathaus. Natürlich ist viel Marketing dabei, wie auch bei der Zuschreibung „Metropole Ruhr“. (News zum Coronavirus)

StadtEssen
Einwohner582.760 (31. Dez. 2019)
Stadtgliederung9 Stadtbezirke mit 50 Stadtteilen

Kultur im Lockdown erleben: Ein Kunst-Spaziergang durch Essen

Heute verblassen die koketten Begriffe angesichts alltäglicher Probleme. Das Y-Hochhaus soll im Sommer abgerissen werden. An Kunst wird gespart. Aber Essen ist nicht erst seit 2010 eine Kulturstadt. Auch wenn das Museum Folkwang, das Ruhr Museum, die Aalto-Oper, das Grillotheater und die Philharmonie derzeit geschlossen sind, findet sich seit vielen Jahrzehnten Kunst im öffentlichen Raum – in der City, in Parks. Und wer sie besucht, steht oft vor Firmenzentralen und Kultureinrichtungen.

Kunst-Spaziergang durch Essen: Vom Hauptbahnhof in Richtung Innenstadt

Vom Hauptbahnhof geht es Richtung Innenstadt gleich rechts auf die Hollestraße. Auf der linken Seite findet sich vor der Stadtbibliothek eine Treppe runter zur Gildehofstraße. Durch eine Bogeneinfahrt findet sich rechts in einem Innenhof die Skulptur „Keanaa“ (1989) von Pit Kroke. Kroke (1936–2016) schuf mehrteilige Stahlskulpturen, deren Einzelelemente sich aneinander lehnen – abstrakt wie verbindend.

Die Gildehofstraße führt weiter zum Varnhorstkreisel, wo „Sieben Stelen“ (2000) von Zero-Mitbegründer Heinz Mack verteilt wurden. Fünf stehen an der Straße Spalier und zwei sind auf Verkehrsinseln platziert. Seit 2020 sind die 13 Meter hohen Edelstahl-Pfeiler mit ihren Leuchtröhren wieder illuminiert. Richtung Innenstadt geht es die I. Dellbrügge hoch, an den Schaukästen des Lichtburg-Kinos vorbei bis zum Grillotheater, wo Bildreliefs über den Türen ins Auge fallen. Herbert Lungwitz schuf im Jahr 1950 moderne Allegorien zu Schönheit und Musik, Frieden und Harmonie sowie zur Zähmung des Minotaurus.

Kunst-Spaziergang durch Essen: Pit Kroke „Keanaa“ neben Gildehof und RWE

Kunst-Spaziergang durch Essen: Zwischen Theaterhaus, Salzmarkt und Limbecker Platz

Rechts am Theaterhaus vorbei führt die Straße II. Hagen nach einer Linkskurve zu Serge Spitzers raumgreifender Skulptur „Untitled (Essen)“ von 1996. Mehrmals sollte das Werk, das aus 125 Meter Doppel-T-Trägern wie zu einer Tonne gebogen wurde, den Standort wechseln. Aber der rumänische Künstler, der international renommiert ist und 1979 im Museum Folkwang seine erste Einzelschau im Westen hatte, widersetzte sich – viel Stahl für die ehemalige Stahlstadt.

Wer nun auf der Vereinstraße weitergeht und rechts in III. Hagen abbiegt, stößt geradeaus auf den Salzmarkt, wo Ansgar Nierhoffs mehrteilige Arbeit „Ein leichtes Spiel“ (1991) platziert ist. Der Bildhauer (1941–2010), Meisterschüler von Norbert Kricke, stellt fürs „Billardspiel“ einen Queue, eine Kugel, eine geteilte Scheibe (Rondo) und eine quadratische Grundfläche bereit – aus geschmiedetem Stahl. Weiter bis zur Brandstraße findet sich die filigrane kinetische Plastik „Two Lines Up“ (2000, Edelstahl poliert) von George Rickey (1907–2002). Ein Stück weiter ist Ansgar Nierhoff, 1983 Assistent des US-Künstlers, erneut anzutreffen mit „Zwei Kompositionsstreckungen“ (1993). Man gelangt über die Kibbelstraße und rechts in die Friedrich-Ebert-Straße zu dem minimalistischen Werk aus gebündelten Stahlstäben und Ronden (auf einer Welle) am Limbecker Platz.

Kunst-Spaziergang durch Essen: Rüttenscheider Stern bis zum Museum Folkwang

Weiter zum Berliner Platz geht es in die U-Bahn-Station, von wo man in kurzer Zeit mit der U11 zum Rüttenscheider Stern in den Süden Essens gelangt. Hier finden sich auf dem Weg zurück zum Hauptbahnhof zahlreiche Skulpturen.

Man geht einfach Richtung Museum Folkwang. Nahe Ulrich Rückriems „Treppe“ aus Dolomit (gespalten, geschnitten, 1982) an der Bismarckstraße, findet sich Richard Serras Stahlskulptur „Inverted House of Cards“ (1969/84) auf der Rückseite des Hauses an der Kahrstraße. Friedrich Gräsels „Schiffsketten“ (Edelstahl, 1972) sind an der Goethestraße zu sehen. Sie reichen den kleinen Hang von der Straße herunter zum Museum.

Kultur in Essen: Mehrteilige Arbeit von Friedrich Gräsel am Museum Folkwang Essen: „Schiffsketten“ (Edelstahl, 1972).

Kunst-Spaziergang durch Essen: Vom Museum Folkwang in den Glück-auf-Park

Weiter geht es hinter dem Museum Folkwang her über eine Fußgängerbrücke in den Glück-auf-Park, wo eine massige Stahlskulptur von documenta-Teilnehmer Meuser in Orange (Mennige) erstrahlt. Meuser, Vorname Nikolaus und in Essen geboren, studierte bei Beuys und Heerich in Düsseldorf. Neben seinen Material-Assemblagen aus Fundstücken ist die Arbeit „Porscheplatz“ (1999/2018) eine schwergewichtige Erinnerung an seine Kindheit. Auf der Kirmes am Porscheplatz standen Schiffsschaukeln.

Kunst-Spaziergang durch Essen: In Orange steht „Porscheplatz“ (Stahl, 1999/2018) vom Künstler Meuser im Essener Glück-auf-Park.

In dem kleinen Park des Südviertels überrascht eine nüchterne Stelen-Gruppe von Timm Ulrichs („Umraum“, 1987/89). Über die Rüttenscheider Straße hinweg findet sich rechts an der Hohenzollernstraße die wuchtig verspielte Plastik „Dynamik“ des rumänischen Künstlers Ladis Schwartz (1920–1991). Auf der anderen Straßenseite liegt der Stadtgarten, wo gleich eine feine Steinarbeit von Max Bill überzeugt. Mit „Unendliche Schleife“ (1935/53) steht in Essen eine Variante seiner seriellen Arbeit zur Visualisierung von Unendlichkeit. Bill (1908–1994) beschäftigte sich auch mit Architektur, Kunst und Produktdesign. Da in Essen meist Infotafeln fehlen, fällt sie hier einmal auf: „ausgeführt in Tranasgranit 1974“.

Kunst-Spaziergang durch Essen: Vom Stadtgarten zurück zum Hauptbahnhof

Im Stadtgarten – hinter Philharmonie und Aalto-Oper – finden sich unter anderem die „Männer im Wind“ (2019) von Thomas Schütte, Klaus Simons „Pentagramm“ (1987) auf morschen Balken, die traditionell-klassische Bronze „Die Fee“ (1905) von Wilhelm Nida-Rümelin, Großvater des Philosophen Julian Nida-Rümelin, sowie Ulrich Rückriems von Graffiti überzogenes „Steinhaus“ (1988) und seine hohe Steinblock-Stele „Ohne Titel“ (1987). Von hier aus geht es die Huyssenallee entlang zum Hauptbahnhof.

Graffiti auf Ulrich Rückriems „Steinhaus“ von 1988. Noch 2020 war das Werk gereinigt worden.

Ulrich Rückriem hatte jahrelang ein Atelier auf Zollverein, dem heutigen Weltkulturerbe. Während der Errichtung der Aalto-Oper sind seine Objekte in den Stadtgarten gekommen. Auch Friedrich Gräsel ist in Essen mehrfach vertreten. Beispielsweise im Moltkepark, wo aufgrund privater Initiativen ein Skulpturenareal entstanden ist. Und natürlich bietet der Grugapark moderne Plastiken, wie Henry Moores „Knife Edge“ (1961). Aber dann müsste man wieder mit der U11 fahren – vom Bahnhof aus – oder einfach wiederkommen.

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